Reportage Meldung

Eigentümer haften für die Sanierung von Altlastengrundstücken ­ aber nicht unbegrenzt.

Wer derzeit nach Osnabrück reist, stößt immer wieder auf ein Plakat. Darauf eine junge Frau mit zwei Händen voll Erde und der Slogan: "Da steh ich drauf". Werbung für die Ausstellung "Alte Lasten ­ Neue Wege", einen Bestandteil des Expo-Projekts "Faszination Boden". Diese Attraktion verdankt die Stadt vor allem ihrer "Wüste" und dem, was darunter liegt.

Wer in Osnabrücks Wüste Ausschau nach Sanddünen hält, sucht vergebens. Seinen Namen hat der Stadtteil vom plattdeutschen "wöst" = unbewohnbar ­ lange Zeit das herausragendste Merkmal des Sumpfgebiets vor der Stadt. Dann rissen die Osnabrücker vor hundert Jahren die Stadtmauern nieder und füllten mit deren Resten den Sumpf auf. Die Landgewinnung bewährte sich so gut, dass später auch Asche und Müll in die Niederungen gekarrt wurden. Die Stadt konnte so ihren scheinbar unbedenklichen Unrat elegant entsorgen und aus wertlosem Ödland wurde teurer Baugrund. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt, dass der Müll doch nicht so harmlos war wie angenommen. Osnabrück-Wüste wurde zum Synonym für die größte bewohnte Altlast Deutschlands ­ 18.000 Menschen leben hier auf verseuchtem Boden.

Wie die Stadt hier Haus für Haus ins Umland hineingewachsen ist, erkennt man leicht, wenn man vom Zentrum aus die Wüste durchstreift. Auf großstädtisch wirkende Gründerzeithäuser folgen niedrigere Nachkriegsneubauten. Den Abschluss zur Stadtgrenze bildet eine Siedlung mit Eigenheimen und Reihenhäusern aus den letzten Jahrzehnten. Hier wohnt nahe dem malerischen Pappelgraben der Pensionär Rainer Brückmann*.

Anfang der siebziger Jahre zog er mit Frau und Tochter in die Wüste. Sein Großvater hatte ihm zwei nebeneinander liegende Grundstücke vererbt, auf denen sich damals noch Kleingärten befanden. Der Enkel baute dann auf dem einen Grundstück ein Haus mit Einliegerwohnung. Das andere ließ er als wild wucherndes Biotop unbebaut. Denkt er an die Zeit, in der er den Garten um das Haus herum urbar machte, lächelt Brückmann: "Nur ein Spatenstich, schon fand man in der Erde eine alte Vase, Töpfe oder interessante Scherben. Für meine kleine Tochter war das damals ein wundervoller Spielplatz."

Wie die archäologischen Funde in den Boden gekommen sind, weiß der Ruheständler auch. "Mein Großvater hat mir selbst erzählt, wie er als Junge den Haushalten für fünf Pfennig Asche und Schlackereste aus den Öfen abgenommen hat, um sie in der Wüste zu verstreuen." Als Brückmann 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, sah er dann selbst, wie Weltkriegstrümmer aus der Stadt mit Loren in die Wüste gefahren wurden. Aber nie hätte jemand damit gerechnet, dass der abgelagerte Müll und Schutt den Boden verseuchen würden.

Böse Überraschung

Reportage Meldung

Den Bewohnern des idyllischen Osnabrücker Ortsteils Wüste droht wegen Altlastenfunden ein teurer Bodenaustausch.

Dann wurde 1992 unweit von Brückmanns Haus die Baugrube für ein neues Studentenwohnheim ausgehoben. "Ein zufällig vorbeikommender Mitarbeiter entdeckte Asche und Bauschutt im Aushub", berichtet Detlef Gerdts, der junge Leiter des Osnabrücker Umweltamtes. Ein folgenschwerer Zufall, denn in dem Erdreich wurden giftige Substanzen gefunden. "Erst haben wir noch an einen Einzelfall geglaubt. Aber dann fanden wir bei weiteren Bauarbeiten immer wieder Müll unter der Erde."

Die Stadt beschloss, der Sache buchstäblich auf den Grund zu gehen und ließ in der ganzen Wüste Proben nehmen. Die Bilanz war erschreckend: Immer wieder fanden sich krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und die Schwermetalle Blei und Kadmium. Sofort ließ die Stadtverwaltung bei 18 der 25 Spielplätze und Kindergärten im betroffenen Gebiet die obere Erdschicht austauschen. Rainer Brückmann und die anderen Wüstenanwohner erhielten Briefe, in denen vor dem Verzehr von Gartengemüse wie Sellerie, Spinat und Radieschen gewarnt wurde, da diese die gefährlichen Schwermetalle anreichern.

"Wo ich doch immer so gern im Garten gesät und gepflanzt habe", erinnert sich Brückmann wehmütig. Doch seit er 1996 an einer schweren Infektion erkrankte, fürchtet er die belastete Erde. "Seitdem lasse ich lieber einen Gärtner das Grundstück pflegen." Gemüse wächst nun nicht mehr im Brückmannschen Garten, nur noch Rasen und ein paar Büsche.

Nach den ersten Stichproben begann die Stadt, systematisch in der grünen Wüste nach Giftstoffen zu fahnden. 10.000 Proben wurden auf den 1.650 Grundstücken entnommen. Sechsmal stanzte eine Bielefelder Analysefirma mit ihren gelben Rammen allein aus Brückmanns Gartenerde Proben. Im November 1999 schrieb ihm dann die Stadt, dass zu viel Blei unter dem Garten liege. Bis zu 1.110 Milligramm wurden in einem Kilo Gartenerde gefunden. Zum Vergleich: Bei einer Belastung von nur 200 Milligramm Blei unter einem Kindergarten kann dem Gesetz zufolge schon eine Sanierung notwendig werden.

Und so wurde auch Gartenfreund Brückmann beschieden, dass nun geprüft werden müsse, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Sein Grundstück gehört damit zu den 750 belasteten, denen ein kompletter Bodenaustausch droht. Der Pensionär sieht das mit gespaltenen Gefühlen: "Natürlich will ich endlich wieder sorglos im Garten arbeiten. Aber gewaltige Erdbewegungen rund ums ganze Haus? Und dann stellt sich ja auch die Frage, wer das alles bezahlen soll."

Eigentümer zahlen

Johannes Schmidt ist wie Rainer Brückmann Mitglied im "Bürgerverein Wüste", der die Interessen der Anwohner gegenüber der Stadt vertritt. Der bärtige Anwalt rechnet mit dem Schlimmsten: "Es lässt sich nicht ausschließen, dass die Stadt die Kosten zumindest anteilig von den Einwohnern fordert. Denn Eigentümer müssen die Gefahren beseitigen, die von ihrem Land ausgehen." Zwar habe das Bundesverfassungsgericht unlängst entschieden, dass kein Hausbesitzer gezwungen werden soll, das von ihm bewohnte Grundstück zu verkaufen, um mit dem Erlös die Sanierung zu finanzieren. "Aber hier würde das Sanieren viel weniger kosten als das Grundstück. Die Entscheidung hilft uns also nicht."

Trotzdem ist der promovierte Jurist zuversichtlich: "Die Stadt hat selbst Müll in die Wüste gekarrt und dann dort Bauland ausgeschrieben und Baugenehmigungen erteilt. Dabei gab es schon 1969 einen Landeserlass, nicht auf Deponien zu bauen." Wer ab 1970 gebaut habe, könne deshalb mit ruhigem Gewissen gegen Kostenbescheide klagen. Kommune und Land sollten die Sanierung der Wüste selbst bezahlen. "Es muss ja keine Luxussanierung sein. Gerade das Neuanlegen der Gärten nach dem Erdaustausch würden viele Anwohner gern selbst übernehmen."

Eine einvernehmliche Lösung wollen nicht nur Anwalt Schmidt und Anwohner Brückmann. Auch Umweltamtsleiter Gerdts sucht den Ausgleich. "Aber bevor man über die Kosten redet, muss erst noch mit einer neuerdings vorgeschriebenen Analyse geprüft werden, wie viel die Menschen überhaupt vom vorhandenen Gift aufnehmen können. Das muss klar sein, bevor man über den Umfang der Sanierung entscheiden kann." Auch hänge die Frage, wer wie viel für die Bagger zahlen muss, davon ab, ob sich der Kommunale Schadenausgleich als Haftpflichtversicherer der Stadt und das Land Niedersachsen an der Finanzierung beteiligen. Hierfür dürfte ein zweistelliger Millionenbetrag erforderlich sein. Bis zum Herbst 2001 wird wohl noch geprüft. Zumindest bis dahin kann die Wüste eine Oase der Ruhe bleiben.

* Name von der Redaktion geändert.

Dieser Artikel ist hilfreich. 304 Nutzer finden das hilfreich.