Reportage Meldung

Im Foyer gibts Brötchen. Im Saal genehmigen die Aktionäre alle Vorschläge der Telekom-Verwaltung.

Die T-Aktie hat die Deutschen für die Börse begeistert. Finanztest war auf der Hauptversammlung der Deutschen Telekom in Köln dabei.

Der Redner ist gerade mal so groß wie ein Daumennagel. Mit bloßem Auge ist Ron Sommer, Vorstandschef der Deutschen Telekom, an dem weißen Rednerpult kaum zu erkennen. Selbst wer einen Platz im Innenraum der riesigen Kölnarena ergattert hat, wo sonst Elton John oder Sting ihre Auftritte haben, bleibt auf die großen Bildschirme angewiesen.

Die enorme Halle ist für die Hauptversammlung notwendig. Denn die Telekom hat so viele Privataktionäre wie kein anderes deutsches Unternehmen. Als die ersten T-Aktien im November 1996 auf den Markt kamen, war es der Wunsch der Bundesregierung, die Vermögensbildung per Aktie in Deutschland populär zu machen. Eine gigantische Werbekampagne rollt seither. Fast zwei Millionen Privatleute nennen heute Anteile am Kapital der Telekom ihr Eigen.

Rund 8.000 von ihnen lauschen an diesem letzten Donnerstag im Mai in der Kölnarena der Ansprache ihres obersten Angestellten. Sommer berichtet über das vergangene Geschäftsjahr und die Zukunftspläne. Einigen Aktionären fallen die Augen zu.

Während der Rede drängeln immer neue Hauptversammlungsteilnehmer herein. Ganz unten, im Innenraum, sind die Plätze schon seit einer halben Stunde vor Beginn der Versammlung knapp und begehrt wie im Oktoberfest-Bierzelt. "Hier ist alles belegt", kräht einer, neben dem drei freie Stühle stehen.

Draußen vor dem Eingang stauen sich die Massen, während Sommer drinnen spricht. "Zwei Stunden mit dem Auto von Münster nach Köln" habe er für den Weg gebraucht ­ "und dann noch mal eineinhalb Stunden in der Schlange am Eingang", schimpft Aktionär Manfred Radijewski.

Durch die Sicherheitsschleuse

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Denn wie am Flughafen muss jeder Aktionär am Eingang durch eine Sicherheitsschleuse treten. Wer Metallenes bei sich trägt und damit den Detektor piepsend Alarm schlagen lässt, muss den Kugelschreiber aus der Jackentasche ziehen und die Gürtelschnalle vorzeigen, bis klar ist: Keine Waffen. Das Handgepäck wird wie am Flughafen durchleuchtet ­ Sicherheit muss sein.

Anders als am Flughafen kommt die Abfertigung nach dem Sicherheits-Check. 16 Schalter sind aufgebaut, statt eines Flugtickets muss hier die Eintrittskarte vorgezeigt werden, statt der Bordkarte gibts einen Block mit Stimmkarten.

Die Prozedur braucht ihre Zeit, denn über seinen Strichcode auf der Einladung wird jeder mit Computerhilfe identifiziert. Der Rechner weiß, wie viele Aktien der Aktionär besitzt, wie viele Stimmen ihm dementsprechend zustehen und ordnet dieses Stimmengewicht der ebenfalls per Strichcode maschinenlesbaren Stimmkarte zu.

Mit dem Umsatz des vergangenen Jahres könne man durchaus zufrieden sein, sagt Ron Sommer den Aktionären, nicht aber mit der Entwicklung des Ergebnisses. Der Überschuss des Konzerns Deutsche Telekom lag im Geschäftsjahr 1999 mit 1,3 Milliarden Euro knapp eine Milliarde unter dem von 1998, selbst der von 1997 wurde nicht erreicht. Die Aktionäre nehmen das ohne weitere Reaktion zur Kenntnis.

Erst als Sommer rund eineinhalb Stunden und 33 Din-A4-Seiten Redetext später vorträgt, es sei in dem Unternehmen ein "riesiger Wandel vollzogen worden von der früheren Fernmeldeverwaltung zu einem der maßgeblichen Innovationstreiber in der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts", unterbricht Beifall die Rede.

Selberfragen lohnt nicht

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Nach fast zwei Stunden ist Sommer fertig. Er freue sich auf ihre Fragen, sagt er den Aktionären. Viele Aktionäre freuen sich indes mehr auf das Mittagessen. Noch während der Schlussworte beginnt das Gedrängel an den Türen, im Foyer der Kölnarena gibts Brötchen, Frikadellen und Salat.

Nein, sagt Hans-Theo Stamm aus Dormagen in der Nähe von Köln, er werde sich nicht zu Wort melden. "Das ist den Herren ja doch egal." Entscheidender als er seien doch die Fondsgesellschaften und die Aktionärsvereinigungen. Zur Telekom-Hauptversammlung ist er schlicht "aus Langeweile" gekommen. Es ist schon seine sechste Hauptversammlung in diesem Jahr, ein paar Tage zuvor ist er zu VW nach Hamburg gereist.

"Ein paar Neuigkeiten erfährt man doch immer", meint dagegen Wolfgang Scholz, T-Aktionär seit dem ersten Börsengang 1996. Selber nachfragen will auch er nicht. Seine Fragen, so habe die Erfahrung gezeigt, deckten sich meist mit denen der Aktionärsvereinigungen.

An diese Vereinigungen hätten sie ihre Stimmen immer übertragen, als sie noch im Berufsleben standen und keine Zeit hatten, Hauptversammlungen zu besuchen, berichten Horst Steinmetz und Bernd Meyer. Kleinaktionäre, finden die beiden Wuppertaler, "sprechen zu wenig mit einer Stimme", als dass sie wirklich Einfluss auf das Unternehmen ausüben könnten. In diesem Jahr wollten sie ihre Stimme trotzdem zum ersten Mal selbst abgeben: "Das wollten wir uns nicht entgehen lassen."

Ron Sommer gibt Autogramme

Der Reklamerummel rund um die eigentliche Versammlung stört sie nicht. T-Online und T-D1 haben Verkaufsstände aufgebaut, im Fanshop, der im eigenen Zelt vor der Kölnarena residiert, gibts Devotionalien für die Anhänger der Radfahrerequipe "Team Telekom". Werbung selbst in den Toiletten: Aus dem Lautsprecher an der Decke dudelt der Reklamespot des Internetanbieters T-Online: "Es kommt nicht darauf an, wo Sie sind, sondern was Sie wollen."

Während die Aktionäre sich im Foyer laben, klagt in der Arena Lars Labryga, Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), die T-Aktionäre seien beim Börsengang der Internet-Tochter der Telekom zu kurz gekommen. Sie hätten die Titel von T-Online bevorzugt bekommen müssen. Die verbliebenen Aktionäre applaudieren stürmisch.

Was sich in der Arena abspielt, wird per Fernseher auch nach draußen übertragen. Als Vorstandschef Ron Sommer nach einer guten Dreiviertelstunde auf das erste Fragenpaket antwortet, füllen sich die Ränge wieder. Über Stunden geht es mit Fragen und Antworten weiter.

Die letzten Fragesteller werden schon ausgebuht ­ auch die hartnäckigsten Telekom-Aktionäre wollen irgendwann nach Hause. Am Schluss, draußen wird es langsam Abend, drinnen geht es zur Abstimmung, verlieren sich die Aktionäre fast im weiten Halbrund der Kölnarena.

Gut drei Viertel der Telekom-Aktien sind laut Statistik vertreten ­ sei es durch schriftliche oder Internet-Weisungen, durch eine Vollmacht, die die Besitzer ihrer Depotbank, einer Aktionärsvereinigung oder sonst jemandem gegeben haben ­ oder persönlich. So reichen auch die wenigen Anwesenden für eine hohe Präsenz. Mit Mehrheiten um 99 Prozent genehmigen die Aktionäre alle Vorschläge der Telekom-Verwaltung.

Dafür brauchen sie sich noch nicht einmal anzustrengen: Nur wer mit "Nein" stimmt oder sich enthalten will, muss seine Stimmkarte abgeben. Alles andere gilt als Zustimmung. Und so gibt Ron Sommer, während die Stimmen ausgezählt werden, den Aktionären Autogramme ­ auf deren unbenutzte Stimmkarten.

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