Rente für Eltern Was der Staat tut und was Sie selbst tun können

17.05.2016

Die Rentenkasse tut einiges, um Mütter und Väter zu unterstützen. Sich allein darauf zu verlassen, ist aber oft keine gute Idee. Finanztest erklärt, welche Möglich­keiten Eltern haben.

Inhalt

Arbeit und Kinder – zwei Voll­zeit-Jobs

Kleine Kinder und gleich­zeitig Karriere? Sun-Mie Dobbert-Choi hat eine klare Meinung: „Familie funk­tioniert nicht, wenn man immer nur gestresst ist und über­haupt keine Zeit füreinander hat“, sagt die 36-jährige Berlinerin. „Glauben Sie mir, meine drei Kinder sind mehr Arbeit als ein Voll­zeitjob. Ich bin nicht verrückt und mache zwei“, fügt sie hinzu. Ein gutes Jahr nach Pharmazie­studium und praktischem Jahr bekam sie 2006 ihr erstes Kind. Nummer zwei und drei folgten im Abstand von jeweils drei Jahren. Dazwischen: Minijobs und Teil­zeit­arbeit. Zurzeit arbeitet die dreifache Mutter 15 Stunden in der Woche für ein Unternehmen, das klinische Studien durch­führt.

Job bringt mehr Rente als Kinder

Teil­zeit­arbeit ist gut für die Familie, für die eigene Rente ist sie schlecht. Laut Wissen­schafts­zentrum für Sozial­forschung Berlin (WZB) bekamen Frauen 2014 im Schnitt 43 Prozent weniger Rente als Männer. Ob dies bei künftigen Rentne­rinnen viel besser aussehen wird, ist fraglich. Auch im Jahr 2012 arbeiteten 69 Prozent der erwerbs­tätigen Mütter auf Teil­zeitbasis, bei den erwerbs­tätigen Vätern waren es nur 5 Prozent. Das Nach­richtenmagazin Spiegel glaubt sogar, ein Revival des tot geglaubten Lebens­modells „Hausfrau“ unter den jüngeren Müttern auszumachen.

Familien­arbeit ist ein volks­wirt­schaftlich wichtiger Faktor

Das Problem für Mütter und Väter: In Deutsch­land hängt die gesetzliche Rente vor allem von der Höhe des Einkommens aus bezahlter Erwerbs­tätig­keit ab. Mit unbe­zahlter Familien­arbeit, von der Frauen nach wie vor den Löwen­anteil über­nehmen, können sie nur begrenzt Renten­anwart­schaften aufbauen. Dabei ist Familien-, Haus- und Pfle­gearbeit ökonomisch ein wichtiger Faktor. Das zeigen Daten vom Bundes­amt für Statistik: Im Jahr 2013 entsprach ihr gesamt­wirt­schaftlicher Wert einem Betrag von 826 Milliarden Euro. Er lag höher als die Summe der Netto­gehälter aller Arbeitnehmer, die auf 780 Milliarden Euro kam.

Weniger Geld nach langer Auszeit

Arbeitet Dobbert-Choi nach dem Ende der Eltern­zeit im Juli weiterhin nur 15 Stunden pro Woche, kommt sie bei ihrem Gehalt derzeit auf 0,43 Renten­punkte im Jahr. Bei einer Voll­zeitstelle käme sie auf 1,14 Punkte. Unter den gleichen Annahmen hätte sie nach zehn Jahren Teil­zeit rund 7 Renten­punkte weniger als mit einer Voll­zeitstelle. Nach heutigen Werten heißt das: Bereits nach zehn Jahren ist ihre Renten­anwart­schaft um 209 Euro im Monat nied­riger. Unter Umständen würde die Rentenkasse ihre Ansprüche zu Renten­beginn zwar etwas aufwerten (Zeiten für die Rente, „Berück­sichtigungs­zeiten“). Aber auch das würde die Lücke im Vergleich zu einer Voll­zeit­beschäftigung lange nicht schließen. Teil­zeit und Auszeiten verbauen außerdem noch immer Aufstiegs­chancen und wirken sich negativ aufs Gehalt aus. Das Deutsche Institut für Wirt­schafts­forschung hat errechnet, dass Mütter, die länger als die vorgesehene Eltern­zeit vom Job pausieren, im ersten Jahr nach Wieder­einstieg im Schnitt 16,4 Prozent weniger verdienen als kinder­lose Frauen. Acht bis zehn Jahre danach verdienen die Mütter immer noch 4,5 Prozent weniger.

Rentenplus für Eltern vom Bund

Um familien­bedingte Verluste bei der Rente abzu­federn, hat der Gesetz­geber Leistungen wie Erziehungs-, Anrechnungs- oder Berück­sichtigungs­zeiten bei der gesetzlichen Rente vorgesehen (Zeiten für die Rente). Die wichtigste Leistung sind die Kinder­erziehungs­zeiten. Drei Jahre lang nach der Geburt des Kindes über­nimmt der Bund Rentenbeiträge für Mutter oder Vater – je nachdem, wer das Kind über­wiegend erzieht. Deren spätere Rente erhöht sich so, ohne dass sie selbst in die Rentenkasse einzahlen. Da dies vor allem Frauen betrifft, sprechen wir im Weiteren von Müttern.

So funk­tioniert die Anrechnung

  • Jede Mutter bekommt für Kinder, die sie ab 1992 geboren hat, drei Jahre Kinder­erziehungs­zeiten ange­rechnet.
  • Pro Jahr erhält sie einen Entgelt­punkt auf ihr Renten­konto. Ein Entgelt­punkt stellt sie dabei so, als hätte sie im Jahr durch­schnitt­lich verdient und Beiträge dafür an die Rentenkasse gezahlt.
  • Mütter, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, bekommen nur zwei Jahre Kinder­erziehungs­zeit pro Kind.
  • Derzeit entspricht ein Renten­punkt 29,21 Euro Monats­rente im Westen und 27,05 Euro im Osten.
  • Die gesetzliche Rentenkasse schreibt allen Müttern Erziehungs­zeiten gut, auch wenn sie nicht gesetzlich versichert sind.

Dobbert-Choi war als Angestellte in einer Apotheke über das berufs­stän­dische Apotheker­versorgungs­werk versichert. Da dort keine Kinder­erziehungs­zeiten berück­sichtigt werden, bekommt sie diese von der gesetzlichen Rentenkasse. Nicht erwerbs­tätige Mütter bekommen sie ebenfalls.

Mehr Punkte für Mütter mit Job

Mütter, die in der Erziehungs­zeit renten­versicherungs­pflichtig arbeiten, können Entgelt­punkte für Erwerbs­arbeit und Kinder­erziehung bekommen.

Beispiel: Eine Mutter bleibt im ersten Jahr nach der Geburt zu Hause. Im zweiten und dritten Jahr arbeitet sie Teil­zeit und verdient die Hälfte des Durch­schnitts­einkommens von derzeit 36 267 Euro im Jahr, also rund 18 134 Euro. Während der Erziehungs­zeit kommt sie so auf vier Renten­punkte:

  • im ersten Jahr einen Entgelt­punkt für die Kinder­erziehung,
  • im zweiten Jahr und im dritten Jahr einen Punkt für die Kinder­erziehung und jeweils einen halben für ihre Erwerbs­arbeit.

Allerdings gibt es eine Ober­grenze. Mehr als gut zwei Entgelt­punkte können Versicherte pro Jahr nicht erhalten. Bei Müttern, die in der Erziehungs­zeit mehr als das Doppelte des Durch­schnitts­einkommens verdienen, wirken sich die Kinder deshalb nicht renten­steigernd aus.

Maßnahmen reichen nicht

Trotz der familien­spezi­fischen Leistungen steht es um die eigen­ständige Alters­versorgung familien­orientierter Mütter nicht gut. Sind die Alters­renten west­deutscher Rentne­rinnen ohne Kinder schon nied­rig, liegen die Renten von Müttern noch einmal darunter. Laut Angaben der Deutschen Renten­versicherung lag Ende 2014 die Rente kinder­loser Frauen durch­schnitt­lich bei 648 Euro im Monat; die von Frauen mit einem Kind bei 600 Euro, mit zwei Kindern bei 538 Euro und mit drei Kindern bei 506 Euro. Im Osten gibt es wegen einer höheren Erwerbs­beteiligung von Müttern unter den Rentne­rinnen von heute dagegen keine nennens­werten Unterschiede.

Jedes Kind bringt 160 000 Euro

Professor Martin Werding vom Lehr­stuhl für Sozial­politik und öffent­liche Finanzen an der Ruhr-Universität in Bochum kommt in einer Studie für die Bertels­mann-Stiftung zu dem Schluss, dass das deutsche Renten­system Eltern benach­teiligt. Werding sagt: „Eltern bedienen zwei Generationen­verträge gleich­zeitig: Neben ihren eigenen Renten­versicherungs­beiträgen, die an die heutigen Rentner ausgezahlt werden, leisten sie einen zusätzlichen generativen Beitrag durch ihre Kinder und damit für den Erhalt dieses Systems. Trotzdem richten sich die individuellen Renten­ansprüche über­wiegend nach den finanziellen Beiträgen, die in der Erwerbs­phase geleistet wurden und viel zu wenig danach, ob Kinder erzogen und betreut wurden.“

Doppeltes Renten-Handicap

Nach Werdings Berechnungen bringt jedes Kind dem Renten­versicherungs­system knapp 160 000 Euro mehr, als es kostet. Die gewerk­schafts­nahe Hans-Böckler-Stiftung betont in einer Unter­suchung zur Rentenlücke zwischen Männern und Frauen, dass Erziehungs­zeiten und eine größere Erwerbs­beteiligung von Frauen zwar bei einer besseren Alters­versorgung helfen. Kürzungen bei der gesetzlichen Rente und die Verlagerung auf betriebliche und private Alters­vorsorge liefen dem aber entgegen. Dobbert-Choi bleibt derzeit mit ihrem doppelten Renten-Handicap als Frau und Mutter vor­erst nur eins: gutes Planen und selbst vorsorgen (Checkliste).

17.05.2016
  • Mehr zum Thema

    Alters­vorsorge für Frauen So sichern Sie sich eine angemessene Rente

    - Sparen hilft, um im Alter nicht arm zu sein. Doch Frauen sollten sich in Sachen Alters­vorsorge noch breiter aufstellen. Sie machen zu Hause die meiste Arbeit, riskieren...

    Abgaben im Zweitjob Mehr Netto aus dem Neben­job rausholen

    - Wer einen Zweitjob hat, zahlt oft Steuern und Sozial­abgaben – je nachdem, was es für ein Job ist, fallen diese jedoch unterschiedlich aus. Um netto möglichst viel aus...

    Corona und Job Lohn, Minijob, Home­office

    - Ab Juli 2021 müssen Arbeit­geber kein Home­office mehr erlauben, aber weiterhin Corona-Tests anbieten. Hier finden Sie Informationen zum Arbeits­recht in Corona-Zeiten.