Was bringt die kostenlose Beratung der Deutschen Renten­versicherung? Wir haben mal rein­geschaut.

Rentenberatung Special

Jeung-Ja Marx und ihr Mann Peter Marx in der Beratungs­stelle der Deutschen Renten­versicherung in Berlin-Charlottenburg. Dort erklärt ihnen die Beraterin Heike Konopka, dass Jeung-Ja Marx Anspruch auf eine Mütterrente hat.

Peter Marx ist ratlos. „Wir sind mit dem Ausfüllen des Renten­antrags über­fordert.“ Mit „Wir“ meint der pensionierte Elektrotechnikprofessor sich selbst und seine Frau Jeung-Ja Marx. Der 75-Jährige erhält schon seit zehn Jahren seine Pension. Seine Frau ist 65 Jahre alt. Nun ist es Zeit für ihre Rente. Doch das Ausfüllen des 17-seitigen Renten­antrags kann selbst einen Professor über­fordern.

„Das machen wir jetzt gemein­sam“, sagt Heike Konopka, Rentenberaterin der Deutschen Renten­versicherung Berlin-Brandenburg. Peter Marx ist ungeduldig. Er kann nicht verstehen, dass Konopka den Schrift­verkehr seiner Frau mit ihrem Renten­versicherer, der Deutschen Renten­versicherung Bund, nicht kennt. „Ist ja unglaublich! Sind ja Zustände!“, erregt er sich.

Konopka hat mit ihrem Computer keinen Zugriff auf die Unterlagen und muss erst anrufen. Die 46-Jährige erklärt: „Sie sind hier bei der Deutschen Renten­versicherung Berlin-Brandenburg.“ Dann wendet sie sich an Frau Marx: „Ihr Renten­träger ist die Deutsche Renten­versicherung Bund. Aber das ist eigentlich egal. Das Rentenrecht ist in Deutsch­land einheitlich.“

Deshalb kann sich jeder Versicherte in einer beliebigen Beratungs­stelle der Deutschen Renten­versicherung beraten lassen. Denn ob er der Deutschen Renten­versicherung Bund oder der Deutschen Renten­versicherung Berlin-Brandenburg zuge­ordnet ist, hat der Zufall entschieden. Es gibt noch 14 weitere Träger der Deutschen Renten­versicherung (DRV), etwa die DRV Baden-Württem­berg oder die DRV West­falen.

Jeung-Ja Marx hatte ihren Versicherer, die DRV Bund, bereits schriftlich gefragt, wann sie in Rente gehen kann und wie hoch ihr Anspruch ist. Rentenberaterin Konopka: „Ich rufe jetzt die Kollegen bei der DRV Bund an und frage, welche Unterlagen für den Renten­antrag noch fehlen.“

Kostenlose Beratung für Millionen

In den 200 Auskunfts- und Beratungs­stellen der DRV haben sich im Jahr 2013 fast 3,9 Millionen Menschen beraten lassen. „Für 2014 zeichnet sich wegen des Rentenpakets eine deutliche Zunahme der Beratungs­gespräche ab“, sagt DRV-Sprecher Dirk Manthey. Konkrete Zahlen gibt es aber noch nicht.

Wer ein persönliches Gespräch möchte, aber keine Beratungs­stelle in der Nähe findet, kann sich mit seinen Fragen auch an einen Versicherten­ältesten wenden.

Diese ehren­amtlichen Berater sind Teil der demokratisch organisierten Selbst­verwaltung der gesetzlichen Renten­versicherung. Im ganzen Bundes­gebiet gibt es rund 5 000 Versicherten­älteste. Sie werden zum Beispiel von den Gewerk­schaften vorgeschlagen und von der Vertreter­versamm­lung des Renten­versicherers gewählt. Auch sie beraten kostenlos, nehmen Renten­anträge entgegen oder helfen den Versicherten beim Ausfüllen.

Die ehren­amtlichen Berater haben üblicher­weise ebenfalls eine breite Themenkennt­nis und liefern auch weniger offensicht­liche Anregungen. Viel Geld kann zum Beispiel der Tipp bringen, den Grad der Behin­derung noch einmal über­prüfen zu lassen, bevor ein Versicherter eine Alters­rente mit Abschlägen beantragt. Vielleicht kann er eine Erwerbs­minderungs­rente bekommen oder noch länger Krankengeld beziehen, ehe er ohne Abschlag in Rente darf.

Über­raschend 114 Euro Mütterrente

Jeung-Ja Marx hat nur 42 Monate Versicherungs­zeit auf ihrem Renten­versicherungs­konto. Das reicht nicht für eine Alters­rente. Nur wer mindestens 60 Monate in der Renten­versicherung versichert war, hat einen Anspruch. Marx fehlen 18 Monate. „Mit Freundinnen habe ich bei unseren regel­mäßigen Frauen­treffen über die Mütterrente gesprochen“, sagt sie. „In der Rentenberatung möchte ich mich informieren“, sagt sie.

Tatsäch­lich bringt ihr die Mütterrente die fehlenden Zeiten: Weil Jeung-Ja Marx Mutter von zwei Kindern ist, bekommt sie Erziehungs­zeiten gutgeschrieben. Für ihre beiden 1981 und 1983 geborenen Kinder werden ihr jeweils zwei Jahre ange­rechnet. Allein ihre beiden Kinder bringen ihr nun gut 114 Euro brutto Monats­rente. Das wusste das Ehepaar Marx nicht.

„Die Mütterrente ist relativ neu – jedenfalls für uns“, sagt Peter Marx. Vor Einführung der Mütterrente im Juli 2014 hätte seine Frau nur jeweils ein Jahr pro Kind ange­rechnet bekommen.

Die Geburts­urkunden ihrer beiden Kinder legt die aus Südkorea stammende Jeung-Ja Marx auf den Tisch. Sie fehlten noch für den Renten­antrag. Beraterin Konopka füllt ihn am Computer aus. Minuten­lang ist nur das Klicken der Computer­maus zu hören. Dann druckt sie den Antrag aus. Jetzt nur noch die Unter­schrift. „Sie erhalten demnächst Ihren Bescheid“, sagt Konopka. „Was heißt demnächst?“, fragt Peter Marx. „In ein bis zwei Monaten“, antwortet die DRV-Beraterin.

Rente rück­wirkend gezahlt

Eine Rente gibt es nur auf Antrag. Sie wird ab dem Datum des Antrags maximal drei Monate lang rück­wirkend gezahlt. Stellt der Versicherte seinen Antrag nicht inner­halb der ersten drei Monate nach Beginn seines Anspruchs, läuft die Rente nicht ab dem gewünschten Beginn.

Nur ein Trost­pflaster bleibt ihm: Wer später in Rente geht, und sei es aus Unkennt­nis, bekommt für jeden verspäteten Monat einen Renten­zuschlag von 0,5 Prozent. Dieser Zuschlag wird lebens­lang gezahlt, macht den Verlust durch einen verspätet gestellten Renten­antrag aber nur dann wett, wenn der Rentner lange lebt.

Jeung-Ja Marx wird ihre Rente pünkt­lich bekommen. Sie hat den Antrag recht­zeitig gestellt.

Was Finanztest-Mitarbeiter erlebten

Finanztest-Mitarbeiter haben sich nicht nur angeschaut, wie andere beraten werden. Wir haben uns auch selbst beraten lassen, Erfahrungen gesammelt, Fragen gestellt: Steigert ein Universitäts­studium die Rente? Kann der Versicherungs­verlauf nach Jahren noch aktualisiert werden, wenn Zeiten fehlen? Kann die Rente mit zusätzlichen freiwil­ligen Beiträgen gesteigert werden? Wie wirkt sich eine Berufs­tätig­keit im Ausland auf die Rente aus?

Wir haben uns in vier Beratungs­gesprächen nicht nur nach unseren Ansprüchen aus der gesetzlichen Rente erkundigt, sondern auch gefragt, welche Möglich­keiten der Alters­vorsorge es sonst noch gibt.

Renten­versicherer in der Pflicht

Die Berater gaben umfassend Auskunft. Das muss auch so sein: Die Auskunfts- und Beratungs­stellen der Renten­versicherer sind verpflichtet, so zu informieren, dass jeder seine Renten­ansprüche ausschöpfen kann. Dies regelt das Sozialgesetz­buch.

Der Versicherte soll erfahren, was ihm zusteht und welche Spielräume er hat. Er soll zum Beispiel wissen, ob er ohne oder mit Abschlägen vorzeitig in Rente gehen kann und – wenn er nur mit Abschlägen gehen kann – wie hoch die Abschläge sein werden.

Berater verrechnet sich um 200 Euro

Nur einmal hat sich der Berater bei einem Finanztest-Mitarbeiter vertan: Er addierte die voraus­sicht­lichen Einkünfte aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rente falsch. Seine Berechnung des geschätzten Einkommens im Alter nach Abzug von Steuern fiel 200 Euro zu hoch aus.

Vorsorgeberatung ohne Verkauf

Die Berechnung war Teil eines Alters­vorsorgegesprächs, bei dem extra geschulte Berater die Versicherten über zusätzliche Vorsorgemöglich­keiten beraten. Sie klären über Vor- und Nachteile der Produkte auf, empfehlen jedoch keine Angebote einzelner Unternehmen. Will der Versicherte ein solches Gespräch, muss er dies bei der Termin­ver­einbarung angeben. Nicht alle Beratungs­stellen machen dieses Angebot.

„Ziel ist es, Ihr monatliches Alters­einkommen zu schätzen und über mögliche Wege einer zusätzlichen Alters­vorsorge zu informieren“, heißt es in dem Informations­blatt „Alters­vorsorge – planen Sie Ihre Zukunft heute!“, das der Berater mit dem Versicherten durch­geht. In dem Blatt notiert er die monatlichen Beträge, die der Sparer aus gesetzlicher und betrieblicher Vorsorge, aus einem Riester- oder Rürup-Vertrag sowie aus einer rein privaten Vorsorge zu erwarten hat. Der Rechen­fehler, den unser Berater gemacht hat, ist also dokumentiert.

Tipp: Wer den gewohnten Lebens­stan­dard im Alter halten will, braucht etwa 80 Prozent des letzten Netto­gehalts. Einen großen Teil davon deckt bei Angestellten die gesetzliche Rente. Der Rentenlücken-Rechner von Finanztest zeigt, wie viel Geld Sie noch extra brauchen.

Schriftliche Information verlangen

Eine Dokumentation der Beratungs­gespräche der gesetzlichen Renten­versicherung ist nicht die Regel. Wer aufgrund einer Beratung Entscheidungen etwa über die Rentenhöhe oder den Renten­anspruch treffen will, macht sich am besten während des Gesprächs nicht nur Notizen, sondern lässt sich die Auskünfte vom Berater schriftlich geben. Dann kann er später belegen, was ihm empfohlen wurde.

Ein vorgeschriebenes Beratungs­protokoll wie bei Banken oder Versicherungen gibt es nicht. Kommt es zum Streit über die Beratung, sind Versicherte aber vor Gericht beweis­pflichtig.

Unabhängiger Rat gegen Gebühr

Besonders bei Unstimmig­keiten mit dem Renten­versicherer sind unabhängige, gericht­lich zugelassene Rentenberater gute Ansprech­partner. Sie beraten allerdings nur gegen Honorar und vertreten ihre Mandanten, ähnlich wie Anwälte, in Fragen des Sozial- und Renten­rechts. Mehr dazu im Interview mit Marina Hebrich, Präsidentin des Berufs­verbands der Rentenberater und in der Checkliste fürs Beratungsgespräch. Von diesen Rentenberatern gibt es rund 700.

Ein freiberuflicher unabhängiger Rentenberater kann beispiels­weise sagen, ob eine Neube­rechnung der im Renten­bescheid ausgewiesenen Rente sinn­voll ist und ob der Rentner eine Nach­zahlung von der Versicherung verlangen kann.

Jeung-Ja Marx hat ihren Renten­bescheid noch nicht. Ihr Ruhe­stand beginnt erst. Sie ist froh, dass sie die Beratung genutzt hat und jetzt von der Mütterrente profitieren wird. „Wer sich nicht informiert, dem entgeht etwas“, sagt sie. Nach dem nächsten Frauen­treffen werden wohl auch einige ihrer Freundinnen einen Termin machen.

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