Interview

"Erst Schulkinder artikulieren Schmerzen"

Viele Kinder haben irgendwann ein entzündetes Gelenk, nicht immer ist es Rheuma. Welche Krankheitsbilder sind es dann?

Vielleicht ist ein Unfall vorausgegangen oder eine Kindesmisshandlung, vielleicht liegt eine Stoffwechselstörung vor. Bei einem Gelenkerguss in der Hüfte handelt es sich eventuell um einen "Hüftschnupfen", eine Überreaktion des Immunsystems, meistens im Zusammenhang mit einem Infekt der oberen Luftwege. Die Mediziner gehen davon aus, dass etwa eins von tausend Kindern im Laufe der Kindheit daran erkrankt. Der Hüftschnupfen geht von selbst vorbei, kann aber sehr schmerzhaft sein.

Im Alter von vier bis etwa acht Jahren haben sehr viele Kinder Wachstumsschmerzen. Die Kinder werden nachts wach, weil Ober- und Unterschenkel schmerzen. Die Eltern können die Beine massieren, Wärme oder Kälte zuführen, je nachdem, was den Kindern besser bekommt. Auch diese Störung gibt sich wieder. Die Einnahme von Medikamenten ist nicht nötig.

Bei wie vielen Kindern handelt es sich tatsächlich um rheumatische Beschwerden?

Schätzungen zufolge haben etwa 40.000 Kinder in Deutschland Rheuma. Bei etwa 16.000 Kindern pro Jahr wird Rheuma zum ersten Mal diagnostiziert.

Rheumakinder klagen selten über Schmerzen. Wie ist das zu erklären?

Die Gefahr besteht darin, dass Kinder es verdrängen, sie verspielen die Beschwerden, lenken sich ab und empfinden den Schmerz nicht. Allerdings gibt es altersspezifische Schmerzäußerungen: Der Säugling wimmert, Krabbelkinder sind quengelig und unleidlich, wenn sie Schmerzen haben, und sie bewegen sich nicht mehr so viel. Kleinkinder nehmen schnell eine Schonhaltung des Gelenks ein. Auch sie weinen dann schnell, scheinbar unmotiviert. Erst Schulkinder artikulieren und lokalisieren ihre Schmerzen. Und können so dem Arzt helfen.

Warum haben Kinder eine bessere Heilungschance als Erwachsene?

Bei rheumakranken Erwachsenen kommt erschwerend hinzu, dass sie meist noch andere Krankheiten wie einen Herz-Kreislauf-Schaden oder Diabetes haben. Zudem ist das Immunsystem der Kinder plastischer und lässt sich besser beeinflussen als das ausgereifte Abwehrsystem eines Erwachsenen.

Bekommen rheumakranke Kinder die gleichen Medikamente wie Erwachsene?

Ja, bis auf kleine Unterschiede: Ein weiterer neuer TNF-Blocker neben Enbrel, das Infliximab, wird rheumakranken Erwachsenen, nicht aber Kindern gegeben, weil es schwerer steuerbar ist. Auch die neuen NSAR, die Cox-2-Hemmer, die in der Regel weniger Nebenwirkungen haben, sind bei Kindern noch nicht im Einsatz, werden aber gerade getestet.

Gibt es Probleme bei der Verschreibung teurer Medikamente?

Bei Erwachsenen wohl immer mal wieder, bei Kindern haben wir noch keine Restriktionen erlebt. Selbst bei dem teuren TNF-Blocker Enbrel, der etwa 4.000 Mark pro Monat kostet, spielen Ärzte und Kassen mit. Weil mögliche Spätfolgen allerdings noch nicht ausreichend abzusehen sind, sind die Indikationsrichtlinien sehr streng. Erst wenn die herkömmliche Basistherapie nicht anschlägt, kann Enbrel verschrieben werden.

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