Rückruf von Canyon-Rennrädern Meldung

Der Fahrradhersteller Canyon ruft rund 7 500 Rennräder der Typen F8, F9 und F10 mit „Smolik Motivation Race SL“-Gabeln zurück. Baujahr: 2005 und 2006. Das Unternehmen aus Koblenz bezeichnet die Aktion als „vorsorglichen Rückruf“. Bei Qualitätskontrollen fielen sechs Gabeln mit Mängeln auf. Stellenweise sei bei den aus Carbonfaser hergestellten Bauteilen die Wandstärke zu gering ausgefallen. Dadurch können die Gabeln unter extremer Belastung brechen und zu lebensgefährlichen Stürzen führen. Canyon fordert die Besitzer betroffener Räder auf, sie nicht mehr zu benutzen. test.de informiert über Einzelheiten des Rückrufs.

Werkstoff mit Risiken

Betroffen sind die drei Spitzenmodelle der Canyon-Rennräder. Die Gabel dieser Räder ist aus Carbon hergestellt. Spezielle, überwiegend aus Kohlenstoff bestehende Fasern werden mit Kunstharz getränkt und bei hoher Temperatur in die gewünschte Form gepresst. Carbon ist extrem leicht und belastbar. Es kommt vor allem beim Bau von Sportgeräten zum Einsatz - vom Badmintonschläger bis hin zum Formel 1-Rennwagen. Allerdings ist Carbon schwierig zu verarbeiten. Der Anteil an Handarbeit ist hoch. Entscheidend für die Belastbarkeit ist die Qualität, Anordnung und die Dichte der Fasern und der Anteil an Harz im Material. Bei optimaler Verarbeitung ist Carbon sehr viel leichter und gleichzeitig stabiler als Stahl oder Aluminium-Legierungen. Wenn allerdings der Anteil an Harz zu hoch gerät oder Fasern nicht richtig ausgerichtet sind, nimmt die Belastbarkeit dramatisch ab.

Auffälligkeiten bei Qualitätskontrollen

Canyon will jetzt nicht nur fehlerhafte Gabeln austauschen, sondern generell an allen Rädern stabilere Modelle montieren, erklärte Canyon-Geschäftsführer Roman Arnold gegenüber test.de. Unter normalen Umständen seien die bislang montierten Gabeln jeder Belastung gewachsen. Carbonfaser-Gabeln können jedoch durch kleinere Unfälle oder Montagefehler unsichtbare Schäden davontragen, die die Stabilität beeinträchtigen. Wenn die Gabeln in solchen Fällen nicht wie in der Gebrauchsanweisung vorgeschrieben ausgetauscht werden, kann es gefährlich werden. Um dieses Risiko zu verringern, werde Canyon zukünftig verstärkte Gabeln einsetzen. Außerdem will Arnold die Qualitätskontrolle verbessern. Künftig werde zusätzlich auch das Innere jeder Carbongabel mit einem Endoskop auf Unregelmäßigkeiten kontrolliert.

Lebensgefahr bei Gabelbruch

Vor allem Gabeln aus Carbon sind unter Rennradfahrern umstritten. Grund: Gabelbrüche sind lebensgefährlich. Im Herbst 2004 starb ein 42-jähriger Hobby-Rennfahrer, als an seinem erst wenige Wochen alten Rad eines anderen Herstellers bei einer Vollbremsung die Gabel brach. Ein Gutachter kam damals zu dem Ergebnis: Fehler bei der Herstellung der Carbongabel seien für den Bruch verantwortlich. Andere Gutachter blieben allerdings skeptisch. Sie wollten nicht ausschließen, dass der Mann in Panik den Lenker quergestellt hat oder die Gabel erst nach dem Sturz brach. Die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung ein.

Austausch für mehr Sicherheit

Bei Canyon-Rädern sind bislang keine auf Materialfehlern beruhende Gabelbrüche bekannt geworden. Ein Sturz, bei dem ein Rennradfahrer Verletzungen an der Hand erlitt, wird nach Canyon-Darstellung noch untersucht. Dennoch warnt das Unternehmen vor Fahrten mit sämtlichen 2005 und 2006 produzierten Rennrädern der Typen F8, F9 und F10. Besitzer solcher Räder sollen ihr Rad an Canyon schicken. Dort wird die Gabel gegen ein überarbeitetes Modell ausgetauscht. Über Einzelheiten informiert Canyon unter www.canyon.com/austausch und ab Montag auch unter der Telefonnummer 0 26 54/88 07–0.

Hersteller haftet für Produktfehler

Falls jemand durch einen Produktfehler zu Schaden kommt, ist er zumindest finanziell abgesichert. Der Hersteller muss Opfer von Produktfehlern entschädigen. Für Sachschäden gilt ein Selbstbehalt von 500 Euro. Bei Verletzungen hat der Hersteller vollen Ersatz zu leisten und ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen. Auf ein Verschulden kommt es nicht an. Sobald feststeht, dass ein Produktfehler Ursache für einen Schaden ist, haftet der Hersteller.

[Update 31.08.2012]

Inzwischen erscheint als sehr wahrscheinlich: Der tödliche Sturz eine 42-jährigen Radsportlers im Herbst 2004 beruhte nicht auf einem Produktfehler. Ein weiterer Sachverständiger fand heraus, dass der Mann – wohl bei einem Ausweichmanöver – mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Bordsteinkante fuhr und die Gabel an seinem Rad deshalb und nicht wegen Fehlern bei der Herstellung brach. Generell gilt: Inzwischen sind Millionen von aus Carbon hergestellten Gabeln seit zum Teil schon vielen Jahren im Einsatz. Eine auffällige Zunahme von Unfällen gab es nicht.

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