Ein Windstoß. Rums! Die Tür ist zu – und der Schlüssel drin. Ein teures Missgeschick. Denn Schlüsselnotdienste kassieren nicht selten für unqualifizierte Arbeit unverschämte Preise.

Eine Stunde und vierzig Minuten musste der ausgesperrte Wohnungsinhaber im nächtlichen Treppenhaus ausharren, bis der Monteur endlich vorfuhr. Er roch deutlich nach Alkohol und sparte sich sowohl die Vorstellung als auch eine Erklärung für die Verspätung. Warum auch lange reden? Zeit ist schließlich Geld. Nach einem kurzen Blick auf Schloss und Tür sagte der vermeintliche Fachmann lapidar: „Hier muss ich flexen.“ Und schon erzitterte das Treppenhaus unter dem Lärm seines Winkelschleifers. Dann hantierte er eine Weile mit der Bohrmaschine. Schließlich entfernte er den Schließzylinder. Nach 45 Minuten Arbeit mit schwerem Gerät war die lediglich zugezogene Tür endlich offen.

Da er keine passenden Teile dabeihätte, versprach der Monteur, am nächsten Tag wiederzukommen. Er baute einen provisorischen Zylinder in das demolierte Schloss ein, kassierte 200 Euro („Notdienst kostet 100 Prozent Aufschlag. Das wissen Sie doch, oder?“) und verschwand.

500 Euro für das Öffnen der Tür

Schlüsselnotdienste Test

Am nächsten Tag ersetzte er die von ihm zerstörten Teile (Beschlag, Zylinder) und noch ein paar mehr, die gar nicht defekt waren, präsentierte eine Rechnung von über 300 Euro und vermerkte darauf auch noch frech: „Keine Beschädigungen durch Monteur.“ Am Ende kostete das Türöffnen mehr als 500 Euro, die ein echter Fachmann in wenigen Minuten für weniger als 100 Euro erledigen kann.

Zugegeben, dieser Fall aus dem Test – den Monteur schickte die Firma Aboss – ist extrem, dennoch macht er deutlich, was in dieser Branche möglich ist.

Da jeder in Deutschland ohne Qualifikationsnachweis einen Schlüsseldienst eröffnen kann, tummeln sich in diesem Markt überdurchschnittlich viele Anbieter mit zweifelhaftem Hintergrund.

Es fängt schon beim Namen an. Um im Branchentelefonbuch ganz vorn zu stehen, beginnen viele mit einem oder mehreren A, einer Null oder einem Ausrufungszeichen, manche auch mit allen dreien (zum Beispiel: 0–24 Uhr !!!! AAAA).

Eine-Person-Wohnzimmer-Firmen

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Brutale Öffnung: Mit dem Winkelschleifer demolierter Beschlag und gezogener Zylinder.

Dann gibt es Vermittlungsdienste, die mit großen Anzeigen unter verschiedenen Namen und Rufnummern inserieren. Die Kunden landen immer in demselben Callcenter, das die Aufträge an Handwerker weitergibt, die auch auf Provisionsbasis arbeiten können. Mitunter handelt es sich dabei um Eine-Person-Wohnzimmer-Firmen, die nicht unbedingt in der Nähe der Kundenadresse liegen müssen.

Nach vorsichtigen Schätzungen soll es in Deutschland mindestens 7 000 Schlüsseldienste geben. Nicht einmal fünf Prozent von ihnen gehören einem Verband an. Zertifikate, seriöse Empfehlungen oder andere Hinweise auf vertrauenswürdige Firmen gibt es nicht. Der Kunde, der den Handwerker nicht selten in einer Paniksituation auswählen muss, kann nur auf sein Glück vertrauen.

Oft hilft ihm das nicht viel, wie unsere Untersuchung zeigt. Wir haben versucht, für diesen Test überregionale Anbieter zu finden. Doch die sind äußerst rar. Nach eigener Aussage ist die Firma Remus die einzige, die den Schlüsselnotdienst deutschlandweit anbietet. Abes und Aboss sind in einigen Ballungsgebieten vertreten. Auch der Deutsche Verbraucherdienst ADV, der als Vermittler unter verschiedenen Namen inseriert (zum Beispiel A ADNZ, Deutsche Notdienstzentrale), arbeitet in mehreren Städten.

Diese Unternehmen haben wir jeweils fünfmal verdeckt in Anspruch genommen. Dabei war die Wohnungstür nur in einem Fall verschlossen, ansonsten war sie lediglich zugezogen – so wie es auch in der Praxis am häufigsten vorkommt.

Um das Heer der Einzelanbieter wenigstens an Beispielen zu testen, haben wir die gleiche Aufgabe auch noch fünf Berliner Schlüsseldiensten gestellt. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, und zwar je ein Unternehmen in der Nähe der Wohnungen der Tester.

Um bessere Einsichten in den sehr unübersichtlichen Markt der Schlüsselnotdienste zu bekommen, haben wir ausführliche Vortests durchgeführt. Zum Teil mit skurrilen Ergebnissen. So inseriert eine Firma ACC mit vielen Rufnummern im Berliner Telefonbuch. Aufträge nimmt sie auch an. Doch in allen vier Testfällen kam wenig später eine Absage. Gleich dreimal wurde dabei ein Verkehrsunfall des Technikers als Begründung genannt.

Hat der Wahnsinn Methode?

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Pfusch: Vom Schlüsseldienst unsachgemäß eingebautes Schloss.

Viel schlimmer als diese eigenartige Arbeitsverweigerung sind aber Monteure, die aus Unfähigkeit oder gar Vorsatz enorme Schäden anrichten, die der Kunde auch noch teuer bezahlen muss. Bei der Firma Aboss war das fast durchgehend der Fall (test-Qualitätsurteil „mangelhaft“). Da liegt der Verdacht nahe, dass der Wahnsinn hier Methode hat.

Bei den drei anderen überregionalen Schlüsseldiensten und einem Berliner Anbieter wurden Schlösser und Türen zwar auch unnötig beschädigt, aber bei weitem nicht so drastisch.

Überteuerte Ersatzteile

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Über den Briefschlitz (oder das Spionloch) kann die Tür einfach geöffnet werden. Monteure nutzen das aber kaum.

Bei Aboss mussten wir im Durchschnitt 178 Euro für Ersatzteile bezahlen. In vier Fällen, bei denen die Tür nur zugezogen war, völlig zu Unrecht. Und im Fall der verschlossenen Tür waren die Kosten zumindest deutlich überhöht. So wurden beispielsweise Zylinder, die im Handel etwa 30 bis 40 Euro kosten, mit 80 bis 100 Euro berechnet. Und Beschläge mit einem üblichen Verkaufspreis von rund 30 Euro erschienen auf der Rechnung mit bis zu 130 Euro.

Kleinvieh macht auch Mist. So berechneten einige Monteure dreist drei bis vier Ziehschrauben zu je acht Euro (Verkaufspreis ein Euro), wenn sie lediglich eine oder zwei verbraucht hatten.

Wer glaubt, für diese Premiumpreise auch Premiumarbeit zu erhalten, kennt die Branche nicht. In vielen Fällen lieferten die Monteure schlicht Pfusch. Sei es, dass sie unpassende Teile einbauten, weil sie nichts anderes dabeihatten, sei es, dass sie aufgrund fehlender Ausbildung einfach unfähig waren.

Zerstörungsfreie Methoden ignoriert

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1. Mit einer Plastikkarte oder einem Draht wird die Falle (Schnapper) aus dem Schließblech herausgedrückt.
2. Der Spion wird entfernt und ein Gestänge durch das Loch ein­geführt. Damit kann die Türklinke herun­tergedrückt werden.
3 Noch einfacher kann das Gestänge zum Einsatz kommen, wenn ein Briefschlitz vorhanden ist.
4. Auch über die Bodenfuge kann die Tür oft mechanisch geöffnet werden.

Bei den verschlossenen Türen haben viele Monteure den Schließzylinder gezogen und das Schloss dadurch unnötig beschädigt. Besser wäre es gewesen, den Zylinder aufzubohren.

Die meisten Beschädigungen waren wohlgemerkt nicht notwendig. Viele Monteure haben zerstörungsfreie Methoden aber gar nicht erst probiert und Öffnungen in der Tür wie Briefschlitze oder Spione geflissentlich ignoriert. Ein zerstörter Spion, der erneuert werden muss, ist aber allemal billiger als der Einbau eines neuen Zylinders und Schlosses.

Dass es aber auch anders gehen kann, zeigen die Berliner Einzelbetriebe und neun weitere Fälle, in denen die Türen schnell und fachmännisch ohne Beschädigungen geöffnet wurden.

Kostspielige Schlüsselerlebnisse

Wer einen Notdienst in Anspruch nehmen muss, darf nicht knapp bei Kasse sein. Im Durchschnitt haben wir für den Service pro Anbieter zwischen 90 und 409 Euro bezahlt (siehe Grafik). Aboss kassierte in allen Fällen unverschämte Beträge. Und das nicht nur wegen der erwähnten Reparaturkosten, auch die Arbeits- und Anfahrtskosten waren bei diesem Anbieter exorbitant hoch.

Für die Kunden kommt erschwerend hinzu, dass die Rechnungen oft wenig detailliert sind. So trennten ADV und die Berliner Betriebe die Arbeits- und Anfahrtskosten oft nicht. Daher ist nicht erkennbar, ob sie einen Nacht- oder Feiertagszuschlag kassierten. Der Monteur einer Berliner Schlüsselfirma weigerte sich sogar hartnäckig, eine Rechnung auszustellen. Dafür lockte er mit dem Erlass der Mehrwertsteuer.

Andere notierten auf den Beleg vorsätzlich falsche Angaben, zum Beispiel: Bei einer zugeschlagenen Tür sei der Schlüssel im Schloss abgebrochen. Völlig unsinnige Begründung: Damit könne man das Geld für die Öffnung von der Versicherung zurückbekommen.

Wenn es ans Bezahlen geht, zählt bei vielen Firmen einzig und allein Bargeld. Um an die Scheine zu kommen, begleitet der Techniker den Kunden auch schon mal zum Geldau­tomaten. Lediglich Remus akzeptierte die Maestro-Karte.

Lange Mängelliste

Beim Service ärgerten wir uns neben langen Wartezeiten oft über maulfaule Techniker, die nicht darüber aufklärten, wie sie die Tür öffnen wollen. Und dass die Kosten oft wie eine Geheimsache behandelt werden. Meist informierten weder der Telefondienst noch der Techniker vor Ort von sich aus, wie teuer die Türöffnung den Kunden kommen wird.

Drei Monteuren war es auch noch völlig egal, ob der Ausgesperrte wirklich in der Wohnung wohnt. Für Einbrecher dürfte die Dienstleistung dennoch uninteressant sein. Sie ist viel zu teuer.

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