Schadens­abwick­lung nach Auto­unfall

Richtig verhalten nach dem Unfall

Schadens­abwick­lung nach Auto­unfall - So tricksen die Versicherer
Ausrüstung im Auto. Warn­dreieck und Signalweste dürfen in keinem Auto fehlen. Im Ernst­fall erhöhen sie die Sicherheit. © Westend61 / Jesús Martinez

Nach einem Verkehrs­unfall ist richtiges Handeln gefragt. Verletzten muss geholfen werden. Und dann Frage: Wann die Polizei holen? Und wie die Schäden regulieren?

Inhalt
  1. Überblick
  2. Mietwagen nach Unfall
  3. Richtig verhalten nach dem Unfall

Sichern. Oberste Priorität haben das Absichern der Unfall­stelle und die Versorgung von Verletzten. Also Warn­blink­licht einschalten und Warn­dreieck aufstellen. In der Stadt reichen 50 Meter Abstand, auf Bundes­straßen 100 Meter, auf Auto­bahnen 200 Meter. Zur Sicherheit die Warn­weste anziehen.

Notruf. Bei schweren Unfällen und wenn es Verletzte gibt, empfiehlt sich die Notrufnummer 110 der Polizei oder die Notfall­nummer 112. Das ist auch ohne Guthaben auf dem Handy möglich. An Auto­bahnen kann man die Notrufsäulen nutzen. Sie stehen alle zwei Kilo­meter. Ein schwarzer Pfeil an den Leitpfosten zeigt die Richtung zur nächsten Säule. Anrufer sollten mitteilen: Wo ist der Unfall passiert? Was ist passiert? Gibt es Verletzte? Welche Verletzungen? Wer meldet den Unfall?

Verletzte. Bei Unfällen mit Toten oder Verletzten sollte man die Polizei unbe­dingt holen. Das empfiehlt sich auch bei Sach­schäden über 1 000 Euro, bei unklarer Schuld­frage, wenn der Unfall­gegner keine Papiere hat, wenn er unter Alkohol oder Drogen steht, bei Unfällen mit Wild, wenn Öl oder Treibstoff auslaufen, wenn der fremde Pkw im Ausland zugelassen ist oder der Fahrer dort lebt. Bei Miet­autos und Firmenwagen gibt es oft Vorschriften, die Polizei zu rufen.

Kleinschäden. Bei kleinen Blech­schäden ist die Polizei zwar nicht unbe­dingt nötig. Aber wer sie ruft, muss nichts dafür bezahlen. Die Beamten machen dann eine „vereinfachte Sach­verhalts­fest­stellung“: keine ausführ­liche Dokumentation, keine Zeugenbefragungen, keine Fotos, keine Skizze, schon gar keine Prüfung techni­scher Sach­verhalte. Ihre Aufgabe ist nicht die abschließende Klärung der Schuld­frage. Die Polizei klärt Verkehrs­verstöße, nicht Schaden­er­satz­ansprüche. Das regeln die Versicherer.

Personalien. Unfall­beteiligte müssen am Ort bleiben und ihre Personalien nennen, auch wenn sie es eilig haben. Laut Strafgesetz­buch haben Unfall­beteiligte Anspruch, die Identität des jeweils anderen zu erfahren. Weigert sich der andere, rufen Sie die Polizei. Er muss dann warten, bis sie eintrifft.

Bußgeld. Der Fahrer, den die Polizei für den wahr­scheinlichen Unfall­ver­ursacher hält, muss ein Verwarnungs­geld zahlen. Akzeptiert er es, bedeutet das kein Schuld­anerkennt­nis. Vorsicht mit ausführ­lichen Erklärungen. Unfall­beteiligte sind nur zu Angaben über Person und Fahr­zeug verpflichtet. Wer mehr sagt, muss damit rechnen, dass dies später gegen ihn verwendet wird.

Beweise. Es ist gut, Beweise zu sichern: also Zeugen zu suchen und Fotos zu machen, zuerst Über­sichtsbilder aus verschiedenen Blick­winkeln. Dabei sollte man feste Punkte wie Laternen mitablichten, ebenso Details wie Knicke in der Brems­spur. Mit Kreide lassen sich die Fahr­zeug­ecken auf dem Asphalt kenn­zeichnen, ebenso Radpositionen und Lenk­einschlag. Wenn es geht, sollte man die Autos erst danach zur Seite fahren. Dort ist Zeit, die Schäden an den Autos im Detail zu fotografieren. Es kommt nicht auf jeden Kratzer an. Die kann ein Sach­verständiger auch später sehen. Die Fotos sollten zeigen, was demoliert ist: Front, Seite, Heck? Wichtig ist ein Protokoll wie der Europäische Unfallbericht. Ein Ausdruck sollte vorsorglich im Auto liegen. Alle Beteiligten sollten unter­schreiben.

Versicherung. Nennt der Unfall­gegner seine Versi­cherung nicht, hilft der Zentralruf der Auto­versicherer (Tel. 0 800/2 50 26 00). Dann meldet sich die Versi­cherung oft schon am Unfall­ort. Doch niemand sollte vor Ort verbindliche Zusagen abgeben. Ist die Schuld­frage strittig, ist oft der Gang zum Anwalt nötig. Wer eine Verkehrs­rechts­schutz­versicherung hat, erhält dort häufig gratis eine telefo­nische Erst­beratung.

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57 Kommentare Diskutieren Sie mit

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HenningRoepstorff am 06.04.2022 um 09:10 Uhr
Werkstatt -missverständlich formuliert!

Bei der Aufzählung der typischen Positionen, an denen die Versicherer gerne kürzen, wird unter dem Punkt "Werkstatt" missverständlich bzw. falsch formuliert.
Hier wird die Rechtsprechung des BGH zur fiktiven Abrechnung zitiert, also die Form der Abrechnung, bei der gerade keine Werkstattrechnung vorgelegt wird.
Nur in diesen Fällen ist unter den skizzierten Umständen eine Kürzung einzelner Positionen ggf. möglich.
Dies gilt aber nicht, wenn der Geschädigte eine Reparaturrechnung einer Werkstatt vorlegt, und sei es auch eine Rechnung einer etwas teureren Markenwerkstatt. Der Geschädigte hat nach wie vor freie Werkstattwahl.
In diesem Teil des Beitrags wird mE nicht ausreichend deutlich, dass sich der Geschädigte seine Werkstatt selbst aussuchen und dann darauf vertrauen kann, dass er einen Erstattungsanspruch hat.

Egenhart am 31.03.2022 um 14:00 Uhr
Nebenkosten

Selbstverständlich gibt es Interessenskonflikte zwischen Kunde-Versicherer-Werkstatt-Sachverständige-Rechtsanwälte. Jeder versucht das maximale rauszuholen. Das trifft auch auf Kunden zu, die Vorschäden mitreparieren wollen. Werkstätten die absolut unverhältnismäßige Konditionen und Positionen aufrufen, ebenso wie Anwälte und Sachverständige die zusätzlich mitverdienen wollen. Eine pauschale Aussage über alle Versicherungen zu treffen und hier Tricksereien unterstellen zu wollen wäre zu einfach. Auf jeder Seite gibt es die "schwarzen Schafe". Als Verbraucher möchte ich gerne noch eines anmerken: Die Versicherer stehen untereinander im Preis-Wettkampf. Bei einfach gelagerten Reparaturschäden verdoppelt ein Sachverständigen-Gutachten und der Rechtsanwalt schnell die Schadensumme und liefern keinen Mehrwert. Wer glauben Sie zahlt die zusätzlichen Euros am Ende? Natürlich der Verbraucher über seine Versicherungsprämie. Bei Problemfällen wie o.g., mach der Anwalt sinn. Aber eben nicht immer

wekar am 03.03.2022 um 21:11 Uhr
Zwei Seiten

Zunächst ist festzustellen, dass das Vers.-unternehmen ein Wirtschaftsunternehmen ist, mit einer entsprechenden Denkweise. Das der Zustand in der Schadenregulierung mittlerweile Dimensionen angenommen hat, wie diese heute vorherrschen, hat natürlich immer zwei Seiten. Wenn man heute die Anzahl der vermeintlichen Sachverständigen sieht, kann es kein Wunder sein, dass wir diesen mittlerweile armseligen Zustand in der Schadenregulierung haben. Jeder kann, unabhängig seiner Qualifikation, sich als Sachverständiger bezeichnen. Die Anforderungen und das Betriebsrisiko liegen heutzutage im „Schnäppchenpreis“-Bereich, d.h. Sie können heute für unter € 300,00 sich eine Software zulegen, so dass Sie in der Lage sind Gutachten zu erstellen. Nachdem das Honorar nach der Schadenhöhe abgerechnet wird, wird dies natürlich auch schamlos ausgenutzt. Weiterhin gibt es immer mehr SV’s, d.h. auch Werkstätten haben dies zwischenzeitlich erkannt, um sich dieser „Gelddruckmaschine“ Gutachten zu bedienen.

Profilbild Stiftung_Warentest am 12.01.2022 um 16:44 Uhr
130-Prozent-Grenze

@j-m.s: So steht es im BGB. Bei der Anwendung von Gesetzen ist es oft notwendig, deren Inhalte weiter zu entwickeln und sachgerecht anzuwenden. Das machen Gerichte. So auch bei der Regulierung von Schäden. Die im Text zitierte 130-Prozent-Grenze ist mehrfach durch BGH-Urteile bestätigt worden.

j-m.s am 11.01.2022 um 19:54 Uhr
auch ein Totalschaden muss repariert werden

Lesen sie mal §249 BGB:
"Wer zum Schadensersatz verpflichtet ist, hat den Zustand (wieder)herzustellen, der bestehen würde, wenn der zum Ersatz verpflichtende Umstand nicht eingetreten wäre."
Also: jemand fährt mein Auto zu Schrott, es ist Totalschaden. Dann kann ich verlangen, dass das Auto so wiederhergestellt wird, wie es vorher war. Egal was das kostet. Und wenn dazu Teile aus Brasilien eingeflogen werden müssen.