Interview: „Ruhe ist angesagt!“

Schadenersatz für Lehmann-Anleger Meldung

Anlegeranwalt Andreas Mayer aus Freiburg ist im Streit um Lehman-Entschädigungen verhalten optimistisch.

Was ist Ihre Strategie, den Banken beim Verkauf von Lehman-Zertifikaten Falschberatung nachzuweisen?

Mayer: Interessant ist ein Blick auf die Kreditversicherungen, die Banken für den Kreditverkehr untereinander abschließen und auch untereinander handeln.

Warum?

Mayer: Schon im März 2007 zogen die Preise für die sogenannten credit default swaps (CDS) von Lehman Brothers deutlich an. Mitte des Jahres 2007 verdreifachten sie sich noch einmal. Das waren eindeutige Anzeichen dafür, dass es der Bank nicht gutgehen konnte. Das hätten die Zerti­fikateverkäufer der deutschen Banken ihren Kunden sagen müssen.

Bisher hieß es immer, die Banken hätten frühestens seit März 2008 auf die Schieflage von Lehman ­hinweisen müssen. Jetzt sagen Sie, die Probleme waren schon ein Jahr früher bekannt.

Mayer: Die Hessische Landesbank zum Beispiel hat den Anstieg der CDS bei den amerikanischen Investmentbanken früh benannt. Allerdings gingen die Analysten damals noch davon aus, dass Lehman und andere die sich abzeichnenden Zahlungsausfälle im amerikanischen Hypothekenmarkt stemmen könnten. Die Banken haben die zunehmenden Risiken für die Stabilität von Lehman also durchaus schon Anfang 2007 thematisiert, allerdings nicht gegenüber den Kunden.

Was bedeuten denn steigende Preise bei den Kreditversicherungen?

Mayer: Sie sind ein Frühwarnsystem für möglicherweise kritische Entwicklungen im Finanzsystem. Die Deutsche Bundesbank hat bereits 2004 darauf hingewiesen, dass die CDS schneller anzeigen, wann ein Kreditinstitut auf dem absteigenden Ast sitzt, als dies Ratingagenturen können.

Warum teilen die Verkäufer in den Banken ihren Kunden solche Erkenntnisse nicht rechtzeitig mit?

Mayer: Die standen meines Erachtens unter hohem Druck, Umsatz zu machen. Bei der Postbank zum Beispiel wurden Lehman-Zertifikate noch bis April als sichere Anlagen angeboten. Zu einem Zeitpunkt also, als aus dem potenziellen Emittentenrisiko bereits ein konkretes Ausfallrisiko geworden war. Auch in den Filialen der Citibank scheint es in den Jahren 2007 und 2008 Druck gegeben zu haben. Wenn man allerdings wie die Verbraucherzentrale NRW organisierten Betrug nachweisen will, wird man noch einen weiten Weg gehen müssen.

Heißt das, dass sich die Chancen der Anleger in Deutschland, die ­klagen wollen, massiv verbessern?

Mayer: Nein. Ruhe ist angesagt. Wir sind nach wie vor in der Phase, Beweise zu sammeln. Es gilt, diese Sachverhalte genau aufzuklären. Im Übrigen wird es keine pauschale Verurteilung aller beteiligten Banken und Sparkassen geben. Jeder Betroffene muss in seinem persönlichen Fall nachweisen, dass seiner Bank ein Beratungsfehler unterlaufen ist. Informationen darüber, was ein Verkäufer zum Zeitpunkt des Zertifikate-Verkaufs über die Bonität von Lehman Brothers hätte wissen können, erleichtern einen solchen Nachweis allerdings.

Aber es gibt doch schon Urteile in Sachen Lehman?

Mayer: Was in den bisherigen Urteilen steht, lässt sich nicht verallgemeinern. Wir gehen davon aus, dass die Oberlandesgerichte die Berufungen sammeln werden. Je mehr Urteile zusammenkommen, desto eher gewinnen die zuständigen Richter einen Eindruck von den Sachverhalten. Bis sich so eine tragfähige Rechtsmeinung herausbildet, kann es allerdings eine Zeit lang dauern.

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