Schadstoffe in Heimwerkerprodukten Test

Manch ein Hammergriff ist sehr stark mit Schadstoffen belastet.

Billige Werkzeuge und Geräte in Baumärkten können stark mit poly­zyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen belastet sein. Ein vermeidbares Risiko für die Gesundheit.

Seit Monaten bemängelt die Stiftung Warentest als Aktionsware ange­bo­tene Werkzeuge und Elektrogeräte von Lebensmitteldiscountern, die in Griffen und Gehäusen gefährliche polyzyk­lische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten. Zumindest ein Teil der Branche hat reagiert. Unsere jüngsten Stichproben zeigen, dass die giftigen Produkte im Sortiment der Discounter selten geworden sind. Einige fordern von ihren Lieferanten mittlerweile Nachweise über die Schadstofffreiheit.

Allerdings ist das Problem damit nicht aus der Welt. Man muss nicht lange suchen, um solche Gerätschaften mit ihren meist übel riechenden, pechschwarzen Gummi- und Kunststoffteilen andernorts zu finden: in Baumärkten. Wir waren in elf Baumarktketten – und sind in jeder fündig geworden: Drei von vier verdächtigen Heimwerkerprodukten, die wir gekauft haben, sind stark bis sehr stark mit PAK belastet (siehe Tabelle „Schadstoffe“). Jedes dritte enthält zudem deutliche Mengen problematischer Weichmacher wie Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) in Griffen und anderen Teilen mit längerem Hautkontakt.

Krebs erzeugend, Erbgut verändernd

Schadstoffe in Heimwerkerprodukten Test

Werden Teeröle zur Gummiherstellung verwendet, enthalten daraus gefertigte Werkzeugteile polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK).

PAK sind Substanzgemische aus mehreren Hundert Einzelstoffen, von denen viele – wie die Leitsubstanz Benzo(a)pyren – für den Menschen als Krebs erzeugend, Frucht schädigend, Erbgut verändernd und fortpflanzungsschädigend gelten. Weichmacher wie DEHP beeinträchtigen zumindest im Tierversuch die Fruchtbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit und schädigen die Geschlechtsorgane männlicher Nachkommen.

Die am stärksten belasteten Produkte im Test enthalten zwischen 1 000 und 4 000 Milligramm PAK pro Kilogramm Gummi oder Kunststoff. Im Griff eines Fensterwischers, gekauft bei Hornbach, wies unser Labor sogar einen PAK-Gehalt von 10 700 Milligramm nach, davon fast 670 Milligramm Benzo(a)pyren. Zum Vergleich: Wir analysieren häufig alte Parkettkleber auf PAK-Gehalte. Bereits ab einer Belastung von 50 Milligramm raten wir zur Sanierung, wenn die Gefahr besteht, dass der Kleber durch lose Bodenplatten in den Hausstaub gelangen und so ein Kontakt möglich sein könnte.

Industriemüll in Griff und Gehäuse

Schadstoffe in Heimwerkerprodukten Test

Schon beim kurzen Anfassen gehen die Schadstoffe auf die Haut über, was im UV-Licht sichtbar wird.

Dass PAK Krebs erzeugen können, wurde bereits vor mehr als 200 Jahren beobachtet: Londoner Schornsteinfeger, die Mitte des 18. Jahrhunderts häufig mit stark PAK-haltigen Verbrennungsrückständen wie Ruß und Teer in Kontakt kamen, erkrankten auffallend oft an Hauttumoren. Heute gilt es als bewiesen, dass PAK-haltige Ruß- und Teerölgemische Krebs beim Menschen erzeugen können. PAK-bedingter Hautkrebs gehört zu den entschädigungspflichtigen Berufskrankheiten. Umso ­erschreckender, dass genau diese Substanzen in Griffen und Gehäusen von Heimwerkerprodukten verarbeitet werden.

Teeröle sind Abfälle der Kohle- und Erdölindustrie und als solche hochgradig mit PAK belastet. Zur Gummiherstellung wird dieser Industriemüll offenbar als billiger Rohstoff genutzt: Bei der Herstellung von Gummi wird Kautschuk mit Füllmitteln gestreckt, um Kosten zu sparen. Dadurch wird der Gummi zum Teil sehr hart. Durch Zusatz von Mineralölen erhält das Material seine Geschmeidigkeit zurück. Werden saubere Mineralölfraktionen als Weichmacher verwendet, spricht nichts gegen ein solches Verfahren. Kommen jedoch die billigeren Teeröle zum Einsatz, sind daraus gefertigte Produkte stark mit PAK belastet. Technologisch gibt es für den Einsatz keine Notwendigkeit. Denkbare Gründe reichen vom Senken der Produktionskosten einerseits bis zur profitablen „Abfallentsorgung“ andererseits. Der Einsatz von PAK-haltigem Ruß ist ebenfalls vermeidbar. Ruß, dem Gummi als Färbe- oder Füllmittel zugesetzt, kann auch PAK-frei hergestellt werden. Das ist allerdings aufwendiger.

Gesetzliche Grenzwerte für den PAK-Gehalt in Bedarfsgegenständen gibt es nicht. Einige Wissenschaftler meinen ohnehin, dass für PAK wie Benzo(a)pyren überhaupt kein Schwellenwert angegeben werden kann, unterhalb dem ein Gesundheitsrisiko auszuschließen wäre. Denn Stoffe wie diese können Schaden am Erbgut anrichten und möglicherweise auf diese Weise Krebs erzeugen. Für einen solchen Wirkmechanismus kann bereits ein einziges Molekül zu viel sein.

Das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch verbietet es, Bedarfsgegenstände so herzustellen, dass sie bei bestimmungsgemäßem Gebrauch die Gesundheit durch ihre stoffliche Zusammensetzung, insbesondere durch toxikologisch wirksame Stoffe, schädigen können. Auch ist es verboten, derartige Bedarfsgegenstände in Verkehr zu bringen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung fordert, PAK in verbrauchernahen Produkten so weit wie technisch möglich zu minimieren.

PAK entstehen bei unvollständiger Verbrennung von organischem Material. Die Hauptbelastungsquelle für Menschen ist die Nahrung: Rund 90 Prozent gehen auf das Konto von Gebratenem, Gegrilltem und Geräuchertem oder schlagen sich als Luftfracht auf Getreide, Obst und Gemüse nieder. Die verbleibenden 10 Prozent werden vor allem eingeatmet – als Abgase aus Schornsteinen und Auspuffrohren sowie als Tabakrauch. Im Einzelfall aber kann die Haut zur wichtigen Eingangspforte für PAK werden, und zwar dann, wenn sie Kontakt mit größeren Mengen hat – etwa beim Arbeiten mit dem Fensterwischer Peggy Perfect von Hornbach.

Da PAK gut fettlöslich sind, werden sie leicht von der Haut aus Gummiteilen herausgelöst. Die Menge ist abhängig vom PAK-Gehalt des Gummis, von der Kontaktdauer und der Größe der Kontaktfläche. Öl- und fetthaltige Kosmetika wie etwa Handcremes verstärken den Effekt. Von der Hautoberfläche wandern die PAK durch die dermalen Fettschichten in tieferes Körpergewebe. Wie stark die konkrete Belastung im Körper ist, lässt sich nur im Einzelfall bestimmen. Neben der Zusammensetzung des jeweiligen PAK-Gemischs spielt vermutlich auch der individuelle Stoffwechsel eine Rolle, da PAK ihr giftiges Potenzial fast immer erst bei der Umwandlung im Körper entfalten.

Zurzeit kann niemand sagen, wie hoch das zusätzliche Risiko ist, durch den Gebrauch eines PAK-belasteten Werkzeugs zum Beispiel an Krebs zu erkranken. Einigkeit herrscht aber darüber, dass es ein zusätzliches Risiko ist – ein vermeidbares. Hier sind Produzenten in der Pflicht und Händler, die ihre Zulieferer kontrollieren müssen. Der Kunde kann eine Schadstoffbelastung nicht eindeutig erkennen (siehe „Gift im Gummi“). Er muss sich auf den Anbieter verlassen können. Bis das gewährleistet ist, gilt: Im Zweifel Finger weg!

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