Rote Frucht­säfte: Superfrüchte ohne Superkräfte

Die Versprechungen sind groß, doch die wissenschaftlichen Belege fehlen. Was die sogenannten Superfrüchte wirk­lich draufhaben.

„Cranberrysaft – beerenstark gegen Blasen­entzündung“ – so lautet einer der ersten Treffer bei der Suche nach Cranberrysaft im Internet. „Sie tun sich etwas Gutes mit den gesund­heits­fördernden sekundären Pflanzen­stoffen des Granat­apfels“, schreibt ein Online­shop zu einem Granat­apfelsaft. Aronia wird gar als „Gesund­heits- oder Wunder­beere“ angepriesen.

Vor allem Reformhäuser, Biomärkte und Drogerien verkaufen solche Beerensäfte. Sie sprechen gesund­heits­bewusste Käufer an. 16 solcher roten Frucht­säfte haben wir getestet. Ob die Qualität stimmt, lesen Sie im Testbericht. Was es mit den Superkräften auf sich hat, finden Sie hier.

Hilft Cranberrysaft wirk­lich gegen Blasen­entzündungen?

Viele Frauen klagen über Blasen­entzündungen. Sie hoffen, sich mit Cranberrysaft davor schützen zu können. Inhalts­stoffe der Cranberry sollen verhindern, dass sich Bakterien an der Blasenwand fest­setzen. Dieser Effekt wurde im Labor – in vitro – nachgewiesen. Ein Beweis für die Wirk­samkeit beim Menschen – in vivo – ist das aber nicht. Florian Wagenlehner, Professor für Urologie und Direktor der Urologischen Klinik am Universitäts­klinikum Gießen, empfiehlt Cranberrysaft seinen Patienten nicht. „Größere Metaa­nalysen zu wieder­kehrenden Harnwegs­infektionen zeigen keinen Effekt von Cranberry. Es ist wissenschaftlich einfach nicht untermauert.“ Laut einer Analyse des interna­tionalen, unabhängigen Netz­werks von Wissenschaft­lern und Ärzten Cochrane Collaboration von 2012 haben Cranberry­produkte keinen klaren Nutzen, Harnwegs­infektionen vorzubeugen. Die Wissenschaftler hatten 24 Studien mit mehr als 4 000 Teilnehmern ausgewertet. Viele Probanden brachen die Studien vorzeitig ab, gerade wenn sie Cranberrysaft bekamen. Das könnte an dessen herbem Geschmack gelegen haben. Wagenlehner, der an der deutschen und europäischen Leit­linie zu Harnwegs­infektionen mitarbeitet, hält seine Patienten aber nicht davon ab, Cranberrysaft zu trinken. „Wenn es ihnen schmeckt und gut tut, ist dagegen nichts einzuwenden“, sagt der Urologe. Er betone aber immer, dass Belege für die Wirk­samkeit fehlen.

Granat­apfel soll unter anderem gut fürs Herz sein oder vor Krebs schützen – stimmt das?

Wissenschaftler Bernhard Watzl. Er befasst sich mit der gesundheitlichen Bewertung von Lebens­mitteln.

Wer schnell im Internet recherchiert, könnte denken, der Granat­apfel sei ein echtes Multitalent: Sein hoher Gehalt an Poly­phenolen, die zu den sekundären Pflanzen­stoffen zählen, soll diversen Erkrankungen vorbeugen. Sekundäre Pflanzen­stoffe haben positive Effekte auf die Gesundheit – das ist unum­stritten. „Aussagen, dass einzelne dieser Stoffe oder einzelne Lebens­mittel wie ein Granat­apfel vor Krankheiten wie Krebs schützen, sind aber zu weitreichend“, sagt Bernhard Watzl, Professor für Ernährungs­wissenschaft am Max-Rubner-Institut in Karls­ruhe. Man könne sehr gut belegen, dass eine hohe Aufnahme pflanzlicher Lebens­mittel wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Voll­korn­produkte und Nüsse mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreis­lauf- und bestimmte Krebs­erkrankungen einhergeht. „Aber einen Beweis dafür, dass einzelne Vertreter für diese gesundheitlichen Effekte beim Menschen verantwort­lich sind, gibt es nicht. Das ist auch schwierig zu belegen“, sagt Watzl.

Aronia gilt als Gesund­heits­beere – ist sie gesünder als andere?

Nein, Superkräfte hat auch die Aronia­beere nicht. „Es gibt keine Hinweise, dass Aronia anderem Obst gesundheitlich über­legen ist“, sagt Ernährungs­wissenschaftler Watzl. Gesund soll sie vor allem wegen ihres hohen Gehalts an Anthocyanen sein, einer Untergruppe der Poly­phenole. Anthocyane sind Farb­stoffe, die Früchte rot und blau färben. Auch blaue Trauben, Heidel­beeren und Brom­beeren enthalten viel davon. Laut Ernährungs­wissenschaftler Bernhard Watzl sind Aronia­beeren und auch Cranberry und Granat­apfel hoch­wertige Lebens­mittel, die zu einer gesunden Ernährung beitragen können. „Aber die Reihe hoch­wertiger Lebens­mittel lässt sich fortsetzen. Sie endet nicht bei diesen drei Beeren.“

Dürfen die Anbieter Gesund­heits­aussagen zu den Säften machen?

Noch vor einigen Jahren schrieben sie solche Hinweise auf die Verpackungen der Säfte. Auf dem Etikett eines Rabenhorst-Granat­apfelsafts etwa hieß es 2012, die enthaltenen Poly­phenole würden das Immun­system unterstützen. Seit Ende 2012 dürfen die Anbieter gesund­heits­bezogene Angaben, sogenannte Health Claims, nur machen, wenn die Europäische Behörde für Lebens­mittel­sicherheit Efsa sie genehmigt hat. Als Belege müssen sie wissenschaftliche Studien einreichen – die Efsa prüft sie. Für Cranberry wurden 16 Claims beantragt, für Granat­apfel 10, für Aronia 2 – keiner wurde zugelassen, weder für Säfte noch für Extrakte oder Pulver. „Die meisten Claims wurden abge­lehnt, weil Nach­weise zur gesundheitlichen Wirkung fehlten oder weil die wissenschaftlichen Belege nicht ausreichend fundiert waren“, sagt Rechts­anwalt Alfred Hagen Meyer, Experte für Lebens­mittel­recht. Kein Anbieter der Fruchtsäfte im Test hat selbst einen Health Claim bei der Efsa beantragt. Wir fragten dennoch, ob sie gesundheitliche Vorteile ihres Produkts sehen. Zwei bejahten, ohne Vorteile genau zu benennen. Auch Nach­weise lieferten sie nicht. Ein dritter Anbieter, Rabenhorst, der dreimal im Test vertreten ist, antwortete so knapp wie richtig: Cranberry-, Aronia- und Granat­apfelsaft können „einen Beitrag zu einer gesunden und abwechs­lungs­reichen Ernährung leisten. Nicht mehr und nicht weniger.“ Ein Anbieter im Test nutzt einen zugelassenen allgemeinen Claim für Mangan in Lebens­mitteln (Testkommentare, Arionia­beerensaft).

Enthalten rote Frucht­säfte mehr Vitamin C als Orangensaft?

Nein, keinesfalls. Nur die Beeren sind vitamin-C-haltig. 100 Gramm Aronia­beeren zum Beispiel haben 21 Milligramm Vitamin C, Cranberry 10 und Granat­apfel 7 Milligramm. In den geprüften Säften jedoch war das Vitamin nicht nach­weisbar. Ein 0,2-Liter-Glas Orangensaft dagegen deckt bereits einen Groß­teil des täglichen Bedarfs an Vitamin C. Apfelsaft steuert auch kaum Vitamin C bei, aber sekundäre Pflanzen­stoffe – naturtrübe Apfelsäfte enthalten mehr als klare.

Wie zuckerreich sind die roten Frucht­säfte?

Granat­apfelsaft hat einen hohen Gehalt an frucht­eigenem Zucker: im Test rund 11 bis 12 Gramm pro 100 Milliliter. Auf deutlich weniger kommt Cranberrysaft: rund 4,3 Gramm. Beim Aroniasaft sind es 5,6 bis 8,7 Gramm. Zum Vergleich: Apfel- und Orangensaft enthalten auf die gleiche Menge zirka 10 Gramm Zucker – so viel wie Cola. Ein Stück Würfel­zucker entspricht 3 Gramm.

Keine Frucht bietet einen Super­schutz. Die Mischung machts!

Ein Lebens­mittel, das Wunder bewirkt, gibt es nicht. Entscheidend ist, wie sich der Mensch insgesamt ernährt. „Wer es schafft, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu essen, tut viel für seine Gesundheit“, sagt Wissenschaftler Watzl. Es komme auf ein vielfältiges Spektrum an. Der gesundheitliche Effekt von Frucht­saft ist der Frucht gegen­über nur zweitrangig. Die Frucht selbst liefert zum Beispiel deutlich mehr Ballast­stoffe als der Saft. Ein Glas kann aber gelegentlich eine Portion frisches Obst und Gemüse ersetzen.

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