Interview: „Keine Angst vor Morphin“

Schmerztherapie bei Krebs Special

Eine Schmerztherapie erhöht die Lebensqualität von Krebskranken, sagt Dr. Andreas Kopf. Er leitet das Benjamin-Franklin-Schmerz- und Palliativzentrum der Berliner Universitätsklinik Charité.

Leiden alle Krebspatienten auch unter Schmerzen?

Fast alle. Bei der Diagnose vielleicht nur jeder dritte, aber im Verlauf der Erkrankung haben 70 bis 80 Prozent der Patienten behandlungsbedürftige Schmerzen. Das ist aber nichts, was sie beunruhigen sollte, denn Tumorschmerzen sind relativ einfach zu behandeln. Die wichtigsten Medikamente sind Morphin und ähnliche Mittel.

Kommt dieses medizinische Wissen bei den Patienten an?

Wahrscheinlich könnte man neun von zehn Patienten mit einfachen Mitteln so hinkriegen, dass sie sagen, jetzt komme ich zurecht. Sicherlich schafft man es nicht, alle, die man theoretisch behandeln könnte, auch so gut zu behandeln, aber zwei Drittel sind das bestimmt. Das hat sich deutlich gebessert in den letzten Jahren.

Was können Patienten selbst für eine bessere Behandlung tun?

Das Wichtigste ist, dass sie keine Angst vor morphinähnlichen Schmerzmitteln haben. Außerdem sollten sie eine Bedarfsmedikation einfordern, mit der Frage: Was mache ich, wenn ich zwischendurch mal stärkere Schmerzen habe? Und wenn sie das Gefühl haben, dass sie gar nicht zurechtkommen und der eigene Doktor nicht mehr weiter weiß, sollten sie einen Schmerzspezialisten konsultieren.

Wie findet man die richtige Dosis für ein Schmerzmittel heraus?

Man lässt letztendlich den Patienten die Dosis finden. Der Patient bekommt ein Medikament, das lang wirksam ist, und das gleiche noch mal in einer Form, in der es schnell und kurz wirkt. Zuhause probiert er dann etwa zwei Tage lang aus, wie oft er das Zusatzmedikament braucht, weil die Schmerzen zu stark sind. Bis zu zweimal ist normal. Wenn er das schnell wirksame Mittel aber sechs- oder siebenmal am Tag braucht, weiß der Arzt, dass die Dauermedikation erhöht werden muss. Patienten, die zum erstenmal Opioide einnehmen, erhalten zur Dosisfindung nur ein schnell wirkendes Mittel.

Verordnen auch Hausärzte diese Medikamente?

Der Anteil der Ärzte, die Morphin und ähnliche Medikamente verschreiben, nimmt kontinuierlich zu. Eine große Hilfe dabei ist, dass spezielle Betäubungsmittelrezepte inzwischen unbürokratisch bei der Bundesopiumstelle beantragt werden können. Trotzdem gibt es immer noch die Situation, dass ein Patient nur deshalb seinen Arzt wechseln muss, weil dieser keinen entsprechenden Rezeptblock hat.

Werden Patienten von Morphin abhängig?

Es gibt eine körperliche Gewöhnung. Das müssen Patienten auch wissen, sie dürfen die Medikamente daher nicht abrupt weglassen. Das ist ähnlich wie bei anderen Mitteln, zum Beispiel gegen Bluthochdruck oder Epilepsie.

Und abhängig im Sinne einer Sucht?

Sucht ist etwas anderes. Das bedeutet, dass jemand sich nur mit dem Medikament gut fühlt, weil er immer wieder tolle Erlebnisse hat, wenn er es nimmt. Das ist aber nur dann der Fall, wenn es in einem Schuss in die Vene gespritzt wird. Dann kommt das sehr schnell an im Gehirn und erzeugt ein Gefühl von Wohligkeit und Glück. Wenn aber ein Patient mit Tumorschmerzen Tabletten nimmt, die über acht Stunden oder länger wirken, dann empfindet er vielleicht ein leichtes Gefühl von Müdigkeit und Entspannung, aber nichts, was eine Sucht auslöst.

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