Versicherungs­unternehmen versuchen, die Ansprüche von Geschädigten abzu­wehren oder klein­zuhalten. Die Familie von Anna-Lena hat sich mit Erfolg gewehrt.

Anna-Lena ist 14, als der Unfall passiert. Sie fährt mit vier Freundinnen im Auto nach Hause. Die Fahrerin ist zu schnell auf der schmalen Land­straße. In einer Kurve verliert sie die Kontrolle. Der Wagen kommt von der Straße ab und über­schlägt sich.

Anna-Lena hat Prel­lungen am ganzen Körper und ein Schleudertrauma. Fast drei Monate lang muss sie eine Hals­krause tragen. Vom Kfz-Haft­pflicht­versicherer der Fahrerin bekommt sie dafür 1 750 Euro Schmerzens­geld.

Geld als Ausgleich und Genugtuung

Schmerzens­geld steht in Deutsch­land jedem zu, der „wegen einer Verletzung des Körpers, der Gesundheit, der Freiheit oder der sexuellen Selbst­bestimmung einen Schaden erlitten hat“. So steht es im Bürgerlichen Gesetz­buch seit der Schadens­rechts­reform im Jahr 2002.

Schmerzens­geld soll sowohl als Ausgleich für Vermögens­schäden zum Beispiel durch hohe Arzt­rechnungen dienen als auch als Genugtuung für das erlittene Leid.

Welche Summe dem Einzelnen zusteht, hängt von vielen Punkten ab. Wie schwer ist seine Verletzung? Wie lange muss er behandelt werden? Bleiben dauer­hafte Schäden? Wie sehr schränken diese die Lebens­qualität ein? Auch das Alter des Geschädigten zählt: Ein Kind mit einem dauer­haften Schaden bekommt mehr Geld zugesprochen als ein Rentner mit der gleichen Verletzung.

Zwei Jahre lang Schmerzen

Wochen nach dem Unfall hat Anna-Lena immer noch starke Schmerzen. Sie kann den Kopf kaum nach links drehen, rennt von Arzt zu Arzt – ohne Erfolg. Erst zwei Jahre später wird eine Verletzung der oberen Hals­wirbel als Ursache ihrer Beschwerden erkannt.

Die Eltern fürchten, ihre Tochter könne berufs­unfähig werden und nie ausreichend Geld für ihren Lebens­unterhalt verdienen. Sie wenden sich an den Anwalt für Schadens­ersatz­recht Wolfgang Hörnlein aus Coburg. Für Hörnlein ist der Fall klar: Er sieht den Kfz-Haft­pflicht­versicherer der Fahrerin in der Pflicht und fordert weitere 23 250 Euro Schmerzens­geld.

Der Versicherer weist den Anspruch zurück: Die Schmerzen hätten nichts mit dem Unfall von damals zu tun. Für Hörnlein ist die Reaktion keine Über­raschung: „Die meisten Haft­pflicht­versicherer lehnen grund­sätzlich alle an sie gestellten Schmerzens­geld­forderungen ab.“

Doch Anna-Lenas Eltern lassen sich von dem Schreiben des Versicherers nicht beein­drucken. Sie haben eine Rechts­schutz­versicherung und fürchten einen Prozess nicht. Der Fall geht bis vor das Ober­landes­gericht in Bamberg.

In anderen Ländern gibt es mehr Geld

In Deutsch­land ist es nicht leicht, Schmerzens­geld­ansprüche durch­zusetzen, geschweige denn, einen angemessenen Betrag zu erzielen. Das wird vor allem im Vergleich zum europäischen Ausland deutlich: Für vergleich­bare Verletzungen bekommen Geschädigte in Italien oft ein Dreifaches von dem, was in Deutsch­land gezahlt wird. Das berichten Juristen wie Wolfgang Hörnlein und Ansgar Staudinger von der Universität Biele­feld (siehe auch Interview).

„Vor allem die Provinzge­richte verstehen sich als Grals­hüter der kleinen Schmerzens­gelder“, kritisiert Hörnlein.

Die Tricks der Versicherer

Im Streit um Schmerzens­geld beob­achtet Hörnlein vor Gericht zwei Strategien der Versicherer. Die erste: Die Versicherer argumentieren, die Forderungen seien viel zu hoch und unan­gemessen, man könne die Kosten nicht auf die Allgemeinheit der Versicherten abwälzen und schließ­lich sei man ja nicht in Amerika.

Steht aber fest, dass ein Opfer schuldlos einen Schaden erlitten hat, und ist ein Schmerzens­geld sicher, kommt die zweite Strategie zum Zuge: Viele Versicherer streben dann einen Vergleich an – eine außerge­richt­liche Einigung mit dem Opfer. Sie wollen nicht mit einem Urteil von sich reden machen, in dem sie zur Zahlung eines hohen Betrags verurteilt werden.

Ältere Urteile dienen als Mess­latte

Seit Jahr­zehnten ist es richterliche Praxis, ältere Urteile als Mess­latte heran­zuziehen. Auch im Fall von Anna-Lena orientiert sich das Gericht an einer älteren Entscheidung und spricht Anna-Lena weitere 10 250 Euro zu. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die jahre­langen Beschwerden auf den Unfall zurück­gehen.

Die Richter gehen aber noch weiter. Sie legen eine Frist von 30 Jahren fest. Sollte die heute 18-jährige in dieser Zeit erneut gesundheitliche Probleme bekommen, könnte sie weitere Ansprüche stellen.

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