Porträt Burnout: Sieg für das zweite Leben

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Arbeit und Erfolg waren jahrelang seine Droge. Dann erlitt der Dental-Manager Ralf Haake einen Burnout. Mit einer Therapie, Hobbys und neuer Gelassenheit bekommt er sein Leben wieder in den Griff.

Erst neulich war es wieder soweit: Rückfallgefahr. Denn Ralf Haake hatte die Worte wirklich gesagt: „Das Angebot klingt sehr verlockend.“ Es ging um einen Geschäftsführer-Posten in Hamburg. Aber irgendwie funktionierten die Alarmsysteme doch. Am Ende hat der Mann mit kurzrasierten Haaren und den wachen, fröhlichen Augen das Angebot abgelehnt. Ein Sieg für das zweite Leben.

Heute weiß Haake, dass in Leben Nummer eins alles ganz früh begann. Dass ihm die bedingungslose Liebe der Eltern fehlte, des Vaters vor allem: „Auch wenn ich heute weiß, dass meine Eltern mich über alles lieben, als Kind fehlte mir diese bedingungslose Liebe. Ich hatte immer das Gefühl, etwas dafür tun zu müssen.“ Anerkennung bedeutete Anstrengung und Arbeit – auch später im Beruf. So dürstete er zum Beispiel nach der Bestätigung seines ersten Chefs. Nur damit war er zufrieden – zumindest eine Zeitlang: „Doch davon wird man nicht satt, es muss immer neue Kicks geben.“

Die bietet das Berufsleben zur Genüge. Und Haake hat viele Jahre lang immer gieriger zugegriffen, wenn ein neuer Businessplan erstellt, ein neues Prämiensystem eingeführt oder wieder eine Firma fusioniert werden sollte. Haake hats erledigt und Beifall und Schulterklopfen genossen, aber auch Geld, Autos, Luxus. „Ich war süchtig“, sagt der heute 43-Jährige: „Süchtig nach der regelmäßigen Dosis Anerkennung.“

Die Arbeit wird zur Droge

Schon mit 25 war Haake stellvertretender Betriebsleiter eines großen Dental-Unternehmens in Herne in Nordrhein-Westfalen. Der Auftrag, einen Tochterbetrieb im sächsischen Bautzen aufzubauen, schien wie geschaffen für den aufstrebenden Manager. Haake machte den Betrieb zum Marktführer in Ostsachsen. Zu diesem Zeitpunkt dominierte die Droge „Arbeit“ bereits sein Leben. „Wenn der Chef sagte ‚Das Wachstum ist genial!‘ und die Kunden einen hofierten, war das das Größte“, erinnert er sich. Doch selbst das Größte war nicht genug. „Eigentlich habe ich immer nach Gründen gesucht, um noch mehr zu arbeiten“, sagt Haake. An den Wochenenden bot er Seminare für Ärzte an, machte seinen Meister und bildete sich in den USA fort. Hobbys – Fehlanzeige. Auch kaum Freundschaften. Immer nur Arbeit.

Gesundheit aus dem Sonnenstudio

Das Ende einer Beziehung leitete 1998 die nächste Stufe ein. Drei Jahre hatte die Verbindung zu einer Kollegin gehalten. Da kam der Anruf eines Headhunters gerade im richtigen Moment. Haake wechselte von Herne nach Hamburg. Wieder war es ein Dental-Unternehmen mit einer großen Aufgabe und fordernden Chefs. Haake wurde Geschäftsführender Gesellschafter und schon bald als Vorbild beklatscht. Ein „toller Hecht“, der sich gesundes Aussehen im Sonnenstudio holte und die Müdigkeit mit Augentropfen kaschierte. Hauptsache, die Fassade hielt. „Auch im Vertuschen war ich bis zuletzt professionell“, sagt Haake.

Für seine Gesellschaftsanteile nahm er einen hohen Kredit auf. Sein Lebensstil wurde mit Villa, Autos, Reisen und teuren Weinen anspruchsvoller – bis zu einer Steuernachforderung. „Ich hatte über die Grenzen gelebt“, sagt Haake. Am Ende blieben 450 000 Euro Schulden. Wieder suchte Haake Rettung in der Arbeit. Er steckte im Hamsterrad, stand finanziell an der Wand. Dabei baute er körperlich längst ab und konnte nicht mehr voll arbeiten. Kundentermine erledigte er schnell und verbrachte den Rest des Tages im Café.

Haake brauchte Hilfe, gestand sich dies aber immer noch nicht ein. Stattdessen suchte er die Lösung auf einem anderen Weg – so wie immer. Er machte sich als Unternehmensberater im Dentalbereich selbstständig. „Doch ich konnte nicht mehr authentisch sein, die Batterien waren definitiv leer“, erzählt er. Im Gespräch mit seinem letzten Auftragnehmer brach der erfolgreiche Macher von früher in Tränen aus. Nichts ging mehr. Er konnte morgens nicht mehr aufstehen, an Arbeit war nicht zu denken, Existenzängste plagten ihn. Endlich nahm er Kontakt zu einer Klinik auf. Hart an der Grenze zum Selbstmord habe er gestanden, diagnostizierte der Chefarzt. Drei Monate dauerte die Behandlung. Heute hilft Haake als selbstständiger Berater Fach- und Führungskräften, die ihr Privat- und Berufsleben besser miteinander vereinbaren wollen.

Die Therapie besucht er weiter regelmäßig. Durch sie bleibt er im „Training“. Haake hat gelernt, seine Grenzen zu erkennen, sich selbst und den eigenen Körper zu fühlen. Die Schulden sind auf unter 80 000 Euro geschrumpft. In kleinen Schritten bekommt er sein Leben wieder in den Griff. Der einstige Top-Manager kocht für sich selbst, er wandert und fährt mit dem Klapp- statt mit dem Rennrad. Am Tegernsee lebt er in einer Wohnung mit Blick auf die Berge.

„Erfolg ist, was erfolgt“, sagt Ralf Haake heute. „Ich verdiene weniger und habe bei materiellen Dingen extrem abgespeckt.“ Kleine Dinge erfreuen ihn jetzt – zum Beispiel das vietnamesische Restaurant mit den einfachen Klappstühlen. Da sitzt Haake gerne und blickt über den Tegernsee. Der Ralf Haake von heute. Der von früher hätte den See wohl gar nicht wahrgenommen.

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