Rück­ruf von Lebens­mitteln Special

Plastikteile im Schokoriegel, Salmonellen in der Salami − regel­mäßig berichtet die Stiftung Warentest über Rück­rufaktionen bei Lebens­mitteln. Welche Probleme treten am häufigsten auf? Und wie funk­tioniert das Warn­system von Unternehmen und Behörden eigentlich genau? test.de erklärts.

Kleines Teilchen, große Aktion

Es war einer der größten Rück­nahme­aktionen der Lebens­mittel­industrie in den vergangenen Jahren: Im Februar hatte eine Frau ein Kunststoffteilchen in ihrem Marsriegel entdeckt. Darauf­hin rief der Hersteller Mars Chocolate in Deutsch­land und 54 weiteren Ländern Millionen seiner Süßig­keiten aus dem Handel zurück. Verbraucher, die eine der betroffenen Schoko­laden gekauft hatten, konnten sie an das Unternehmen schi­cken und sollten Ersatz bekommen. Die deutsche Hotline und die Internetseite von Mars Chocolate waren in der Folge tage­lang so gut wie nicht erreich­bar. Noch heute, drei Monate später, gingen wegen des Rück­rufs täglich Anrufe bei Mars ein, informiert der Hersteller seine Kunden.

Metall in der Pizza, Listerien im Käse

In ihrem Ausmaß zwar wohl einzig­artig, ist die Rück­rufaktion von Mars Chocolate letzt­lich aber nur eine von vielen. test.de hat in den vergangenen drei Jahren mehr als 50-mal über Lebens­mittel berichtet, die aus dem Handel genommen wurden. Mal war es eine fehler­hafte Deklaration auf der Verpackung, mal fanden sich Metall­teile in der Pizza, Scherben im Sauerkirsch­glas, Schimmelpilzgifte in geriebenen Haselnüssen oder Listerien im Käse. Vor allem wenn es um Schadstoffe und Keime geht, ist es wichtig, die Verbraucher schnell zu warnen. „Falls beispiels­weise Listerien in erhöhten Konzentrationen in Lebens­mitteln gefunden werden, ist eine schneller Rück­ruf der Produkte aus dem Handel und vom Verbraucher wichtig, um Erkrankungen zu vermeiden“, sagt Hendrik Wilking vom Robert Koch-Institut.

Gefahr durch Infektions­krankheiten

Listerien können eine Listeriose auslösen. Die Infektions­krankheit kann bei gesunden Menschen zu einer kurzen fieberhaften Durchfall­erkrankung führen, die nach zwei bis drei Tagen von selbst wieder zurück­geht. „Bei älteren oder abwehr­geschwächten Patienten kann es zu Blut­strom­infektionen und Entzündungen der Hirnhäute oder des Gehirns kommen“, warnt Hendrik Wilking. Schwangere könnten unter Fieber oder grippe­ähnlichen Beschwerden leiden, in einzelnen Fällen könne es Fehl-, Früh-, oder Totgeburten geben, oder ein Kind komme geschädigt zur Welt. Mehr dazu in der Meldung Listerien in Lebensmitteln und im Artikel Keime in der Küche.

Hersteller gesetzlich zur Warnung verpflichtet

Häufig sind es die Hersteller selbst, die während einer inner­betrieblichen Kontrolle Keime, Schad­stoffe oder Fremdkörper in ihren Produkten entdecken. Manchmal stoßen auch Mitarbeiter der Lebens­mittel­über­wachung bei unangekündigten Besuchen in Produktions­stätten oder Märkten auf mangelhafte Waren. Selten sind es – wie im Fall der Mars­riegel – Kunden, die einen verdächtigen Fund melden. Hersteller und Händler sind gesetzlich verpflichtet, Kunden und Ämter über fehler­hafte Produkte zu unter­richten. Aber auch die für Verbraucher­schutz und Lebens­mittel­kontrollen zuständigen Behörden der Bundes­länder müssen im Sinne des Lebens­mittel- und Futtermittel­gesetz­buches (LFGB) die Öffent­lich­keit warnen, wenn zum Beispiel „der hinreichende Verdacht für ein Gesund­heits­risiko besteht“ oder „ein zum Verzehr unge­eignetes, insbesondere ekel­erregendes Lebens­mittel in nicht unerheblicher Menge oder über einen längeren Zeitraum in den Verkehr gelangt (ist)“.

Online-Portal bündelt Produktwarnungen

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Wann rufen Unternehmen Produkte zurück und welche Rechte haben Verbraucher? Unser Podcast klärt auf.

Seit knapp fünf Jahren gibt es ein Onlineportal, das solche Informationen von Unternehmen und Behörden aus ganz Deutsch­land bündelt und so mehr Trans­parenz schaffen will: die Seite lebensmittelwarnung.de, betrieben vom Bundes­amt für Verbraucher­schutz und Leben­mittel­sicherheit (BVL). Derzeit listet das Portal mehr als 80 Rück­rufe auf, die bis August 2012 zurück­datieren.

Fremdkörper vor Keimen

Als häufigster Grund für den Rück­ruf eines Produkts wurden danach Fremdkörper genannt (fast 30 Fälle), gefolgt von Keimen (knapp 25 Fälle), fehler­haften Deklarationen (rund 15 Fälle) und Schad­stoffe (gut 10 Fälle). Pro Jahr wurden seit Eröff­nung der Webseite ähnlich viele Rück­rufe vermeldet. Insgesamt geht das BVL von jähr­lich ungefähr 100 Zurück­nahmen aus.

Bundes­amt gibt keine Stan­dards vor

Die auf lebens­mittel­warnung.de veröffent­lichten Rück­rufe und Ergeb­nisse amtlicher Kontrollen sind ein Verbraucher­service. Sie erheben keinen Anspruch auf Voll­ständig­keit und Aktualität. Das heißt: Ob, wann und wie die zuständigen Behörden oder die Unternehmen Informationen an lebens­mittel­warnung.de weitergeben, ist ihre Sache. Das BVL gibt dazu keine Stan­dards vor. Die Landes­behörden beispiels­weise stellen Rück­rufmeldungen und andere Infos – auch die von Herstel­lern und Händ­lern – auf ihren eigenen Internet­seiten online. Es hängt also oft auch von den Unternehmen ab, wie schnell und gründlich sie die Öffent­lich­keit über einen Rück­ruf in Kennt­nis setzen.

Kritik von Verbraucherschützern

Die Verbraucherzentrale Hamburg (vzhh) hält das Portal lebens­mittel­warnung.de für eine sehr gute Einrichtung. An der inhalt­lichen Aufbereitung der Warnungen übt sie jedoch heftige Kritik: „Was gesundheitliche Risiken angeht, sind die Meldungen teil­weise verharmlosend oder völlig unzu­reichend“, sagt die Abteilungs­leiterin Ernährung und Lebens­mittel der vzhh, Silke Schwartau. Die Verbraucherzentrale hat insgesamt 50 zwischen Juli 2015 und April 2016 veröffent­lichte Warn­texte ausgewertet. Danach beschreiben 80 Prozent der Meldungen die mögliche Gesund­heits­warnung nur unzu­reichend. In 27 Fällen hätten Aussagen über gesundheitliche Gefähr­dungen gefehlt, so die Analyse der vzhh, und 5 Warnungen hätten mögliche Auswirkungen verharmlost. Lediglich in zehn Texten seien die Risiken gut beschrieben worden.

Warnungen vor Veröffent­lichung prüfen

„Die Warnungen müssen vor der Veröffent­lichung auf lebens­mittel­warnung.de von einem verantwort­lichen Experten auf fachliche Richtig­keit und verständliche Darstellung hin geprüft werden“, fordert Silke Schwartau. Die BVL solle dafür eine zentrale Stelle einrichten. Keinesfalls dürften Meldungen von Firmen unkontrolliert auf das Portal gestellt werden. Der gerade veröffent­lichte Verbrauchermonitor des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) macht die zentrale Rolle deutlich, die die Menschen hier­zulande Institutionen wie dem BVL beimessen, wenn es um gesundheitlichen Verbraucher­schutz und Lebens­mittel­sicherheit geht. Die Befragung von mehr als 1 000 Deutschen ergab zudem, dass sich eine Mehr­zahl von staatlicher Seite die Bereit­stellung objektiver und verläss­licher Informationen wünscht. Dabei halten die Verbraucher die in Deutsch­land angebotenen Lebens­mittel grund­sätzlich für sicher. Anders sieht es im Fall von Textilien, Spielzeug oder Kosmetika aus. Ihre Sicherheit wird laut BfR-Verbrauchermonitor skeptisch betrachtet. Ein Portal, das ähnlich wie lebens­mittel­warnung.de Rück­rufwarnungen von Sachgütern bündelt, gibt es übrigens bislang noch nicht.

Stich­proben­artige Nach­kontrollen

Was passiert nach der Veröffent­lichung eines Rück­rufes? Um sicher­zugehen, dass der Bekannt­machung auch Taten folgen, kontrollieren die zuständigen Behörden stich­proben­artig, ob die Waren tatsäch­lich aus dem Verkehr gezogen wurden. Ist das nicht der Fall, drohen Herstel­lern und Händ­lern Bußgelder. Einen fest­gelegten Bußgeldkatalog gibt es nicht, das Gesetz erlaubt Flexibilität. Die Forderungen können aber in Einzel­fällen saftig sein: Weil der Discounter Lidl Ende 2010 mit Listerien belasteten Käse nicht schnell genug aus dem Handel genommen hatte, verhängte das Amts­gericht Heilbronn gegen ihn einen Bußgeld­bescheid in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Und wo landen die zurück­gezogenen Lebens­mittel? Auch dafür gibt es keine konkreten Vorgaben. Mars Chocolate will nach eigenen Angaben die von den Konsumenten zugeschickten Süßig­keiten zu Biogas verarbeiten. Da bekommt der eins­tige Werbe­slogan des Konzerns, „Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück“, eine ganz neue Bedeutung.

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