Schlichtungs­stelle für den Personen­verkehr Special

Wer pünkt­lich ist und trotzdem nicht­befördert wird, bekommt Geld.

Bis zu 600 Euro stehen Reisenden zu, wenn sie wegen Über­buchung einen Flug verpassen. Auch bei Problemen mit Bahn-, Schiffs- und Busreisen können Fahr­gäste in vielen Fällen Ansprüche geltend machen. Sperrt sich das betreffende Trans­port­unternehmen, kann die unabhängige Schlichtungs­stelle für den öffent­lichen Personen­verkehr (söp) helfen. Die Stiftung Warentest beschreibt, wie das für Reisende funk­tioniert und welche Ansprüche möglich sind.

Abge­flogen ohne Passagiere

„Ryanair hat uns einfach sitzenlassen.“ Frank Ziegler* ist immer noch empört über den Vorfall vom Mai 2013. Am Ende seines Kurz­trips nach London war er recht­zeitig am Flughafen Stansted erschienen. Dort stand der Ryanair-Flug nach Düssel­dorf-Weeze auf der Anzeige­tafel, aber ohne Flugsteig. Die Abflug­zeit rückte näher – nichts passierte. Vier der rund 45 Wartenden machten sich auf die Suche, erblickten aber nur noch die Rück­lichter des Fliegers. Dieser war einfach abge­flogen, obwohl ein Groß­teil der Passagiere fehlte. Als sich nach langem Warten ein Ryanair-Vertreter den aufgebrachten Passagieren stellte, wies er jede Schuld von sich.

Keine Reaktion auf Beschwerde

Ziegler fand ein Hotel am Flughafen, buchte im Internet einen Flug für den nächsten Morgen und landete schließ­lich mit rund 20 Stunden Verspätung in Weeze. Er schickte umge­hend einen Beschwerde­brief an Ryanair nach Irland. Eine Antwort bekam er nie. Schon beinahe bereit, seinen Ärger zu begraben und die zusätzlichen Ausgaben in den Wind zu schreiben, erhielt er von einem anderen Geschädigten einen Hinweis auf die Schlichtungs­stelle für den öffent­lichen Personen­verkehr (söp). Im Unterschied zu Streitig­keiten vor Gericht zielt eine Schlichtung auf eine für beide Seiten akzeptable Lösung ab. Frank Ziegler machte sich zwar nicht viel Hoff­nung, reichte seinen Fall aber dennoch ein. Nach einigen Wochen erhielt er die Nach­richt, dass Ryanair 400 Euro zahlen wolle. Obwohl seine Mehr­kosten inklusive Verdienst­ausfall höher lagen, stimmte er zu. Ziegler hatte Glück. Die Schlichtungs­stelle war damals für Flugreisen noch gar nicht zuständig, weil die Air­lines ihre Mitarbeit verweigerten. Ausnahme: Ryanair. Erst als im November 2013 das Gesetz zur Schlichtung im Luft­verkehr in Kraft trat, bekam der umstrittene Billigflieger Gesell­schaft. Heute sind alle 6 deutschen sowie 30 interna­tionale Fluggesell­schaften an Bord. Kunden können die Schlichtungs­stelle anrufen, wenn die Air­line ihre Ansprüche zuvor abge­lehnt oder herunter­gerechnet hat (Interview).

Schlichtung oft erfolg­reich

Schlichtungs­stelle für den Personen­verkehr Special

Erst Flug­ausfall, dann Ärger mit der Air­line: ein Fall für die Schlichtungs­stelle.

Damit der Andrang nicht ausufert, hat der Gesetz­geber Streit­punkte aufgelistet, für die eine Schlichtung infrage kommt. Das ist der Fall, wenn jemand nicht mitfliegen konnte, weil seine Maschine über­bucht war. Aussicht auf Entschädigung haben zudem Passagiere, deren Flug ausfiel, sich verspätete oder deren Gepäck zu Schaden kam. Der Streit­wert darf jedoch höchs­tens 5 000 Euro betragen. Seit die Schlichtungs­stelle im Dezember 2009 ihre Arbeit aufnahm, bearbeitete sie rund 12 000 Fälle. Meist ging es um Verspätungen und Zugausfälle bei der Deutschen Bahn. Obwohl Passagier und Unternehmen sich häufig einigen, steht am Ende nicht zwangs­läufig ein Kompromiss. „Schlichtung heißt nicht halbe-halbe“, erklärt Edgar Isermann, Leiter der söp. „Sind Ansprüche berechtigt, empfehlen wir, die volle Entschädigungs­summe zu zahlen.“ Seine rund 20 Mitarbeiter sind auch für Probleme mit Bus- und Schiffs­reisen zuständig. Da die Passagierrechte in diesen Bereichen aber noch nicht lange gelten, ist die Zahl der Schlichtungs­fälle gering.

Alternative Anlauf­stellen

Kein Mangel herrscht an Streitig­keiten mit Air­lines. Immer wieder verweigern sie Zahlungen, oft mit Hinweis auf „außergewöhnliche Umstände“. Darunter fallen neben Streiks und schlechtem Wetter auch Sicher­heits­mängel und -risiken. Wer seinen Fall schlichten lassen will, findet Infos und Formulare unter www.soep-online.de ( Interview). Für Fluggesell­schaften, die sich nicht am Verfahren beteiligen, ist die Schlichtungsstelle beim Bundesjustizamt zuständig.

Scheitert die Schlichtung, können Passagiere ihren Fall immer noch einem Anwalt übergeben. Setzt dieser die Ansprüche durch, muss die Air­line auch die Anwalts­kosten tragen. Schließ­lich bieten private Inkasso­dienste wie EUclaim, Fairplane, Flightright oder Refund.me ihre Dienste an. Nachteil: Sie über­nehmen oft nur erfolg­versprechende Fälle und verlangen bis zu 30 Prozent Provision.

Tipp: Mehr Informationen zum Thema bietet das kostenlose Special Fluggastrechte: Der Weg zur Entschädigung.

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