Schnarchen Special

Laute Atem­geräusche sind lästig, aber ungefähr­lich. Lebens­gefahr droht, wenn die Atmung aussetzt. Ob gefähr­lich oder ungefähr­lich: Beides lässt sich behandeln.

Ob ihr Ehemann Rainer irgend­wann einmal nicht geschnarcht hat? Sylvia Günther kann sich nicht daran erinnern. Seit 35 Jahren sind die beiden verheiratet, teilen Wohnung, Tisch – und Bett. Beinahe jede Nacht wacht Sylvia Günther von Rainers Schnarch­geräuschen auf. Morgens ist sie müde. Ihr Rainer ist sich keiner Ruhe­störung bewusst.

Wie bei den Günthers in Blum­berg bei Berlin geht es in vielen Schlaf­zimmern zu. Etwa jeder dritte Deutsche schnarcht, ab 40 Jahren sogar jeder zweite. Meist sind es Männer. Ein Gesund­heits­risiko ist das Grunzen und Röcheln für die Schnarcher selbst nicht, für die Bett­partner ist es aber belastend. Die Geräusche unter­brechen ihren Schlaf und machen ihn so weniger erhol­sam. Für viele ist das Stress pur. Die Schnarcher selbst klagen am nächsten Morgen höchs­tens über einen trockenen Mund, manche auch über Hals­schmerzen.

Erschlafftes Gewebe schwingt

Schnarchen Special

Die Geräusche haben verschiedene Ursachen: Im Schlaf erschlaffen sämtliche Muskeln des Körpers – auch die im Mund. Das Gewebe vibriert dann leichter und verursacht die ungeliebten Töne. Häufig ist es das Gaumensegel, das im Rachen die Geräusche erzeugt, weil es beim Atmen hin und her flattert. Mit dem Alter wird das Gewebe generell schlaffer.

Aber auch zu viel Gewebe verursacht Atemlärm. Rutscht in Rückenlage etwa eine zu große Zunge in den Rachen, sucht sich die Luft einen Weg an ihr vorbei. Der Atem­zug wird stärker und versetzt das umliegende Gewebe in Mund und Rachen in laut­starke Schwingungen. Dasselbe kann auch eine geschwollene Schleimhaut bei Schnupfen oder Allergien bewirken. Besonders häufig ist Schnarchen bei Menschen mit Überge­wicht: Zum einen erschwert ihr Bauch­fett das Atmen. Zum anderen drückt ein Doppelkinn den hinteren Teil der Zunge gen Rachen. Auch auf dem Rücken zu schlafen, fördert Atem­geräusche.

Atemaussetzer sind Alarm­zeichen

Bei manchen bleibt es nachts nicht beim Schnarchen. Wenn die Atem­geräusche im Schlaf unregelmäßig und immer lauter werden sowie plötzlich für Sekunden die Atmung aussetzt, raten Experten zu Obacht. „Normales Schnarchen kann in ein Schlaf­apnoe­syndrom münden“, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Detlef Brehmer, der als Professor an der Universität Witten/Herdecke Medizin lehrt. Die oberen Atemwege kollabieren dann und versperren der Luft den Weg in die Lunge.

„Das hat mir richtig Angst gemacht“

So auch bei Rainer Günther. Mit den Jahren wurde sein Schnarchen immer stärker, die Geräusche schallten durch mehrere Wände hindurch. Eines Nachts wurde seine Frau wach, weil ihr Mann nur noch gluckste. „Es klang, als ob er atmen will, aber nicht kann“, erinnert sich Sylvia Günther. Erst nach einigen Momenten atmete er hastig tief ein. „Das hat mir richtig Angst gemacht“, sagt sie. Immer öfter wachte sie nun auf, weil ihr Mann zwischen den Schnarchern plötzlich sekunden­lang aufhörte zu atmen. Das war ihr zu viel. Sie über­redete ihren Mann, zum Arzt zu gehen. „Zum Glück“, sagt er heute.

Nur ein Bruch­teil Sauer­stoff

Nachdem er Jahr­zehnte lang vehement bestritt zu schnarchen, lässt er sich nun von einem Lungen­arzt unter­suchen. Schließ­lich über­nachtet Rainer Günther in einem Schlaf­labor. Dort haben Mediziner seine Atmung sowie die Herz- und Gehirn­tätig­keit im Schlaf gemessen. Die Befunde erschre­cken ihn: Mehr als 1 500 Schnarcher zählen die Geräte, mindestens 250 pro Stunde – viele davon so laut wie ein Staubsauger. Aber viel schlimmer: In rund sechs Stunden Schlaf atmet er 157 Mal so flach, dass nur noch ein Bruch­teil der üblichen Menge Sauer­stoff in seine Lungen gelangt. Dreimal stoppt die Atmung, für bis zu 22 Sekunden. Die Diagnose: mittel­schweres Schlaf­apnoe­syndrom. Die Folgen können lebens­gefähr­lich sein: Sekunden­schlaf und rasche Erschöpfung am Tag, aber auch Blut­hoch­druck, Herz­infarkt oder Herz­still­stand sowie Schlag­anfälle.

Für den Körper ist der Atem­stopp Stress. Er verursacht einen Abfall von Sauer­stoff im Blut. Das Herz pumpt kräftiger, der Blut­druck steigt. Schon allein das begüns­tigt Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen. Nach einigen Sekunden Atem­still­stand im Schlaf schlägt das Gehirn Alarm. Das Stress­hormon Adrenalin schießt durch den Körper. Die Betroffenen wachen auf – ohne es zu merken. Ein Prozedere, das sich zigmal in der Nacht wieder­holt und das Immun­system ebenso schwächt wie das Herz.

„Ich war so müde“

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Endlich genug Schlaf. Für Sylvia Günther sind die unruhigen Nächte vorbei. Ihr Mann Rainer schnarchte nicht nur, er litt auch am Schlaf­apnoe­syndrom.

Mehr als 500 Mal in den sechs Stunden riss es Rainer Günther aus dem Tief­schlaf. Er schlief nie länger als zehn Minuten am Stück, oft nicht mal eine Minute, so die erschre­ckende Auswertung des Schlaf­labors. Die Folgen zeigten sich am Tag: Er schlief schnell vor dem Fernseher ein, im Kino oder auch beim Zeitung­lesen.

Manchen Betroffenen passiert das nach dem Mittags­mahl am Schreibtisch oder beim Auto­fahren (zum Selbsttest). „Dass ich so müde war, hab ich immer darauf geschoben, dass ich weniger Stunden schlafe als meine Frau“, sagt er.

Vielfältige Therapie­möglich­keiten

Wer sich tags­über matt fühlt, obwohl die Schlafdauer ausreichend lang war, sollte sich vom Arzt unter­suchen lassen, raten Experten. Sowohl Hals-Nasen-Ohren-Ärzte als auch spezialisierte Schlafmediziner und Lungen­ärzte helfen weiter. Ebenso wie die Auslöser von Schnarchen und Schlaf­apnoe sind auch die Behandlungsmethoden vielfältig.

„Viele Patienten möchten am liebsten eine Pille verschrieben bekommen, die sie einmal am Tag nehmen müssen“, sagt HNO-Arzt Brehmer. Aber es gibt bislang keine wirk­samen Medikamente gegen die Atem­geräusche. „Die Öle, Tropfen und Pillen sind ihren Erfolg schuldig geblieben“, betont der Experte für Schnarchen und Apnoe. Ihre Wirk­samkeit ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Sind Allergie oder Erkältung schuld, ist Nasen­spray oft hilf­reich. „Es lässt die Nasen­schleimhaut abschwellen und lindert somit die lauten Geräusche“, weiß Brehmer. Hilfs­mittel wie Westen und Kissen gegen Rückenlage oder auch Zahn­schienen können bei einigen Betroffenen hilf­reich sein, die Eignungs­nach­weise reichen nach wissenschaftlichen Kriterien oft nicht aus. Und Atemaussetzer verhindern sie kaum.

Nasenmaske gegen Atem­still­stand

Mehr Erfolg verspricht eine Änderung des Lebens­stils. Auch Rainer Günthers Arzt hatte ihm dazu geraten: gesünder essen, mehr bewegen, abends kein Alkohol. Das lindere das Schnarchen. Gegen die Apnoe empfahl er eine Atemmaske für die Nacht. Bei dem Schlaf­apnoe­syndrom hat sich das CPAP-Gerät bewährt (Continuous Positive Airway Pressure: kontinuierlicher positiver Atemwegs­druck). Ein Schlauch verbindet die Maske auf der Nase mit einem hand­taschen­großen Gerät auf dem Nacht­tisch. Es führt mit Über­druck Luft in die Atemwege. Als Privatpatient musste Rainer Günther nichts dazu­zahlen. Auch gesetzlich Versicherte müssen dafür nicht selbst in die Tasche greifen, wenn sie ein Schlaf­apnoe­syndrom haben.

Seit andert­halb Jahren benutzt Günther die Maske Nacht für Nacht. „Am Anfang war das befremdlich. Heute möchte ich nicht mehr darauf verzichten.“ Morgens fühlt er sich fitter, seine Frau auch. Eine zweite Unter­suchung im Schlaf­labor hat bestätigt: Schnarcher und Atem­still­stand sind bei Rainer Günther passé.

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