Reithelme Test

So „behütet“ macht der Ausritt erst richtig Spaß. Und fesch siehts auch noch aus.

Der Kopfschutz ist für Reiter mindestens so wichtig wie Sattel und Zaumzeug, aber längst nicht so selbstverständlich. Dabei gab es bei Aldi einen „guten“ Helm schon für 15 Euro. Und ausgerechnet das teuerste Modell für 350 Euro ist nur „ausreichend“.

Sheree reitet seit ihrem 13. Lebensjahr. Vom Pferd gefallen ist sie schon öfter, gerade zu Beginn ihrer Leidenschaft. Ein Sturz ist der heute 21-Jährigen besonders in Erinnerung geblieben. Haliba, die Haflinger-Stute, trat plötzlich in ein Erdloch, fiel hin und hätte Sheree fast unter sich begraben. Reiterin und Pferd hatten Glück. Das Tier stand unbeschadet auf, das Mädchen kam mit dem Schrecken und ein paar Blessuren davon. Seitdem hat die Studentin einen ständigen Begleiter, wenn sie in den Stall geht – ihren Reithelm.

Dieser Sport ist riskant

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Wer hält am meisten aus? Wie stoßdämpfend der Helm ist, beweist sich in der Fallprüfung. Dabei saust er aus 1,50 Meter Höhe auf den Amboss.

Wer sein Glück auf dem Pferderücken sucht, muss wissen, dass er ein hohes Verletzungsrisiko eingeht. Sei es, weil der Abstieg schon mal unfreiwillig geschieht, sei es, weil das sanfte Ross plötzlich der Hafer sticht und es auskeilt. So wie Fahrradfahrer haben Reiter weder Knautschzone noch Airbag. Nur ein Helm kann Kopf und Halswirbelsäule vor schlimmen Folgen bewahren. Dennoch tragen viele gar keinen oder einen ungeeigneten Kopfschutz. Bei der Telefonumfrage einer Reiterfachzeitschrift räumten 87 der 104 meist weiblichen Befragten ein, ohne Helm zu reiten, obwohl sie sich des Risikos bewusst sind. Als Grund nannten sie in erster Linie Eitelkeit. Angesichts von mehr als 90 000 Reitunfällen pro Jahr, die einen Arztbesuch erforderlich machen, ist das ein erschreckendes Bekenntnis.

Auf dem Turnierparcours und im Military-Gelände ist „oben mit“ Pflicht. Gute Reitschulen bestehen ebenfalls darauf, schon allein aus Haftungsgründen. Doch ob es sich nur um eine simple Kappe oder einen stoßdämpfenden Helm handelt, ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Beide ähneln sich. Schutz vor Verletzungen versprechen nur nach Norm geprüfte Modelle, zu erkennen an der Aufschrift „Nach DIN EN 1384“.

Härter geprüft als Norm verlangt

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Die Quetschprüfung zeigt, wie der Helm auf seitlichen Druck reagiert (Seitensteifigkeit).

Diese Europanorm legt die Mindestanforderungen fest, die „Schutzhelme für reiterliche Aktivitäten“ – so die offizielle Bezeichnung – erfüllen müssen. Wir haben natürlich nach dieser Norm geprüft, teilweise sogar härtere Bandagen angelegt. Dabei haben wir uns auch an den Vorgaben für Fahrradhelme orientiert. Schließlich ist der Sturz vom Pferd vergleichbar mit einem Crash beim Radeln. 15 Reithelme mussten so ihre Schutzfunktion unter Beweis stellen, Modelle für den schmalen Geldbeutel genauso wie teure Exemplare. Wir wollten wissen, was sie aushalten, wie komfortabel sie sind und ob der Preis die Qualität bestimmt.

Drei Helme sind „mangelhaft“

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Nur Schmuck oder auch Schutz?
Der Dressur-Zylinder sieht schick aus, ist aber nur zur Zierde.

Das Ergebnis überrascht. Der teuerste Helm im Test, GPA Pikeur Titium für stolze 350 Euro, kam über ein „Ausreichend“ nicht hinaus. Im Falle eines Falles bekommt der Kopf mehr ab als bei vielen anderen Modellen. Besseren Schutz gibt es schon ab 15 Euro. So preisgünstig war der „gute“ Aldi-Helm im März zu haben. Schade nur, dass dieses Aktionsangebot nicht ständig verfügbar ist.

Glücklichweise gibt es „gute“ Alternativen, für die man auch nicht allzu tief in die Tasche greifen muss. Casco Youngster, Horka, Krämer, Codeba und Troxel kosten zwischen 45 und 70 Euro. Für die drei „mangelhaften“ Helme von Kavalkade, Loesdau und USG verlangen die Händler ähnlich viel. Die Gleichung „teuer ist besser“ geht demnach nicht auf.

250-fache Erdbeschleunigung

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Auch die Reitkappe schmückt, schützt den Kopf aber nicht.

Die Spreu vom Weizen trennte sich in der Fallprüfung, die einen Sturz aus 1,50 Metern Höhe simuliert. Der behelmte Kunstkopf schlägt an der Stirn, auf der Seite und am Hinterkopf auf, sowohl auf einer Fläche als auch auf einer Kante (Bord­steintest). Dabei wird an drei Stellen gemessen, wie hoch die Beschleunigung beim Aufprall ist. Physikalisches Maß der Dinge ist die Erdbeschleunigung. Der Helm soll so viel dämpfen, dass der Kopf höchstens der 250-fachen Erdbe­schleu­nigung ausgesetzt wird. So will es die Norm für die Fläche. Drei Modelle schafften das nicht: „mangelhaft“ für Loesdau, Kavalkade und USG. Sie dämpfen schlecht und bieten dem Schädel somit zu wenig Schutz. Beim Equipar von USG kommt erschwerend hinzu, dass er leicht abrutscht und der Kopf dann dem Boden oder dem Huf gänzlich ungeschützt ausgesetzt ist. GPA Titium von Pikeur und Casco New Master fangen Stöße zwar etwas besser ab, erfüllen die Normanforderungen aber nur knapp: „ausreichend“. „Gute“ Modelle puffern rund ein Drittel mehr als die Norm fordert.

Wie Fahrradhelme

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Lebensretter Reithelm bietet Komfort, Schick und Schutz.

Moderne Reithelme bestehen grob gesagt aus zwei Teilen: einer abgepolsterten Polystyrol-Innenschale und einer härteren Plastik-Außenschale, die entweder glatt oder velourähnlich überzogen, beflockt ist. Drei-oder Vierpunkt-Riemen und Verschluss sorgen für festen Sitz unter dem Kinn. Sie sind also ähnlich aufgebaut wie Fahrradhelme. Kinnschalen sind übrigens seit einigen Jahren aus dem Rennen, im Military-Sport sogar verboten. Es hat sich nämlich gezeigt, dass sie schwere Verletzungen wie durchtrennte Unterlippen und zerstörte Nasenwurzeln verursachen können.

Riemen und Verschlüsse halten eine ganze Menge aus. Zehn Kilogramm plötzliche Belastung steckten alle Modelle im Test locker weg.

Der Schirm als Sonnenblende soll elastisch und nachgiebig sein. Feste Schirme können beim Aufprall weh tun, nicht nur im Gesicht. Drückt etwas von vorn dagegen und schiebt den Helm mit Wucht in den Nacken, belastet das zusätzlich die Halswirbelsäule. Drei Modelle – Horka, Codeba und Krämer – sind mit einem starren Schirm versehen. Im Punkt „Durchbiegung“ bekamen sie trotzdem noch ein „Ausreichend“: Die Schirme brechen bei zu hoher Belastung, was das Verletzungsrisiko mindert.

Passt, wackelt nicht und hat Luft

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Der Military-Helm muss noch mehr aushalten; er ähnelt dem Harley-Helm.

Neben den Laborköpfen haben natürlich auch Reiter die Helme getragen. Sie begutachteten Handhabung und Tragekomfort. Denn was nützt der sicherste Kopfschutz, wenn er so unbequem ist, dass der Reiter ihn am liebsten liegen lässt?

Angenehm aufgefallen sind unserem Team Krämer Ride-a-Head Discovery und der Aldi-Helm. Die beiden Casco-Helme haben in diesem Punkt aber am besten gefallen. Ihre Vorteile: Sie sitzen gut, lassen sich direkt per Drehknopf auf dem Kopf einstellen, Riemen und Verschluss sind flexibel zu handhaben. Dank großer Lüftungsschlitze bewahrt der Reiter auch stets einen kühlen Kopf. Insgesamt gelungene Konstruktionen, was den Tragekomfort betrifft. Kein Wunder bei einer Firma, die viel Erfahrungen mit Fahrradhelmen hat. Doch beim Unfallschutz des Casco New Master hat das wenig genützt. Er schützt nur „ausreichend“.

Wenig Mühe geben sich manche Anbieter mit den Warnhinweisen und der Anleitung. Ganz wichtig: Jeder Helm, der einen kräftigen Schlag abbekommen hat, muss erneuert werden. Zu groß ist das Risiko von Rissen oder Verformungen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Nach etwa fünf Jahren ist ebenfalls Ersatz fällig. Licht, Wärme und Kälte lassen das Material altern. Auch Sheree braucht bald wieder einen neuen ständigen Begleiter.

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