Roaming Test

Foto aus Paris. Ein 3 Megabyte großes Bild zu senden, kostet in EU-Tarifen maximal 72 Cent.

Die EU hat mobiles Telefonieren und Surfen im Ausland billiger gemacht. Das gilt aber nicht für jeden Nutzer. Wir schaffen Durch­blick im Tarifwirr­warr.

Alle Fans, die zur Fußball-EM nach Frank­reich fahren, können sich freuen: Die Gebühren für die Mobil­funk­nutzung inner­halb der EU sind recht­zeitig gesunken. Fürs Telefonieren, SMS-Schi­cken und Surfen dürfen die Anbieter nun in den meisten Fällen nicht mehr so viel verlangen wie noch im April. Allerdings haben sich die Regeln verkompliziert, und es bleiben Schlupf­löcher. Der neue Kosten­deckel schützt zudem nicht vor teuren Über­raschungen bei Reisen in Länder außer­halb der EU. In Einzel­fällen kann Roaming – das Nutzen des heimischen Tarifs im Ausland – sogar teurer sein als vorher.

Daher ist es für alle Reisenden lohnens­wert, sich mit den neuen Regeln vertraut zu machen. Unsere Tabellen und Erläuterungen zeigen, wann Verbraucher mit Auslands­paketen billiger fahren und welche Kosten entstehen, wenn sie von den Olympischen Spielen in Rio oder anderen Orten außer­halb der EU zu Hause anrufen.

Alte Ober­grenzen, neue Regeln

Roaming Test

Höchs­tens 23 Cent pro Gesprächs­minute darf es kosten, wenn Kunden im EU-Ausland mit ihrem deutschen Mobil­funk­tarif telefonieren. Das gilt für Anrufe im Gast­land wie auch nach Hause. Bei einge­henden Anrufen sind es maximal 6 Cent pro Minute, bei SMS 7 Cent und für die Über­tragung eines Megabytes Daten liegt das Limit bei 24 Cent. Diese Ober­grenzen gelten bereits seit zwei Jahren. Zusätzlich wird bei Über­schreiten einer vorgeschriebenen Schutz­grenze von 59,50 Euro fürs Surfen die Daten­verbindung unterbrochen.

Was sich ab Mai geändert hat, ist die Berechnungs­grund­lage: Bisher schrieb die EU einfach Maximal­preise vor. Nun hat sie fest­gelegt, dass im Ausland grund­sätzlich dieselben Konditionen gelten sollen wie zu Hause. Die Anbieter dürfen nur geringe Roaming-Aufschläge addieren – bis zu 6 Cent pro Minute bei abge­henden Gesprächen und 1 Cent bei einge­henden, 2 Cent für SMS und 6 Cent pro Megabyte – solange sie die Ober­grenzen insgesamt nicht über­schreiten. Die neuen Regeln gelten bis Mitte Juni 2017. Danach soll es inner­halb der EU, außer bei extrem intensiver Nutzung, gar keine Roaming­gebühren mehr geben.

Bei einigen Tarifen fallen im EU-Ausland schon jetzt keine Extra­gebühren mehr an. Vor allem mit Verträgen, die seit Mai neu geschlossen wurden, können Kunden ihre Kontingente oder Flatrates im Ausland oft ohne Aufpreis verwenden.

Fragen macht sich bezahlt

Jeder Anbieter muss mindestens einen EU-konformen Tarif bereit­stellen. Kunden können sich allerdings nicht darauf verlassen, dass sie beim Vertrags­abschluss einen solchen erhalten. Daher ist es wichtig, dass sie beim jeweiligen Anbieter detailliert nach ihren Vertrags­bedingungen fragen. Denn den Konzernen bleibt viel Spielraum, höhere Preise zu verlangen oder Leistungen zu begrenzen.

Ausnahmen, Schlupf­löcher und Tricks

Einige Anbieter nutzen die Lücken des EU-Rechts kreativ aus. Vodafone etwa verlangt satte 19 Cent pro Nach­richt, wenn ein Kunde sein Kontingent an Frei-SMS über­schritten hat. Obwohl die EU-Roaming­grenze bei 7 Cent liegt, darf der Anbieter das, da er im selben Fall auch im Inland 19 Cent kassiert. Mit der gleichen Begründung knöpft Otelo seinen Prepaid-Kunden schon ab der ersten SMS 9 Cent pro Nach­richt ab. Die Preis­grenzen der EU gelten nur, falls ein Anbieter Auslands­aufschläge berechnet.

Dieses Schlupf­loch nutzen einige: Neben Vodafone kassiert auch O2 pro Gesprächs­minute 29 Cent, sobald Nutzer ihr Frei­kontingent verbraucht haben. Bis Ende April waren nur 23 Cent erlaubt.

O2 hat auch bei manchen Allnet-Flats Wege gefunden, Kasse zu machen: Die Flatrates gelten nur im Inland, außer­halb gelten andere Konditionen. Wer etwa den Tarif „Blue All-in S“ bestellt und ihn nicht um das Auslands­paket „EU-Roaming Flat“ ergänzt, zahlt trotz Flatrate entweder eine Grund­gebühr von 2,99 Euro pro Reisetag oder rund 20 Cent (ab Juli um 15 Cent) pro Gesprächs­minute. Selbst Kunden, die sich für die Option „EU-Roaming Flat“ entscheiden, zahlen pro Minute 9 Cent, falls sie nicht nach Deutsch­land oder inner­halb des Reise­lands telefonieren, sondern in ein Dritt­land – etwa von den Nieder­landen nach Österreich.

Ein weiterer Trick ist, Leistungen zu beschränken: Kunden der „EU-Roaming Flat“ von O2 surfen zwar ohne Aufpreis im Netz, aber höchs­tens mit einem Megabit pro Sekunde. Gerade für Videos in HD-Qualität ist das häufig zu lahm.

Daten­pakete können helfen

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Sorglos telefonieren. Die EU begrenzt die Kosten. Ab Sommer 2017 sollen Roaming­gebühren sogar ganz entfallen.

Verbraucher, die ihr Handy im EU-Ausland nur wenig nutzen, fahren trotz Roaming­gebühren meist am güns­tigsten, wenn sie ihren Heimattarif verwenden. Für Vielsurfer können sich Daten­optionen lohnen – gerade, wenn sie einen älteren Vertrag oder einen Tarif ohne Flatrate haben. Die Pakete bieten ein bestimmtes Daten­volumen, zum Beispiel 100 Megabyte für 5 Euro (Tabelle Datentarife: Auslandspakete zum Surfen im Internet).

Große Unterschiede außer­halb der EU

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Selfie aus Rio. Grüße aus der Olympia-Stadt am besten übers Hotel-WLan abschi­cken, sonst wird es teuer.

Deutlich teurer als etwa in Frank­reich oder Finn­land ist die Hand­ynut­zung außer­halb der EU. Ein Live-Bericht per Telefonat vom olympischen 100-Meter-Finale in Rio kostet in den güns­tigsten Tarifen – etwa Aldi Talk, Blau und Simyo – 99 Cent pro Minute, bei Otelo bis zu 4,32 Euro (Tabelle Roamingtarife Mobilfunk).

Bei einem Base­ball­spiel in den USA passiert oft nicht viel. Wer zwischen­durch aus Langeweile im Internet surft, zahlt beispiels­weise bei Aldi Talk, Blau und Simyo 99 Cent pro Megabyte. Tchibo fordert 12 Euro – obwohl die Daten mit 128 Kilobit pro Sekunde im Schne­ckentempo fließen.

Thai­land-Besucher, die ihren Freunden die Sport­art Sepak Takraw – eine Art Volleyball für Fußballer – per SMS erklären wollen, zahlen zwischen 19 und 84 Cent pro Nach­richt. Wer sich im Türkei-Urlaub einen traditionellen Öl-Ringkampf anschaut und dabei plötzlich einen Anruf aus der Heimat erhält, muss mit Kosten zwischen 69 und 99 Cent pro Minute rechnen.

Da die Roaming­preise außer­halb der EU oft hoch sind, empfehlen sich Auslands­pakete oder Prepaid-Simkarten aus dem jeweiligen Land (Ausländische Sim-Karten). Die Sim-Karten können im Voraus online bestellt oder vor Ort erworben werden.

Ist die güns­tigste Variante fürs Ausland gefunden, kann eigentlich nur noch eines schief­gehen: Der digitale Jubel übers Siegtor im EM-Finale über­lastet die Mobil­funk­netze. Bis der Daten­sturm vorbei ist, ist hoffentlich ein Sitz­nach­bar zum Feiern da. Im besten Fall direkt im Stade de France.

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