Rhetorikseminare Test

Einst als Rednertalent unterschätzt, mittlerweile ein rhetorischer Profi: Bundeskanzlerin Angela Merkel überzeugt auch durch Mimik und Gestik.

Rhetorikseminare haben Hochkonjunktur. Doch nicht alle 21 getesteten Kurse für Führungskräfte waren überzeugend.

Monatelang diskutierte Deutschland über ihre Haare, die Farbe ihres ­Jackets und darüber, ob eine Frau dieses Land führen könnte. Welches Redner­talent in Angela Merkel steckte, erkannten nur wenige von Anfang an.

Zwar haben es Männer mit ihren tiefen Stimmen und ihrer körperlichen Präsenz einfacher. Die Bundeskanzlerin aber ist mittlerweile ein rhetorischer Profi. Ihre Reden sind verständlich, gut strukturiert und glaubwürdig. Das bescheinigte ihr der Förderkreis politische Rhetorik und ernannte sie zur „Frauenpersönlichkeit“. Angela Merkel ist nach Renate Künast erst die zweite Politikerin, die auf diese Weise ausgezeichnet wurde.

Was Merkel hat, brauchen viele – nicht nur in der Politik. Präsentationen, Vorträge und Verhandlungen bestimmen in vielen Jobs den Alltag. Überzeugendes Auftreten ist zum Beispiel für einen jungen Ingenieur wichtig, der seine erste Präsentation im Unternehmen vorbereitet. Die Zukunft eines Technikers, der in seinem früheren Job wenig reden musste, jetzt aber Vergaser von Motorrädern vertreibt, hängt von seinen rhetorischen Fähigkeiten ab.

Gekonnte Gesprächsführung ist auch für den Arzt wichtig, der seine bisherigen Patienten halten und neue gewinnen will.

Mehr als 1 000 Seminare pro Jahr

Rhetorikseminare sind deshalb sehr beliebt. Allein für Frauen und vor allem für Fach- und Führungskräfte bieten schätzungsweise etwa 150 Anbieter mehr als 1 000 Seminare jährlich.

Fast immer auf Firmenkosten lassen sich die Teilnehmer in zwei Tagen von privaten Anbietern und Kammern schulen. So ein Training in der Kunst zu reden kostet leicht mehr als 1 000 Euro, zum Teil sogar doppelt so viel.

Wir wollten wissen, wie viel man in zwei Tagen lernt und haben verdeckt 21 Kurse für Fach- und Führungskräfte getestet. Spaß gemacht haben unseren Testern fast alle, besonders überzeugt haben sie aber nur zwei, die preislich im Mittelfeld liegen: „Rhetorik“ der Typ Akademie für 530 Euro und „Rhetorik – Lebendig und wirkungsvoll reden“ von IME für 1 100 Euro.

Beide Seminare vermittelten ihre Inhalte durch viele gute Übungen praxis- und berufsnah. Außerdem sorgten die Dozenten dafür, dass die Teilnehmer das Gelernte später nach dem Kurs auch anwenden können. Sie befragten zum Beispiel die Teilnehmer nach ihren Lernzielen, schrieben die Arbeitsergebnisse für alle sichtbar auf und fassten das Gelernte an beiden Tagen noch einmal zusammen.

Wir konnten beiden Seminaren deshalb neben einem „Hoch“ für die Qualität der Kursdurchführung zumindest ein „Mittel“ für die Qualität der Unterstützung des Lernerfolgs geben. Mehr als die Hälfte der anderen Kurse versagte in dieser Kategorie.

Übungen im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt eines Rhetorikseminars sollten praktische Übungen stehen. Einen guten Einstieg in die Sprechtechnik bot eine Übung beim Zienterra Institut und bei IIR Deutschland: Durch das Sprechen mit einem Korken im Mund konzentrierten sich die Teilnehmer auf die Zungenbewegung bei der Artikulation und sprachen anschließend deutlicher als vor der Übung.

Jeder Kurs steht und fällt mit seinem Trainer. Anders als bei manchen Seminaren zu anderen Themen fielen die Trainer der Rhetorikkurse durch überwiegend gute Didaktik und fachliche Kompetenz auf.

Mehrmals nutzten die Trainer die Vorstellungsrunde als Anlass zur ersten Rede, bei der die Kursbesucher sich selbst, ihr Unternehmen oder einen der anderen Teilnehmer präsentieren sollten. Bei der WestLB Akademie sprangen die Redner ins kalte Wasser und sprachen sofort vor der Kamera.

Videoaufzeichnungen mit Mängeln

Individuell ausgewertete Videoaufnahmen können sehr sinnvoll sein, da sie den Redner immer wieder mit seinen Schwächen konfrontieren. IIR Deutschland nutzte diese Möglichkeit gut: Alle sechs Teilnehmer hielten mehrere Reden, die aufgezeichnet und ausgewertet wurden.

Bei dem Tüv Nord dagegen übertönten Nebengeräusche das Videogerät, beim Management Institut Kitzmann gab es technische Probleme. Zu kurz werteten die Technische Akademie Ahaus und das Team Schuster die Aufzeichnungen aus.

Ankündigungen austauschbar

Weil das Thema Rhetorik sehr breit ist, sollte man vorher wissen, welchen Schwerpunkt ein Kurs hat. Die Anbieter machten es ihren Kunden aber nicht leicht. Nur zehn boten entweder Web- oder Printmaterial, das gut über den Kurs informierte.

Wichtige Angaben etwa zu Lehrmethoden, der Qualifikation des Trainers oder der Gruppengröße fehlten bei vielen.

Oft blieb auch unklar, was die Teilnehmer im Kurs genau lernen sollten. Bei der Technischen Akademie Ahaus zum Beispiel fand eine Kursbesucherin das angekündigte Thema Lampenfieber nicht ausreichend im Seminar behandelt, das für sie aber der Anlass gewesen war, diesen Kurs auszuwählen.

Umgang mit knallharten Kunden

Wer den Umgang mit schwierigen Kunden und knallhartes Kontern üben möchte, sollte einen Kurs zum Thema Dialog wählen. In dem Seminar „Provokative Rhetorik I“ bei der West LB Akademie saßen zum Beispiel etliche Mitarbeiter aus dem Bankgewerbe und der Telekombranche.

„Wer sind Sie?“, „Ist das alles, was Sie zu bieten haben?“. Mit teils aggressiven Fragen konfrontierte der Trainer, ein ehemaliger Pastor, die Redner. „Sehr viele konfrontative Schlagabtausche, sehr anstrengend, aber auch überzeugend“, resümierte unser Tester.

Ob Monologe oder Dialoge – Rhetoriktrainings können eigene Schwächen aufzeigen und wichtige Anregungen geben. Doch selbst das beste Seminar macht in zwei Tagen aus einem rhetorischen Zwerg keinen Riesen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1155 Nutzer finden das hilfreich.