Schlüssel­dienst Abzocke Meldung

Wenn ein Schlüssel­dienst absurd hohe Preise für eine Türöffnung kassiert, können sich die betroffenen Wohnungs­besitzer wehren. Es gibt bereits einige Urteile, die Schlüssel­dienste zur teil­weisen Rück­zahlung verurteilt haben, wenn sie Verbrauchern Wucher­preise in Rechnung gestellt haben. Die neueste Masche: Notdienste stehen mit der Orts­vorwahl im Telefon­buch, kommen tatsäch­lich aber von weit her. Müssen Verbraucher für die hohen Anfahrts­kosten aufkommen?

Gericht verurteilt Schlüssel­dienst

Ein Mann kommt nicht in seine Wohnung und ruft den Schlüssel­dienst. Der herbeigeeilte Mitarbeiter öffnet die Tür, ohne dass vorher über die Kosten gesprochen wird. Dann der Schock: Rund 308 Euro will der Dienst­leister für seine Arbeit. Der Bewohner bezahlt zunächst, geht aber danach zum Anwalt, weil er die Rechnung für zu hoch hält. Vor dem Amts­gericht Lingen (Nieder­sachsen) klagt der Kunde gegen den Schlüssel­dienst. Mit Erfolg: Weil vor der Türöffnung nicht über einen Preis gesprochen wurde, schulde der Bewohner nur die „übliche Vergütung“, so das Amts­gericht Lingen. Als üblich sah das Gericht in diesem Fall rund 112 Euro an. 196 Euro bekommt der Kunde zurück (Az. 4 C 529/16, Urteil im Volltext). Außerdem muss der Schlüssel­dienst die ­Anwalts­kosten des Ausgesperrten zahlen.

Für einfache Türöffnung sind 112 Euro üblich

Um die „übliche“ Bezahlung für eine Türöffnung zu ermitteln, orientierte sich das Amts­gericht Lingen an der Preisempfehlung des Bundesverbandes Metall (BVM). Dessen Liste sieht für eine 15-minütige Türöffnung im ländlichen Raum werk­tags zwischen 8 und 18 Uhr eine Pauschale von rund 76 Euro vor. Hinzu kommen pauschal 36 Euro für die Fahrt­kosten. So kam das Amts­gericht auf insgesamt 112 Euro.

Bei Extras darf es etwas mehr sein

Hat der Schlüssel­dienst Material­kosten, weil er zum Beispiel einen neuen Schließ­zylinder einbauen muss, darf die Rechnung höher ausfallen. Die Verbands­empfehlung sieht dann einen Zuschlag von 36 Euro vor. Und wenn die Türöffnung länger dauert als 15 Minuten, wird es noch mal teurer: Für jede weitere ange­fangene Viertel­stunde fallen laut BVM-Empfehlung zusätzlich zur Pauschale von 76 Euro im ländlichen Raum weitere 18,90 Euro an.

Das gilt bei Wucher­preisen

Der Fall aus Lingen weicht von der üblichen Schlüssel­dienst-Abzocke ab, weil Schlüssel­firma und Wohnungs­besitzer vor der Türöffnung nicht ausdrück­lich über die Kosten gesprochen hatten. Haben Dienst und Kunde über den Preis gesprochen, ist die vereinbarte Summe grund­sätzlich auch zu zahlen. Mit einer wichtigen Ausnahme: Handelt es sich um Wucher, ist die Preis­ver­einbarung unwirk­sam. Als Wucher gilt nach gängiger Recht­sprechung ein Preis dann, wenn jemand etwa das Doppelte des üb­lichen Preises oder mehr verlangt. Beispiel: Sind für eine Türöffnung 100 Euro üblich, kann der Dienst durch­aus 130 Euro oder mehr als Preis vereinbaren. Verlangt er aber mehr als 200 Euro, ist der Vertrag nichtig. Der Kunde muss dann höchs­tens 100 Euro zahlen. In Einzel­fällen entschieden Gerichte allerdings auch schon auf Wucher, wenn der geforderte den üblichen Preis um etwa die Hälfte über­steigt.

Muster­schreiben für Rück­forderung

Wer eine wucherische Rechnung bereits bezahlt hat, kann mithilfe eines Musterbriefs der Verbraucherzentrale Berlin zu viel bezahltes Geld zurück­fordern. Auf der Website der Berliner Verbraucherschützer findet sich darüber hinaus auch eine Liste einschlägiger Urteile zum Thema Schlüssel­dienste.

Einen seriösen Schlüssel­dienst finden

Wenn Sie einen Schlüssel­dienst brauchen, sollten Sie ein Unternehmen in Ihrer Nähe anrufen, damit die Anfahrt­kosten nicht allzu hoch ausfallen. Fragen Sie nach dem Preis für die Türöffnung. Tags­über sollte eine einfachen Türöffnung nicht teurer als ungefähr 100 Euro sein. Wird die Preis­auskunft verweigert, sollten Sie andere Firmen anrufen (Gewusst wie: Einen seriösen Schlüsseldienst finden).

test.de warnt: 100 Kilo­meter Anfahrt

Wenn es schnell gehen muss, sind betrügerische Notdienste nicht weit. Sie stehen mit der Orts­vorwahl im Telefon­buch. Doch es dauert ewig, bis der Monteur eintrifft. „Klar“, sagt er, „unter der Vorwahl ist nur ein Call­center.“ Er musste mehr als 100 Kilo­meter anfahren. Das macht seine Rechnung teuer. Vor Kurzem schaltete die Bundes­netz­agentur unglaubliche 5 100 Orts­nummern einer Entrümpelungs­firma ab: Sie war gar nicht vor Ort. „Über­höhte Anfahrts­kosten müssen Kunden nicht bezahlen“, sagt Josina Starke, Juristin der Verbraucherzentrale Nieder­sachsen. Die Notdienste müssen schon am Telefon sagen, welche Anfahrts­kosten entstehen. Auf keinen Fall sofort zahlen, allenfalls einen Teil. So bleibt Zeit, die Rechnung zu prüfen, etwa bei einer Verbraucherzentrale. Einige Monteure drohen schon mal mit der Faust. Dann sollten Kunden die Polizei rufen.

Tipp: Gaunerfirmen nennen im Branchen­verzeichnis oft nur ihre Rufnummer, keine Adresse. Einige schieben sich dort mit Namen, die mit AAA beginnen, weit nach vorn. Wählen Sie nur Firmen, die Sie kennen. Oder sehen Sie im Internet bei der Handwerks­kammer nach.

Dieser Artikel ist erst­mals am 16. März 2017 auf test.de erschienen. Er wurde am 15. Mai 2017 aktualisiert.

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