Kopfweh, Zahn­entzündung, Gelenk­leiden, Regel­beschwerden: Ganz ohne Schmerz­mittel kommt fast niemand durch den Alltag. Die Auswahl an rezept­freien Medikamenten ist groß – und viele sind laut Bewertung der Stiftung Warentest nach­weislich geeignet. Allerdings sollten sie behut­sam einge­setzt werden. Im Über­maß können sie ernste Neben­wirkungen verursachen. test nennt die güns­tigsten geeigneten Präparate gegen Schmerzen und sagt, wann und für wen sie infrage kommen.

Schmerzen warnen vor Gefahren

Nie Schmerzen erleiden: Manch einer wünscht sich das. Tatsäch­lich sollte man es niemandem wünschen. Was es bedeutet, wenn Menschen selbst Wunden, Zahn­entzündungen oder Knochenbrüche nicht spüren, zeigen Schick­sale wie das von Amelie*, die ohne Schmerz­empfinden geboren wurde. Das Mädchen leidet an Analgesie. Betroffene haben immer wieder Verletzungen, darunter selbst zugefügte wie schlimm aufgekratzte Haut oder eine abge­bissene Zungenspitze. „Ohne den Schmerz mit seiner Warn­funk­tion werden solche Gefahren und auch innerliche Organschäden nicht erkannt“, sagt Dr. Enrico Leipold, Biophysiker an der Uni Jena. Leipold entdeckte mit Kollegen die Ursache von Amelies Problem: ein verändertes Gen namens SCN11A. Es bewirkt, dass Nerven, die Schmerzreize vom Entstehungs­ort zum Rückenmark leiten, nicht mehr richtig arbeiten. „Auch andere Gendefekte können Analgesie verursachen“, sagt Leipold. Insgesamt gebe es welt­weit nur einige hundert dokumentierte Fälle. Ihre Erforschung sei auch zur Entwick­lung neuer Arzneien gegen Schmerz wichtig.

Gängige Schmerz­mittel sind geeignet

Schmerz­mittel Test

Bisherige Schmerz­mittel wirken ebenfalls am Nerven­system, wenn auch an anderen Punkten als dort, wo die Leitung bei Amelie nicht funk­tioniert (siehe Grafik). Die Arznei­experten der Stiftung Warentest bewerten viele Medikamente gegen Schmerzen als geeignet. Zu ihnen zählen rezept­freie mit Azetylsalizylsäure (ASS), Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen und Parazetamol. Sie alle dämpfen nach­weislich Schmerzen und Fieber, viele auch Entzündungen. Dabei können sie individuell verschieden anschlagen und bergen unterschiedliche Risiken. Welches Mittel ist das beste für welche Beschwerden und für welchen Patienten? Die Steck­briefe unter Fünf geeignete Wirkstoffe und ihre Wirkweisen helfen bei der Auswahl. In den Tabellen nennen wir die güns­tigsten rezept­freien Präparate.

Tipp: Detaillierte Informationen zu den Ursachen von Schmerzen, typischen Anzeichen und Beschwerden sowie zu geeigneten Wirk­stoffen und Medikamenten (inklusive Preis­vergleichs-Möglich­keit) finden Sie in unserer Daten­bank Medikamente im Test.

Ernste Neben­wirkungen möglich

Für kurze Zeit und in der laut Beipack­zettel richtigen Dosis sind die Mittel gut verträglich. Im Über­maß allerdings können sie ernste Neben­wirkungen wie Leber-, Magen- oder Nierenschäden verursachen. „Das ist vielen Menschen nicht bewusst, weil sie rezept­freie Medikamente für vergleichs­weise harmlos halten“, sagt Professor Dr. Christoph Maier, Schmerzmediziner an der Ruhr-Universität Bochum.

Kombiprä­parate lieber nicht

Besondere Vorsicht ist bei Kombiprä­paraten wie Neuralgin, Spalt, Thomapyrin und Titralgan geboten. Sie enthalten mehrere schmerz­stillende Substanzen, etwa ASS plus Parazetamol. Das verbessert die Wirkung nicht zuver­lässig, erhöht aber die Gefahr von Neben­wirkungen. Daher bewertet die Stiftung Warentest solche Mittel als wenig geeignet. Dasselbe gilt für Präparate mit zugesetztem Koffein. Dessen belebende Wirkung kann dazu verleiten, die Arznei zu oft und zu lange zu nehmen, was negative Folgen ebenfalls begüns­tigt.

Den Schmerz an der Wurzel packen

Vier der fünf rezept­frei erhältlichen Wirk­stoffe, die die Stiftung Warentest als geeignet zur Linderung leichter bis mäßiger Schmerzen einstuft, ähneln einander: ASS, das beispiels­weise im mehr als hundert Jahre alten Markenpräparat Aspirin enthalten ist, sowie die Wirk­stoffe Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen. Sie alle lindern die Pein direkt am Ausgangs­punkt, indem sie dort die Bildung von Prosta­glandinen hemmen. Diese Boten­stoffe entstehen nach Gewe­beschäden und machen Schmerz­rezeptoren an den Enden umliegender Nerven besonders reiz­empfindlich.

Fieber nicht zu früh senken

Die Schmerz­mittel wirken diesem Effekt entgegen, oben­drein dämpfen sie prostag­landinbe­dingte entzündliche Reaktionen und Fieber. Die Gewebs­hormone sind normaler­weise auch beteiligt, wenn bei Erkrankungen die Körpertemperatur steigt. Das unterstützt die Abwehr von Krank­heits­erregern. Denn bei erhöhten Temperaturen arbeiten Immun­zellen besser.

Tipp: Senken Sie Fieber erst ab etwa 39 Grad Celsius. Das geht auch ohne Medikamente: mit Wadenwi­ckeln. Dazu Tücher in lauwarmem Wasser tränken, auswringen, locker um die Unterschenkel wickeln – und wieder abnehmen, sobald sie warm sind. Wechseln Sie die Tücher bis zu dreimal aus.

Keine Wirkung ohne Neben­wirkung

Prosta­glandine wirken nicht nur bei Krank­heits­prozessen mit, sondern erfüllen noch diverse andere Aufgaben. Sie sorgen beispiels­weise für gute Nieren-Durch­blutung und schützen die Magen­schleimhaut vor Reizungen durch aggressive Magensäure. Schmerz­mittel können diese güns­tigen Effekte aushebeln – „mit gewissen Unterschieden von Substanz zu Substanz“, sagt Schmerzmediziner Maier. Das liege daran, dass es verschiedene Prosta­glandine gibt und die Arzneien sie nicht alle gleichermaßen beein­flussen. Diclofenac und Ibuprofen etwa erhöhen laut neueren Studien das Risiko für Herz­infarkt und Schlag­anfall. Das ist nur bei regel­mäßiger Einnahme nach einer ärzt­lichen Verordnung zu beachten, bei gelegentlichem Einsatz rezept­freier Mittel hingegen vernach­lässig­bar.

ASS als Blut­verdünner

ASS wiederum scheint besonders auf den Magen zu schlagen. Zudem birgt es bei Verletzungen ein verstärktes Blutungs­risiko, weil es die Gerinnung mehrere Tage lang hemmt. Die Neben­wirkung bietet auch Vorteile: Viele Patienten nehmen ASS auf ärzt­lichen Rat zum Schutz vor Herz­infarkt und Schlag­anfall – in nied­riger Dosis, üblicher­weise 100 Milligramm am Tag.

Sonderfall Parazetamol

Parazetamol unterscheidet sich von den vier anderen Wirk­stoffen. Es entfaltet seine Effekte vor allem im Rückenmark und Gehirn und wohl nur teil­weise durch die Hemmung von Prosta­glandinen. Entsprechend senkt es Schmerzen und Fieber, richtet allerdings gegen Entzündungen kaum etwas aus. Parazetamol verursacht zudem nur wenig von den prostag­landinbe­dingten Neben­wirkungen anderer Schmerz­mittel, kann aber im Über­maß ernste Leberschäden verursachen.

Tipp: Wenn Sie bereits ein Leberleiden haben, nehmen Sie Parazetamol besser nicht, sondern ein anderes Mittel. Ansonsten beachten Sie die alters­abhängigen Dosier­angaben laut Packungs­beilage.

Bei Problemen zum Arzt

So segens­reich rezept­freie Mittel gegen Schmerzen wirken können – bei Dauer­einsatz ist keines ohne Risiko. Als Faust­regel gilt: Schmerz­mittel ohne ärzt­lichen Rat maximal vier Tage am Stück nehmen – und insgesamt an höchs­tens zehn Tagen im Monat. „Wer sie länger braucht oder an sehr starken oder unerklärlichen Schmerzen leidet, sollte zum Arzt gehen“, sagt Christoph Maier. Mediziner könnten individuell möglichst schonende Medikamente auswählen, häufig sogar das Grund­übel behandeln. Gelingt das nicht oder werden Nervenbahnen und Gehirn infolge allzu häufiger oder heftiger quälender Reize über­empfindlich, drohen chro­nische Schmerzen, die Betroffene enorm belasten.

Schmerz ist auch Kopf­sache

Menschen erleben Schmerzen enorm unterschiedlich, häufig sogar je nach Tages­form. Das liegt daran, dass das Gehirn die einge­henden Reize bewusst wahr­nimmt und emotional bewertet – teils sehr negativ, etwa wenn jemand ohnehin Sorgen hat oder kaum Hoff­nung auf Heilung sieht. Umge­kehrt hilft oft schon der Glaube an den Nutzen einer Therapie. Dann schüttet das Gehirn Endor­phine aus: Boten­stoffe, die ganz ähnlich wirken wie Morphin und die Über­tragung von Schmerz­signalen hemmen.

Plazebo­effekt greift auch bei Schmerz­mitteln

Damit erklären Forscher einen großen Teil vom sogenannten Plazebo­effekt, wonach wirk­stoff­freie Pillen viele Beschwerden lindern können, insbesondere peinvolle. Studien belegen das Phänomen. Bei einer solchen Unter­suchung wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Alle bekamen ein neuartiges starkes Schmerz­mittel, das regulär entweder 2,50 Dollar oder bloß 10 Cent pro Pille kostete – so zumindest die offizielle Erklärung. In Wahr­heit erhielten beide Gruppen exakt dasselbe: wirk­stoff­freie Plazebos. Vor und nach der Einnahme durch­lebten alle Probanden vergleich­bare Schmerzreize per Elektroschock – und die vermeintlich teuren Arzneien dämpften sie weit­aus besser als die vor­geblichen 10-Cent-Pillen.

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