Medikamente aus dem Genlabor helfen Rheumapatienten, bei denen die üblichen Mittel versagen. Rheumatologen stellten auf einem Kongress in Berlin neue Entwicklungen vor.

Rheuma hat viele Gesichter. Hinter diesem Namen verbergen sich etwa 400 teilweise sehr verschiedene Erkrankungen. Vielen von ihnen ist aber eins gemeinsam: eine chronische Entzündung des Bindegewebes. Da Rheuma im ganzen Körper vorkommt, können die unterschiedlichsten Organe betroffen sein.

In Deutschland leiden mindestens 1,3 Millionen Menschen an einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung, die individuell sehr unterschiedlich verlaufen kann. Typischerweise treten Krankheitsschübe auf, zwischen denen die Patienten relativ frei von Beschwerden sein können. Im Laufe der Jahre kommen die Schübe meist in immer kürzeren Abständen. Mehr als die Hälfte von ihnen leidet an klassischem Gelenkrheuma, der rheumatoiden Arthritis. Meist erkranken Erwachsene jenseits des 45. Lebensjahres, aber auch Kinder können betroffen sein.

Früh und intensiv behandeln

In der Therapie setzt sich heute zunehmend die Erkenntnis durch, dass eine Behandlung umso effektiver ist, je früher und intensiver damit begonnen wird, das Rheuma zu unterdrücken. Damit lassen sich Spätschäden am besten vermeiden, denn gerade am Anfang ist die Gelenkzerstörung oft am stärksten. Bisher wird mit Schmerzmitteln behandelt, mit entzündungshemmenden Medikamenten und so genannten Basistherapeutika, die den Krankheitsverlauf verlangsamen. Außerdem können Gymnastik, Elektrotherapie, Wärme- oder Kältebehandlungen Linderung verschaffen. Viele rheumatische Erkrankungen gehen auf eine Fehlregulation des Immunsystems zurück: Die Abwehrzellen machen nicht nur Krankheitserreger unschädlich, sondern greifen auch körpereigene Strukturen an, die sie eigentlich schützen sollten. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Botenstoffe des Immunsystems, so genannte Zytokine. Einige von ihnen wirken entzündungsfördernd. Produzieren die Immunzellen ständig zu viele dieser Botenstoffe, kann die Entzündung mit der Zeit gesundes Gewebe schädigen.

Biologika blockieren Entzündungsfaktoren

Eine neue Klasse von Rheumamedikamenten hat nun genau diese Botenstoffe ins Visier genommen. Zurück zur Natur könnte das Motto lauten – allerdings auf High-Tech-Niveau. Denn mit Naturheilkunde haben diese biologischen Arzneimittel nichts zu tun. Stattdessen handelt es sich um gentechnisch hergestellte Substanzen, die mit körpereigenen Stoffen weitgehend bis vollständig identisch sind. Sie übernehmen zum Beispiel die Rolle der natürlichen Antikörper, um die Entzündungsfaktoren in Schach zu halten – fangen sie ein oder blockieren ihre Aktivität. Gegen zwei wichtige Entzündungs-Zytokine, TNF-alpha und Interleukin-1, gibt es inzwischen Medikamente.

Mit diesen Biologika ist erstmals eine zielgerichtete Behandlung möglich. Sie haben sich bereits bei der rheumatoiden Arthritis bewährt. 60 bis 80 Prozent der Behandelten, bei denen die Basistherapeutika versagt haben, sprechen auch noch nach vier Jahren unvermindert gut auf die Medikamente an. „Die Entzündungen werden teilweise so stark zurückgedrängt, dass die Zerstörung des Knorpels ganz zum Stillstand kommt“, sagt Dr. Thomas Dörner, Rheumaspezialist an der Berliner Charité. Herkömmliche Medikamente können diesen Prozess nur verlangsamen. Rheumatologen der Charité sind an klinischen Studien mit Biologika beteiligt, die seit rund fünf Jahren untersucht werden. Für die reguläre Therapie sind sie seit zwei Jahren zugelassen. „Mit Einführung dieser Substanzen erleben wir eine neue Epoche für das Fachgebiet“, so Dr. Dörner. „Voraussetzungen waren Untersuchungen zur Krankheitsentstehung, Dadurch konnten diese neuen Therapieprinzipien identifiziert werden.“

Neue Therapie für Bechterewsche Krankheit

Bei einer anderen Rheumaform, der Bechterew­schen Krankheit, wirken Basistherapeutika und Kortison schlecht oder gar nicht. Bei dieser Erkrankung können entzündliche Vorgänge an der Wirbelsäule zu Bewegungseinschränkungen, Verfestigungen und Fehlstellungen führen. Sie beginnt häufig schon bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Bisher können nur die Symptome durch Schmerzmittel, Entzündungshemmer und Krankengymnastik gelindert werden.

Über einen erfolgreichen Ansatz, die Ursachen auch dieser Entzündung mit Biologika zu bekämpfen, berichteten auf dem Berliner Rheumakongress im September Professor Jürgen Braun und Professor Jochen Sieper vom Berliner Universitätsklinikum Steglitz. Inzwischen ist die Zulassung der TNF-alpha-Blocker auch für die reguläre Behandlung von Morbus Bechterew beantragt. Auch weitere rheumatische Leiden könnten künftig durch Biologika gelindert werden, hoffen die Mediziner, so etwa die Vaskulitiden, entzündliche Erkrankungen der Blutgefäße. Je nach betroffenem Organ können sie etwa zu einem Hörsturz oder einem Hirnschlag führen. Mediziner an der Universitätsklinik Lübeck untersuchen derzeit, ob die Medikamente hier einsetzbar sind.

Zwar bilden Biologika körpereigene Regulationsprozesse nach, frei von Nebenwirkungen sind sie jedoch nicht. Häufigstes Problem sind bisher allergische Reaktionen. Da die auf Antikörpern basierenden TNF-alpha-Blocker teilweise aus Mäusen gewonnen werden, tragen sie noch Bestandteile, die eine Abwehrreaktion im menschlichen Körper auslösen können.

Nebenwirkungen auf der Spur

Inzwischen haben Wissenschaftler aber mit dem Wirkstoff Adalimumab einen TNF-alpha-Blocker entwickelt, der keine Anteile mehr von der Maus enthält und demnach auch keine allergischen Reaktionen mehr hervorrufen sollte. „In klinischen Studien hat sich das bisher auch bestätigt“, sagt Dr. Thomas Dörner. Das Medikament soll im nächsten Jahr zugelassen werden.

Da die blockierten Zytokine auch für andere – sinnvolle – Immunreaktionen im Körper verantwortlich sind, können durch die Biologika-Behandlung häufiger Infekte auftreten. In den ersten Studien mit den neuen Medikamenten flammte bei etwa jedem 500. Patienten eine zurückliegende Tuberkuloseerkrankung wieder auf. Inzwischen werden alle Patienten vor der Therapie auf Tuberkulose untersucht.

Noch keine Langzeituntersuchungen

„Bisher fehlen uns Langzeituntersuchungen an großen Patientengruppen. Ob Patienten auch nach langjähriger Anwendung noch auf diese Medikamente ansprechen, wissen wir nicht“, sagt Dörner. Auch ob dadurch andere Krankheiten, wie beispielsweise Krebs, häufiger auftreten, sei noch offen. Aus diesen Gründen setzen Rheumatologen Biologika bisher nur bei Patienten ein, denen die Basistherapeutika nicht helfen konnten.

Hierzulande steht die Behandlung mit Biologika insgesamt aber noch am Anfang. Im europäischen Vergleich steht Deutschland an drittletzter Stelle vor Italien und Portugal. In Schweden wird siebenmal häufiger, in den Niederlanden fünfmal häufiger als bei uns mit diesen Mitteln behandelt. Weltweit arbeiten Forscher inzwischen an neuen Biologika, die sich gegen weitere entzündungsfördernde Botenstoffe richten.

Noch müssen die Medikamente in der Klinik als Infusion verabreicht oder von den Patienten selbst unter die Haut, zum Beispiel in die Bauchfalte gespritzt werden. In einigen Jahren könnte es sie aber auch in Pillenform geben – Pharmafirmen arbeiten schon daran.

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