Dies ist unser dritter Apothekentest in kurzer Folge. Wieder ist das Ergebnis kein Ruhmesblatt für die Branche: Jede dritte Apotheke schnitt „mangelhaft“ ab, nur eine war „gut“.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Wenn es darum geht, was unserer Figur gut tut, ist das gar nicht so einfach. Ärzte dürfen eine Beratung über gesunde Ernährung mit den Krankenkassen inzwischen nur noch dann abrechnen, wenn eine Stoffwechselerkrankung der Hintergrund ist. Geht es aber einfach nur um überflüssige Pfunde, kann man sich ja an eine Apotheke wenden. Zumindest an eine, die ausdrücklich eine Ernährungsberatung anbietet und nicht nur Schlankheitsprodukte werbewirksam im Eingangsbereich platziert, wie viele das tun. Schließlich betonen die Apothe­ker immer wieder, das Gespräch mit dem Kunden sehr wichtig zu nehmen und sich nicht nur als Verkäufer von Mitteln und Medikamenten zu sehen.

Gedacht, getan, getestet. Doch von fundierter Beratung war nur selten etwas zu spüren. Von 19 Apotheken schnitten sieben „mangelhaft“ ab, fünf „ausreichend“, sechs „befriedigend“ und nur eine „gut“: die Barer-Apotheke in München. Wir haben Apotheken in fünf Städten ausgewählt, die jeweils von sieben Testpersonen aufgesucht wurden. Die baten jeweils ausdrücklich um eine Ernährungsberatung mit dem Ziel abzunehmen. Eine Ernährungsberatung hatten alle 19 Apotheken im Internet angeboten und das auf telefonische Nachfrage hin auch bestätigt.

Was das Verkaufen angeht: Vertriebsprofis würden das Ergebnis mancher Apotheken positiv beurteilen. Denn dort wurden immer wieder Schlankheitsprodukte vom Eiweißkonzentrat bis zum Entwässerungstee angeboten, zum Teil sogar ranken und schlanken Probanden, die Abspecken gar nicht nötig hatten. Erst recht nicht mit Schlankheitsmitteln von zweifelhafter Wirkung.

Die vier weiblichen und drei männlichen Tester waren zwischen 22 und 66 Jahre alt, vier hatten Übergewicht (BMI bis zu 33,7). Zwei litten unter zu hohem Blutdruck, einer hatte Diabetes Typ 2, eine Frau eine Schilddrüsenunterfunktion. Nach Schlank­­­heits­produkten haben die Tester nicht gefragt, sie aber gekauft oder sich dazu beraten lassen, wenn sie angeboten wurden.

Frage nach Krankheiten selten

Schlechte Noten kassierten die Apotheken vor allem, weil wesentliche Schritte, die zu einer qualifizierten Schlankheitsberatung gehören, fehlten. So war zum Beispiel die Anamnese, insbesondere die Erfassung des Gesundheitszustands, in acht Apotheken „mangelhaft“. Nach Krankheiten und Medikamenteneinnahme wurde nicht einmal in jedem fünften Fall gefragt. Dabei sind das Grundlagen, ohne die sich eine Schlankheitsberatung eigentlich nicht durchführen lässt. Beim Diabetiker zum Beispiel beeinflussen ein paar Kilos weniger den Stoffwechsel – und das kann natürlich die Medikation durcheinander bringen.

Die Testpersonen wurden zu selten nach ihrem Gewicht gefragt. Sie zu wiegen wurde nur in sechs Fällen angeboten. Einschätzungen des eigenen Gewichts fallen aber bekanntlich eher zu niedrig aus. Das Gegenüber kann es höchstens erraten. Man braucht das Gewicht aber, um den BMI berechnen zu können. Er gibt einen wichtigen Hinweis darauf, ob Abnehmen dringend geboten, wünschenswert oder überflüssig ist, weil der Ratsuchende schlank genug ist. Letzteres galt zum Beispiel für einen 1,76 Meter großen jungen Mann, der 70 Kilo wog. Trotz seines musterhaften BMI von 22,6 empfahl man ihm in drei Apotheken das Eiweißkonzentrat Almased oder Artischockenkapseln zum Abnehmen.

Viele Verkaufsgespräche

Wer zum Apotheker geht, um schlank zu werden, wird sich kaum wundern, wenn der Produkte verkaufen will – obwohl die langfristig weitgehend wirkungslos sind. Sinnvoller wären Ratschläge für eine vernünftige Ernährung sowie Bewegungstipps. Zur Ehrenrettung mancher Apotheken: Öfter wurde nichts empfohlen oder verkauft. In den Apotheken, die beim Urteil für Produktempfehlungen „sehr gut“ abschnitten, war das sogar immer so (Am Luitpoldpark und Barer in München, Pfeil in Hamburg, Talkrabb in Stuttgart).

In anderen Apotheken ein gemischtes Bild: Mal wurden Produkte empfohlen, mal nicht. In der Röntgen-Apotheke in Köln legte man zwei Schlanken Abnehmprodukte ans Herz, drei Übergewichtigen aber nicht. Den Vogel schoss die Pelikan-Apotheke in Stuttgart ab, wo einer Testerin mit Normalgewicht (BMI 24,1) gleich sieben Produkte vorgestellt wurden.

Falsche Erläuterungen

Schwer wiegt auch, dass manche Apotheken ausgerechnet in ihrem eigentlichen Kerngeschäft versagten: bei der Erläuterung zu Wirkung, Wirkungsweise, Risiken und Nebenwirkungen der Produkte und außerdem zur richtigen Anwendung. Almased zum Beispiel sollte bei Diabetes nur nach Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden, worauf in der Stuttgarter Kur-Apotheke selbst auf Nachfrage hin nicht eingegangen wurde. Die Mitarbeiter der Internationalen Apotheke in Stuttgart sagten zu Risiken und Nebenwirkungen von CM3 Alginat, Matricur und Formoline L112 viel zu wenig. Ebenso in der Baum-Apotheke in München zu Formoline L112 und Bionorm; wobei die Erklärungen zu Wirkung und Wirkungsweise auch noch teilweise falsch waren.

Qualität weitgehend Zufall

Offenbar kann eine Beratung je nach Apotheke und Berater sehr unterschiedlich ausfallen. Das zeigt schon die Dauer des Gesprächs. Das kürzeste kam auf gerade mal zwei Minuten (Georg Hirth, Holzmühlen), das längste auf fast zwei Stunden (Europa). In der St.Pauli-Apotheke dauerten Anamnese und Beratung bis zu 75 Minuten, die Ernährungstipps waren allerdings nicht der Weisheit letzter Schluss (zum Beispiel reichlich Ingwerwasser trinken, kein Essen nach 15 Uhr). Ähnlich die Europa-Apotheke (z.B. Pflanzenöle reduzieren, abends kein Eiweiß). Nur wenige Apotheken boten ein recht einheitliches Bild wie die Barer-Apotheke. Dort wurde ohne Verkaufsversuche mindestens 20 Minuten intensiv und „gut“ beraten. Ganz anders die Apotheke am Luitpoldpark: Ein Gespräch dauerte da ganze 8 Minuten – ohne Fragen nach Gesundheitszustand oder Ernährung, das andere 45 Minuten, wobei wenigstens der Gesundheitszu­stand einigermaßen ausführlich erfasst wurde. Uneinheitlich auch die Kosten: Meist wurde selbst für ein langes Gespräch nichts verlangt, sonst kostete es zwischen 5 Euro und 35 Euro.

Versandapotheken

Ernährungsberatung gehört bei Versandapotheken nicht zum Angebot. Schlankheitsmittel werden dort aber oft en masse angepriesen. Wir haben fünf Versandapotheken ausgesucht, die solche Produkte auf ihrer Homepage an einem Stichtag prominent bewarben. Die Testpersonen haben diese Apotheken je siebenmal angerufen, um zum Abnehmen beraten zu werden. Das Ergebnis beim Urteil Produktempfehlungen war bestenfalls „befriedigend“.

Checkliste für eine gute Beratung

  • Anamnese. Zur Bestandsaufnahme gehören Fragen nach Ernährungsgewohnheiten, Lebensstil, Wohlbefinden. Die Körpergröße sollte erfasst werden, ebenso das Gewicht und seine Entwicklung. Unverzichtbar: Fragen nach Krankheiten, der Einnahme von Medikamenten, nach Blutdruck und Blutwerten. Ein Protokoll über mehrere Tage hilft, falsche Essgewohnheiten zu erkennen.
  • Beratung. Das Ziel soll festgelegt werden (bessere Blutfettwerte, niedrigeres Gewicht). Unerlässlich: Informationen über wesentlichen Nährstoffe (wie Zucker, Fett, Kohlenhydrate).
  • Konkrete Empfehlungen. Das betrifft vor allem Auswahl und Zubereitung der Lebensmittel unter Berücksichtigung persönlicher Gewohnheiten.
  • Kontrolle. Ob individuell oder auf Gruppenbasis: Folgetermine fördern die Motivation, dienen der Korrektur. Sinnvoll: Ernährungsprotokolle zur Selbstkontrolle.
  • Weiterverweisen. Bei Unsicherheiten über Gesundheitszustand und Medikamente auf den Hausarzt verweisen.

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