Rückstände aus Verpackungen Test

Wer Ge­sun­des einkauft, glaubt sich auf der sicheren Seite. Doch manchmal gehen bedenkliche Stoffe aus Ver­pa­ckungen in Lebensmittel über. Das betrifft sogar Babykost.

Die Verpackung machts. Sie sorgt für unversehrte Lebensmittel und für möglichst lange Haltbarkeit. Doch es fragt sich, ob sie vielleicht auch Probleme macht. Gehen aus Schraubverschlüs­sen oder Folien Stoffe in Lebensmittel über? Bilden sie dort Umwandlungsprodukte? Und wie wirken sie auf die Gesundheit des Menschen?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir in Folie verpackten Käse auf Weichmacher untersucht. Anlass war eine Studie der Bundesanstalt für Lebensmitteluntersuchung in Salzburg. Sie hatte im Jahr 2000 sehr hohe Weichmacherwerte in verpacktem Käse gefunden. Wir wollten wissen, ob das auch heute noch ein Problem ist und haben stichprobenartig im Supermarkt frisch verpackten Käse eingekauft und geprüft. Außerdem sind aktuell Stoffe in der Diskussion, die in Deckeldichtungen von Schraubgläsern stecken und in die Nahrungsmittel übergehen können. Wir haben exemplarisch Babybrei und Pesto im Glas ausgewählt.

Ergebnis: Insgesamt vier Produkte waren stark belastet, viele – auch Babybreie – deutlich. Doch die Untersuchung hat auch gezeigt: Überhöhte Rückstände aus Verpackungen müssen nicht sein.

Theorie und Praxis

Rückstände aus Verpackungen Test

Ölig: Basilikum-Pesto kann den Weichmacher ESBO enthalten.

Eigentlich dürfen Stoffe aus Verpackungen gar nicht auf Lebensmittel übergehen. Es sei denn, das ist technisch unvermeidbar und für Gesundheit, Geruch und Geschmack unbedenklich. So steht es im Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz. So weit die Theorie.

In der Praxis kann man allerdings davon ausgehen, dass solche Übergänge stattfinden. Für viele Verpackungen, zum Beispiel Kunststoffe und Deckel, gilt deshalb eine Mindestanforderung: Auf ein Kilogramm Lebensmittel dürfen nicht mehr als 60 Milligramm Stoffe aus der Verpackung übergehen. Weil dieser Wert relativ hoch angesetzt ist, gibt es für bestimmte Substanzen strengere Einzelgrenzwerte. Berechnet werden sie auf der Basis toxikologischer Daten und in der Annahme, dass ein Erwachsener lebenslang pro Tag ein Kilogramm des entsprechenden verpackten Lebensmittels verzehrt.

Doch die Lebensmittelprüfer wissen nicht immer, wonach sie suchen müssen. Einige Substanzen wurden auch nur zufällig entdeckt. Und bei vielen davon wissen die Experten wenig über mögliche Abbau- oder Umwandlungsprodukte.

Folie ist nicht gleich Folie

Rückstände aus Verpackungen Test

Sensibel: Baby­brei kann Rückstände aus dem Gläschendeckel enthalten.

Für den Verbraucher ist Folie gleich Folie, auch bei Lebensmitteln. Verpackt sind darin zum Beispiel Käse, Fleisch und Wurst, Obst und Gemüse. Bei genauerer Betrachtung wird es kompliziert, denn manche Produkte haben ganz eigene Ansprüche an die Kunststoffhülle: Käse darf nicht austrocknen und nicht schimmeln. Da er sehr fetthaltig ist und unerwünschte fettlösliche Stoffe leicht aus der Verpackung übergehen könnten, sind weichmacherhaltige Folien für Käse tabu.

Fleisch enthält mehr Wasser als Fett und braucht eine Verpackung, die Sauerstoff durchlässt – damit das Fleisch seine rote Farbe nicht verliert. Weichmacherhaltige Folie kann das bieten. Die Folie muss also sorgfältig ausgewählt werden.

Kunststoffverpackungen sind meist gekennzeichnet, eine gesetzliche Pflicht dazu besteht aber nicht. Glas und Gabel zeigen symbolisch an, dass die Verpackung prinzipiell für Lebensmittel geeignet ist – allerdings nicht, für welche. Das Pfeildreieck hilft die Kunststoffe zu unterscheiden, die Kodierung darin zeigt, aus welchem Material die Verpa­ckung besteht. Im Handel, zum Beispiel hinter der Supermarkttheke, sind Folien genau gekennzeichnet: Auf der Packung, dem Rollenkern und in den Papieren steht der Verwendungszweck. Der Folie allein sieht man den Bestimmungszweck nicht an – aus technischen Gründen kann sie keine Kennzeichnung tragen: Verwechslung nicht ausgeschlossen.

Weichmacher in 17 der 26 Käse

Rückstände aus Verpackungen Test

Glas und Gabel Dieses Zeichen sagt: Verpackung taugt für Lebensmittel.

Verpacken Verkäufer den Käse aber mit der richtigen Folie? Wir haben 26 Produkte untersucht, meist direkt im Supermarkt eingewogen, im Stück und in Scheiben abgepackt zur Selbstbedienung. Fazit: Siebzehn Käse waren mit dem Weichmacher Diethylhexyladipat (DEHA) belastet – sieben sehr gering oder gering, acht deutlich, zwei sogar stark. Phthalate waren erfreulicherweise kein Thema im Test. Diese Weichmacher waren in der Vergangenheit in die Kritik geraten, weil sie im Tierversuch Krebs erzeugten und die Fruchtbarkeit beeinträchtigten. DEHA ist zwar nicht stark toxisch, gehört aber keineswegs in ein Lebensmittel. In einem Allgäuer Emmentaler von Real und in einem Leerdammer von Minimal fanden wir sogar Mengen, die über dem gesetzlichen Grenzwert von 18 Milligramm je Kilogramm lagen. Wurden wir im Käse fündig, haben wir die Folien untersucht, um so eventuell die Quelle der Rückstände auszumachen. In jedem Fall waren auch in der Folie deutliche Mengen von DEHA nachweisbar.

Das Ergebnis ist ärgerlich, denn es gibt weichmacherfreie Folien. Neun Produkte haben gezeigt, dass es ohne DEHA geht. Tipp: Für den Übertritt der Weichmacher auf das Lebensmittel sind neben der Fläche auch Temperatur und Dauer des Kontakts entscheidend. Den Käse also am besten umpacken.

Semicarbazid in Babygläschen

Rückstände aus Verpackungen Test

Babykost: Nicht die Gläschen, sondern die Deckel können hier zum Problem werden.

Für das eigene Kind ist das Beste gerade gut genug. Kein Wunder, dass Eltern an Babynahrung höchste Anforderungen stellen. Beim Glas selbst sind Rückstände kein Thema. Wären da nicht die Deckel: Beim Verschließen und Sterilisieren können gesundheitsschädliche Stoffe entstehen, zum Beispiel Semicarbazid. Die Substanz bildet sich beim Aufschäumen von Kunststoffdichtungen. Im Tierversuch wirkt sie schwach Krebs erzeugend und Erbgut schädigend. Ob Semicarbazid das auch beim Menschen tut, ist bisher nicht geklärt. Im Test fanden wir in drei Babygläschen deutliche Mengen: Das waren die Bioprodukte von Martin Evers Naturkost und die Alete Kartoffeln mit Mais & Bio-Hähnchen.

Auch mit Blick auf einen weiteren Stoff hatten die Produkte von Martin Evers Naturkost Probleme: Sie enthielten epoxidiertes Sojabohnenöl (ESBO) – der Gemüsereis mit Pute war sogar mit 55 Milli­gramm je Kilogramm deutlich belastet. In allen anderen Produkten war der Weichmacher nicht nachweisbar. Der Grenzwert für ESBO ist mit 60 Milligramm je Kilogramm relativ hoch angesetzt. Derzeit wird disku­tiert, ob die Höchstgrenze für Babynahrung auf 30 Milligramm je Kilogramm gesenkt wird, denn die Mini-Esser verspeisen verglichen mit ihrem Körpergewicht relativ viel Brei pro Tag.

Das Beispiel ESBO zeigt, wo bisher die Schwachstelle der Zulassungsverfahren solcher Stoffe liegt. ESBO wurde schon vor Jahren zugelassen, als Abbau- oder Reaktionsprodukte noch nicht so gründlich getestet wurden, wie es heute üblich ist. Einige Hersteller haben schon reagiert: Sie wollen jetzt Deckel ohne Stoffe wie Semicarbazid einsetzen (siehe Tabelle Babynahrung).

Zufallsfund 2-EHA

Rückstände aus Verpackungen Test

Anspruchsvoll: Käse ist anspruchsvoll. Nur bei richtiger Lagerung behält er seinen guten Geschmack.

Einen weiteren Stoff spürten Wissenschaftler zufällig bei einer Aroma-Untersuchung in Babynahrung und Fruchtsäften auf: 2-Ethylhexansäure (2-EHA). Zugelassen ist 2-EHA bisher nicht, deshalb gibt es auch keinen Grenzwert. Über den Stoff, der aus dem Dichtungsmaterial von Deckeln stammt, ist toxikologisch wenig bekannt. Wir wiesen ihn in 13 der 18 untersuchten Gläschen mit Babynahrung nach, zweimal sogar in deutlichen Mengen: im Bebivita Gemüse mit Hühnchen und Reis sowie im Hipp Mais mit Kartoffelpüree und Bio-Pute.

Auch Pesti sind belastet

Nicht nur für Babys sind Gläschen interessant. Auch die Großen schätzen sie, zum Beispiel bei fertigem Pesto für Nudeln. Bei öligen Produkten wie diesem ist ESBO auch ein Thema. Deshalb haben wir acht Basilikum-Pesti untersucht. Die Pesti von Tip und Buitoni hatten die Grenzwerte klar überschritten und hätten nicht verkauft werden dürfen. Das Buitoni-Pesto enthielt fast dreimal so viel ESBO wie erlaubt. Immerhin noch deutlich erhöht waren die Werte beim Bertolli-Pesto.

Dass es unerwünschte Stoffe gibt, ist lange bekannt, an Dichtungsalternativen wird gearbeitet. Bleibt die Frage, warum Hersteller meist erst dann aktiv werden, wenn Wissenschaftler unerwünschten Stoffen auf die Spur kommen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 2694 Nutzer finden das hilfreich.