Schlafstörungen Meldung

Millionen Menschen liegen nachts hellwach in ihren Betten, am Tag sind sie müde und unkonzentriert. Einfache Regeln bringen den Rhythmus wieder ins Lot, doch manchmal hilft nur der Gang zum Arzt.

Hundert Jahre schlief Dornröschen ­ tief und fest. Hatte sich beim Spinnen in den Finger gestochen und fiel in märchenhaften Zauberschlaf. Was ein Fluch und böse gemeint war, wird in jeder Nacht millionenfach herbeigesehnt. Denn dem Königskinde widerfuhr, wovon viele nur noch träumen: Einmal wieder richtig schlafen.

Rund ein Drittel der Bundesbürger klagt über Schlafstörungen. "Bei der Hälfte von ihnen ist das Schlafproblem chronisch und bedarf unbedingt ärztlicher Behandlung", sagt Dr. Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Uniklinik Regensburg. Nacht für Nacht wälzen sie sich hellwach in ihren Betten und fühlen sich am nächsten Morgen wie gerädert. Gereizt, verspannt, unkonzentriert und einfach hundemüde verbringen sie den Tag, oft begleitet von der Furcht, auch in der nächsten Nacht kein Auge zuzumachen. Und das jahrelang.

Schlafmediziner unterscheiden heute über 80 verschiedene Schlafprobleme, von Ein- und Durchschlafstörungen über Schlafwandeln bis hin zum unregelmäßigen Schlaf-wach-Rhythmus. Die Ursachen sind vielfältig. Älteren Menschen rauben besonders zahlreiche organische Krankheiten den Schlaf: Schmerzerkrankungen, Diabetes, Infektionen, Herz-, Leber-, Schilddrüsen- oder Nierenleiden und vor allem schlafbezogene Atemstörungen wie die Schlaf-Apnoe. Hinzu kommen neurologische Erkrankungen wie Demenzen, das Restless-Legs-Syndrom, bei dem die Betroffenen aufgrund kribbelnder Beine nicht schlafen können, oder die bislang unheilbare Narkolepsie mit gestörtem Nachtschlaf und unwillkürlichen Schlafattacken am Tag. Auch Depressionen, Angsterkrankungen und andere psychische Leiden sind oft von schlechtem Schlaf begleitet. Und nicht zuletzt wird er durch viele Medikamente mit ihren Nebenwirkungen gestört.

Alpträume und Sorgen

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Kinder leiden häufig unter Schlafwandeln, Alpträumen und Nachtängsten. Gerade die ganz Kleinen fürchten die Dunkelheit oder haben Angst, morgens nicht mehr aufzuwachen. Sie zögern das Zubettgehen hinaus, wachen nachts oft auf und rufen nach den Eltern. "Kinder müssen einen regelmäßigen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen erst lernen", sagt Dr. Alfred Wiater, Chefarzt der Kinderklinik Köln-Porz. Eltern sollten ihre Kinder von klein auf an feste Schlafenszeiten gewöhnen und liebevoll Grenzen aufzeigen, anstatt dem nächtlichen Rufen immer nachzugeben. Nur so lernen die Kleinen, Vertrauen zur Nacht zu fassen und ihren Weg in einen ruhigen Schlummer selbst zu finden. Halten Schlafstörungen jedoch mehrere Wochen an, sollte der Kinderarzt eingeschaltet werden.

Größtenteils ist die gestörte Nachtruhe ein Symptom für seelische Belastung. Ob Kinder oder Erwachsene, viele nehmen ihre Sorgen und Ängste buchstäblich mit ins Bett und grübeln darüber ­ an Schlaf ist dann nicht mehr zu denken. Das erlebt fast jeder mal. Aktuelle Schlafprobleme legen sich meist von selbst, wenn die Krise vorbei ist. Bei manchem aber werden sie chronisch und stören dann den Schlaf, auch wenn der Auslöser längst nicht mehr besteht.

Solche scheinbar grundlosen Schlafstörungen sind zunehmend auch Folge einer Non-Stop-Gesellschaft, die den Schlaf nicht mehr als kostbares Drittel des Tages akzeptiert, sondern ihn als unvermeidbares Pflichtprogramm mehr und mehr der Arbeit und auch der Freizeit opfert. Wer pausenlos in Aktion ist, nach Feierabend die Nacht zum Tag macht und seinem Schlaf nicht mehr die nötige Zeit einräumt, provoziert geradezu, dass sein Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen irgendwann aus den Fugen gerät. Besonders gefährdet sind auch Schichtarbeiter, die regelmäßig nachts arbeiten müssen, wenn ihr Körper eigentlich seine Ruhephase fordert.

Zwar weiß bis heute niemand genau, warum Menschen und Tiere schlafen. Untersuchungen zeigen aber, dass viele Körperfunktionen wie Blutdruck, Atmung und Stoffwechsel einer inneren Uhr folgend nachts anders arbeiten als tags-über. Einige lebenswichtige Hormone werden nur nachts produziert, etwa das Wachstumshormon, und auch das Immunsystem scheint von der nächtlichen Ruhe zu profitieren. Vieles deutet darauf hin, dass sich Körper und Geist im Schlaf regenerieren. Schlafmangel ­ ob durch Arbeitsbedingungen erzwungen oder freiwillig ­ stört diese Erholung.

Ein paar schlaflose Nächte kann der Körper jederzeit wieder wettmachen. "Auf Dauer jedoch macht zu wenig Schlaf schlicht und einfach krank", sagt Dr. Zulley. Die direkten körperlichen Folgen: ein doppelt so hohes Risiko für Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ­ vom Reizmagen bis zum Magengeschwür, von Bluthochdruck bis zum Herzinfarkt. Die psychischen Folgen des ständigen Schlafdefizits reichen von Nervosität und innerer Unruhe bis zu Depressionen und Angststörungen.

Aber das ist nicht alles. Die ständige Müdigkeit ist auch Ursache für zahlreiche Unfälle am Arbeitsplatz und auf der Straße ­ ausgelöst vor allem durch den berüchtigten Sekundenschlaf. Untersuchungen zeigen, dass jeder vierte Unfall auf deutschen Autobahnen dem Einnicken des Fahrers geschuldet ist. Flugzeugabstürze, Schiffsunglücke und Katastrophen globalen Ausmaßes wie der Reaktorunfall in Tschernobyl ­ die Liste der Unglücke, die Wissenschaftler auf übermüdetes Personal zurückführen, ist lang. Neben persönlichem Leid sind damit auch enorme soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Kosten verbunden.

"Nur jede dritte Schlafstörung wird heute behandelt. Zum einen erzählen Patienten ihrem Hausarzt nichts davon, aber der Arzt fragt auch nicht danach", sagt Dr. Zulley. "Und nur ein Bruchteil davon wird angemessen behandelt, denn viele Ärzte beschränken sich auf das Verschreiben von Schlafmitteln, ohne nach den Ursachen der Schlaflosigkeit zu suchen." Auf Dauer machen Medikamente jedoch abhängig und verschleiern oft die körperlichen oder psychischen Hintergründe der schlaflosen Nächte.

Suche nach den Ursachen

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Ein erster sinnvoller Schritt zur Therapie könne ein Schlaftagebuch sein, in das Patienten zwei Wochen lang ihre Schlafgewohnheiten notieren, so Dr. Tilmann Müller, Psychologe an der Uni Münster. Zum einen wird das Schlafproblem dadurch objektivierbar, und der Arzt kann unrealistische Vorstellungen vom Schlaf aufklären und so Ängste abbauen. Zum anderen decken solche Protokolle schlafstörende Verhaltensmuster auf, die dann gezielt geändert werden können.

Dabei kann der Patient viel in Eigenregie übernehmen ­ kleine Schlafregeln einhalten, Entspannungsübungen machen, Methoden anwenden, die entwickelt wurden, um Schlafstörungen zu beheben. Bleibt der Erfolg aus, sollte allerdings ein Schlafmediziner zurate gezogen werden. Manchmal schafft erst eine Nacht im Schlaflabor Klarheit, wenn alle wichtigen Messgrößen wie Hirnaktivität, Atmung oder EKG vorliegen. Vor allem das Schlaf-Apnoe- und das Restless-Leg-Syndrom werden oft erst dort entdeckt.

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