Schmerz­mittel Test

Sprudelt. Manche Schmerz­mittel gibt es als Brause­tabletten. Sonst wichtig: Immer ein Glas Wasser zur Arznei.

Rezept­freie Schmerz­mittel sind meist gut wirk­sam – haben aber auch mehr Neben­wirkungen, als viele denken. Nur der acht­same Einsatz mindert die Risiken.

Anna Bach* sitzt in der Pillenfalle. Das Ganze ging vor 30 Jahren los, sagt die 59-Jährige: „Ich hatte oft Kopfweh, schluckte was dagegen, doch der Schmerz kam zurück.“ Sie nahm immer häufiger Tabletten. Inzwischen sind es sechs, sieben, acht pro Tag. Die schlagen ihr buch­stäblich auf den Magen. Wegen Bauchweh und Gewichts­verlust ging sie zum Haus­arzt. Er fand Geschwüre. „Als er hörte, was ich alles nehme, vermutete er einen Zusammen­hang“, sagt sie. Und der Arzt verriet ihr: Schmerz­mittel können auf Dauer selbst Kopfweh auslösen – eine tückische Neben­wirkung.

Im Über­maß können rezept­freie Schmerz­mittel die Gesundheit stark belasten. Jahr für Jahr kommen deshalb mehrere tausend Deutsche ins Kranken­haus, schätzt das Bundes­institut für Arznei­mittel und Medizin­produkte (BfArM). Dessen Sprecher Maik Pommer sagt: „Dass Schmerz­mittel schaden können, ist vielen Menschen nicht bewusst. Rezept­freie Präparate gelten gemeinhin als harmlos.“

Schmerz­mittel bewertet

Zahlreiche Schmerz­mittel wirken ähnlich: Sie hemmen die Bildung von Schmerzboten­stoffen. Sinn­voll, einer­seits. Doch diese Boten­stoffe üben im Körper viele weitere wichtige Wirkungen aus Infografik: Nebenwirkungen von Schmerzmitteln. Die werden durch die Arzneien ebenfalls blockiert. Das erklärt die möglichen Probleme durch Azetylsalizylsäure (ASS, etwa in Aspirin) und verwandte Stoffe wie Diclofenac und Ibuprofen. Letztere könnten sogar das Herz­infarkt­risiko erhöhen, zeigen neue Studien. Eine besonders bedeut­same, geleitet von Forschern der Uni Oxford, erschien 2013 im Fachjournal „Lancet“. Diese Meta-Analyse beruht auf mehr als 600 klinischen Studien mit 350 000 Patienten.

Die Stiftung Warentest hat die Daten gesichtet. Fazit: Die vormals von uns als geeignet bewerteten Wirk­stoffe sind nach wie vor geeignet – ASS, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Parazetamol. Infos und die güns­tigsten Präparate finden Sie in Monopräparate im Kurzporträt. Die aufgeführten Mittel wirken nach­weislich gut gegen Schmerz und Fieber; ihr Nutzen über­wiegt auch nach jetzigem Forschungs­stand das Risiko – wenn Patienten sie acht­sam einsetzen.

Tipp: Nehmen Sie Schmerz­mittel ohne ärzt­lichen Rat maximal vier Tage hinter­einander und zehn Tage im Monat. Beachten Sie die Dosier­angaben im Beipack­zettel. Individuelle Auskunft können Sie in der Apotheke erhalten.

Besser keine Kombis

Etliche Präparate sind und bleiben laut test-Bewertung wenig geeignet, vor allem Kombinations­mittel wie Doppel Spalt compact, Neuralgin, Titralgan, Thomapyrin. Oft enthalten sie ein bis zwei Wirk­stoffe – etwa ASS und Parazetamol – plus Koffein. Letzteres belebt, kann aber dazu verleiten, die Arznei zu oft und zu lange zu schlu­cken und so das Risiko von Neben­wirkungen erhöhen. Ob mit oder ohne Koffein: Der Mix mehrerer Schmerz­stiller ist nicht sinn­voll. Die therapeutische Wirkung verbessert sich nicht zuver­lässig, unerwünschte Effekte aber können sich häufen.

Tipp: Kombinieren Sie wegen der Risiken auch nicht verschiedene Schmerz­mittel.

Dass Menschen Mittel mixen, ist gar nicht so selten. So sagt Professor Dr. Christoph Maier, einer unserer Arznei­mittel­experten und Schmerzmediziner an der Ruhr-Uni Bochum: „Manche Patienten nennen uns korrekt die Schmerz- und Rheuma­mittel, die ihnen der Arzt verordnet. Erst auf Nach­frage sagen sie, dass sie noch rezept­freie Präparate dazu­kaufen.“

Erfolgs­modell England

Die Arznei­mittel­behörde BfArM will das Risiko­bewusst­sein schärfen: „Künftig sollen Schmerz­mittel nur noch bis zu einer bestimmten Packungs­größe rezept­frei erhältlich sein“, erklärt Pommer. Der zuständige Ausschuss stimmte dem Vorschlag bereits 2012 zu. Nun prüft ihn das Bundes­gesund­heits­ministerium. Schmerz­spezialist Maier findet den Vorschlag sinn­voll, „schon, weil er höhere Hürden für das Beschaffen riskanter Arznei­mittel­mengen errichtet“.

Das Vorbild für die Begrenzung: Parazetamol. Das Mittel verursacht im Über­maß Leberschäden, teils sogar lebens­bedrohliche. Seit 2009 sind in Deutsch­land nur noch Packungen mit bis zu 10 Gramm des Wirk­stoffs rezept­frei erhältlich. Das entspricht zum Beispiel 20 Tabletten à 500 Milligramm. In Groß­britannien gilt eine solche Begrenzung schon seit 1998. Seither gibt es auf der Insel laut einer aktuellen Studie deutlich weniger parazetamol-bedingte Leber­trans­plantationen und Todes­fälle.

Tipp: Wenn Sie ohnehin ein Leberleiden haben, setzen Sie auf andere Wirk­stoffe.

ASS zum Beispiel schont die Leber – kann aber bei Überge­brauch den Magen enorm strapazieren. Das bekam auch Anna Bach zu spüren. Gefangen im Teufels­kreis aus Kopf­schmerz und Schmerz­mitteln, hatte sie über die Jahre sehr oft zu Medikamenten mit ASS gegriffen – höchst­wahr­scheinlich der Grund ihrer Magen­geschwüre. Auch Blutungen im Verdauungs­trakt sind möglich, sogar lebens­bedrohliche.

Insgesamt steigt die Blutungs­gefahr, da ASS die Gerinnung stark und tage­lang hemmt. Diese Neben­wirkung bietet auch Vorteile: Viele Patienten erhalten das Mittel nied­rig dosiert zum Schutz vor Herz­infarkt und Schlag­anfall. Höhere Mengen, wie gegen Schmerz erforderlich, eignen sich nicht zur lang­fristigen Einnahme.

Von Magen- bis Herz­schaden

Statt­dessen bekommen viele chro­nische Schmerzpatienten sogenannte nicht­steroidale Antirheumatika (NSAR) verordnet. Bekannte Vertreter sind in nied­riger Dosis rezept­frei: Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen. NSAR sind eng mit ASS verwandt, aber weniger blut­verdünnend. Allerdings können die Mittel, ähnlich wie ASS, Geschwüre und Blutungen im Magen-Darm-Trakt verursachen. Und es gibt einen weiteren Haken: Manche NSAR erhöhen laut neuen Studien Herz-Kreis­lauf-Risiken.

Das Problem fiel im Gefolge der Schlagzeilen um Vioxx auf. Das Präparat galt als Weiter­entwick­lung der NSAR mit weniger Neben­wirkungen. Doch schon bald nach der Zulassung verschwand es 2004 wieder vom Markt. Studien hatten enthüllt, dass es die Risiken für Herz- und Schlag­anfall erhöht. Seither fragen sich Forscher: Bergen NSAR, die ganz ähnlich wirken wie Vioxx, ebenfalls Gefahren für Herz und Hirn?

Manche schon, zeigen mehrere neue Unter­suchungen, allen voran die Groß­auswertung im Fachjournal „Lancet“. Unter anderem deshalb erließ die europäische Arznei­mittel­behörde 2013 strengere Regeln für Diclofenac. Ärzte müssen beim Einsatz seither bestehende Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen beachten. Gerade prüft die Behörde, ob auch Vorsichts­maßnahmen für Ibuprofen erforderlich sind.

Tipp: Herz-Kreis­lauf-Risiken fallen bei rezept­freien Schmerz­mitteln nicht ins Gewicht – wenn Sie sie nur kurz nehmen.

Chro­nische Schmerzen

Viele Patienten mit chro­nischen Schmerzen brauchen NSAR aber länger­fristig und höher dosiert, etwa wenn sie an Gelenk­verschleiß und -entzündungen leiden. Oft mangelt es hier an sanften Alternativen.

„Ein risikofreies Schmerz­mittel gibt es leider nicht“, sagt Schmerz­experte Maier. Ärzte müssen also individuell wirk­same und möglichst schonende Medikamente wählen. Oft lässt sich zudem Arznei einsparen, etwa durch Behand­lung der Grund­krankheit oder ergänzende Maßnahmen wie Physio­therapie, Abnehmen, Bewegung. Eventuell kommt eine Operation infrage.

Tipp: Lindert Ihre reguläre Behand­lung die Schmerzen länger nicht ausreichend, lohnt ein Besuch bei einem Schmerz­therapeuten – ambulant oder stationär. Adressen vermittelt etwa die Deutsche Schmerzliga.

Auch Anna Bach, die seit 30 Jahren Tabletten schluckt, suchte stationäre Hilfe in einem Schmerzzentrum. Gleich am ersten Tag setzte sie die Mittel ab. Komplett. Das gilt als einziger Weg aus der Pillenfalle – mit hohen Erfolgs­aussichten. „Heute könnte ich den Kopf an die Wand knallen, so weh tut er“, sagt die Patientin. „Aber ich war auf diese Anfangs­verschlimmerung vorbereitet.“ Zudem über­wachen und unterstützen sie die Ärzte. Neue Wege zur Schmerzbewältigung sind Teil der Therapie, etwa Entspannung. Bach hofft, dass sie richtig von den Tabletten wegkommt. „Ich hätte viel früher die Notbremse ziehen sollen.“

* Name von der Redak­tion geändert.

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