Angst vor Schweinegrippe oder Terror akzeptieren die Versicherer nicht als Grund, eine Reise abzusagen. Trotzdem sind Rücktrittskostenpolicen oft sinnvoll. Im Test waren einige gut.

Es gibt zwei große Missverständnisse über die Reiserücktrittsversicherung. Das erste: Der Versicherer zahlt, wenn Urlauber aufgrund von Epidemien oder Seuchen im Reiseland nicht reisen. Das zweite: Er zahlt, wenn Urlauber aufgrund von Terroranschlägen absagen.

Beides ist nicht so. Weder Schweinegrippe in Mexiko noch Terroranschläge auf Mallorca lassen die Versicherungsunternehmen als Rücktrittsgrund gelten. Auch Unwetter im Reiseland werden nicht akzeptiert. Die Angst vor Epidemie, Terror und Wirbelsturm ist grundsätzlich nicht versichert.

Krank durch Schweinegrippe

Besser sieht es aus, wenn Urlauber sich selbst mit der Schweinegrippe infizieren. Zwar regeln die meisten Versicherer, dass ihr Schutz bei Pandemien nicht greift, also bei länderübergreifenden Seuchen wie der Schweinegrippe. Doch haben zum Beispiel Europäische Reise, Mondial, URV und Würzburger anhand von Presseerklärungen oder Veröffentlichungen im Internet bereits darauf hingewiesen, dass sie diesen Ausschluss bei der Schweinegrippe nicht anwenden werden.

Erfreulicherweise gibt es aber auch einige Versicherer, die auf den Ausschluss von Pandemien ganz verzichten. Das sind in unserem Test:

  • ADAC
  • Europ Assistance
  • HanseMerkur
  • und Generali.

Tarife von „gut“ bis „ausreichend“

Finanztest hat die Bedingungen von 59 Tarifen untersucht. Ein „Sehr gut“ für die Verbraucherfreundlichkeit konnten wir nicht vergeben. Aber es ist auch keiner der Tarife völlig durchgefallen. „Ausreichend“ war die schlechteste Note. Wir haben uns vier Typen von Versicherungen angeschaut: Einzel- und Familientarife jeweils für eine Reise und als Jahresverträge.

Bei Familientarifen für einzelne Reisen hat die Würzburger am besten abgeschnitten. Für Einzelpersonen ist die AachenMünchener Versicherung die beste. Schade nur, dass sie nicht auf den Pandemie-Ausschluss verzichtet. Sie gehört zum Generali-Konzern. Generali selbst und eine andere Generali-Tochter, die Europ Assistance, schnitten dagegen in unserem Test am schlechtesten ab.

Auf Ausschlüsse achten

Ein Tarif ist gut, wenn seine Bedingungen nicht zu viele Fälle ausschließen und sie klar formuliert sind. Ausschlüsse und schwammige Formulierungen sind nichts anderes als Schlupflöcher für Versicherer, um nicht zahlen zu müssen. Ganz ohne kommen selbst die „guten“ Tarife nicht aus.

Die Folgen bekam das Ehepaar Zorn aus Schöneiche bei Berlin zu spüren. Die beiden hatten im April 2009 zu ihrer goldenen Hochzeit für Ende Juli eine Reise in die Schweiz gebucht und bei der URV eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen.

Anfang Juni, fast zwei Monate vor Reisebeginn, unterzog sich Klaus Zorn mehreren Wurzelbehandlungen beim Zahnarzt. Die verliefen problemlos. Zorn hatte danach keine Beschwerden, der Arzt riet aber vorsorglich, einige Wurzelspitzen zu entfernen. Die Behandlung fand Anfang Juli statt.

„Wir sind zu keinem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass wir die Reise nicht antreten können. Zur Verschlechterung, die zur Stornierung der Reise führte, kam es erst zwei Tage vor unserer Abreise“, sagt Waltraud Zorn.

Obwohl der Arzt das bestätigte, übernahm die Versicherung nur 150 Euro der Stornokosten. Die Zorns hätten nach Meinung des Unternehmens die Komplikation vorhersehen und schon Anfang Juni die Reise stornieren müssen, um so die Stornokosten gering zu halten. „Aber warum soll ich eine Reise stornieren, die ich doch machen will?“, fragt Waltraud Zorn.

Sich gegen die URV zu wehren, wird schwer, denn sie hantiert wie viele andere in ihren Bedingungen mit der schwammigen Formulierung, dass die Krankheit „unerwartet“ auftreten muss. War Zorns Komplikation im Heilungsprozess unerwartet? Für das Ehepaar schon.

Klare Worte sind kundenfreundlich

Was heißt „unerwartet“ bei einer Erkrankung? Müssen Kunden eine Reise bei einem kleinen Schnupfen einen Monat vor Abflug stornieren, weil daraus ja eine Lungenentzündung werden könnte? Dann schaffen es gewissenhafte Versicherungsnehmer niemals in den Süden – vor allem wenn es Familien mit kleinen Kindern sind. Und die Versicherung hätte keinen Sinn.

Wir fordern, dass die Versicherer ihre Bedingungen klar formulieren und nur Krankheiten ausschließen, mit denen fest zu rechnen ist – am besten aufgrund ärztlicher Prognose .

Von allen Anbietern im Test ist der ADAC hier am eindeutigsten: Versicherungsschutz besteht nur dann nicht, wenn die Krankheit „für Sie vorhersehbar war, das heißt wenn Sie von dem Eintritt des Versicherungsfalles wussten oder damit rechnen mussten“, heißt es dort.

Die Versicherungsbedingungen sind das einzig Greifbare, anhand dessen Kunden eine Versicherung beurteilen können. Zwar sagen gute Bedingungen nichts darüber aus, wie sich der Versicherer dann tatsächlich im Schadensfall verhält. Aber gute Vertragsbedingungen machen es ihm schwerer, den Kunden über den Tisch zu ziehen.

Auch mit guten Bedingungen kann es Ärger geben. Versicherte können an einen schlechten Sachbearbeiter geraten. Oder sie sind bei einer Gesellschaft versichert, zu deren Unternehmenspolitik es gehört, erst einmal alle höheren Forderungen zurückzuweisen, solange der Versicherungsnehmer nicht mit dem Anwalt droht.

Doch in einem Rechtsstreit stehen Kunden viel besser da, wenn die Versicherungsbedingungen eindeutig formuliert sind und wenig Raum für Auslegungen geben.

Viele Kriterien – ein Urteil

Unser Urteil setzt sich aus 40 Kriterien zusammen, die wir in sieben Einzelurteilen zusammengefasst haben (siehe Tabelle „Reiserücktritts- und Reiseabbruchversicherungen“). Das Urteil zu „Risikopersonen“ ergibt sich zum Beispiel daraus, welche Personen den Anlass für einen Rücktritt geben dürfen, den der Versicherer bezahlt.

Klar ist, dass er zahlt, wenn der Versicherungsnehmer selbst unerwartet krank wird oder einen Unfall hat. Alle Tarife weiten ihren Schutz auf Eltern, Kinder, Großeltern, Geschwister, Schwiegereltern und Schwiegerkinder der Reisenden aus.

Ebenfalls versichert sind Personen, die gemeinsam eine Reise buchen. Zwei Freundinnen, die zusammen einen Urlaub in Südfrankreich buchen und eine Reiserücktrittskosten-Versicherung abschließen, bekommen beide die Stornokosten ersetzt, auch wenn sich nur eine vor Reisebeginn das Bein gebrochen hat.

Der Schutz lässt sich aber nicht auf unbegrenzt viele Mitreisende ausdehnen. Fährt ein ganzer Kegelklub in Urlaub, muss die Reise nicht ausfallen, nur weil einer nicht mitfahren kann. Die Versicherer haben unterschiedliche Höchstgrenzen, wie viele Mitreisende als Risikopersonen zählen.

Auch bei Lebensgefährten in eheähnlicher Gemeinschaft gibt es Einschränkungen. In 25 Tarifen können sie nur dann den Rücktrittsgrund liefern, wenn sie mit ihrem Partner zusammenwohnen.

Stiefeltern und -kinder sowie Schwägerinnen und Schwager sind in den Tarifen des ADAC, der Europ Assistance und der Generali von den Risikopersonen ausgenommen. Auch Personen, die nicht mitreisende Angehörige betreuen, werden von diesen drei Versicherern nicht als Risikopersonen gewertet. Die Versicherer mussten deshalb bei dem Einzelurteil Abstriche von der Note hinnehmen.

Um die Tabelle übersichtlich zu halten, haben wir darin nur die Einzelurteile abgebildet. Wer sich dafür interessiert, was die Tarife bei einzelnen Merkmalen leisten, kann dies im Internet unter www.test.de/reiseruecktritt nachschauen.

Trend zu mehr Extras

Die Rücktrittsversicherer haben ihr Angebot in den vergangenen Jahren ausgedehnt. So erkennen außer Generali alle in ihren Tarifen den Verlust des Arbeitsplatzes als Rücktrittsgrund an. Einige lassen auch den Wechsel zu einem neuen Arbeitgeber, die Einberufung zur Bundeswehr oder das Nachholen von Prüfungen gelten.

Viele Tarife beschränken sich auch nicht mehr nur auf die Absicherung der anfallenden Stornokosten, wenn Urlauber eine Reise erst gar nicht antreten können. Sie sichern nun oft auch die Kosten eines verspäteten Reiseantritts, -abbruchs oder einer verspäteten Rückkehr ab.

Das nennen die Versicherer dann meist „Vollschutz“, während abgespeckte Varianten ohne Reiseabbruch Basis- oder Grundschutz heißen.

Was das im Einzelnen heißt, ist für Versicherungsnehmer schwer zu erkennen und macht einen Preis-Leistungs-Vergleich schwierig. Zahlt ein Versicherer bei einem Abbruch nur Umbuchungskosten? Zahlt er die Zusatzausgaben für Rückreise und Unterkunft? Oder kommt er auch für nicht genutzte Reiseleistungen auf? Wir haben dies alles in der Bewertung berücksichtigt.

Doch auch wenn die Rücktrittsversicherer ihren Schutz individuell ständig ausweiten, bleiben die Gründe, die alle für einen Rücktritt akzeptieren, nach wie vor überschaubar. Alle Versicherer übernehmen die Stornokosten bei

  • Tod,
  • schwerer Unfallverletzung,
  • unerwarteter Erkrankung,
  • Impfunverträglichkeit,
  • Schwangerschaft,
  • schwerem Schaden am Eigentum,
  • Verlust des Arbeitsplatzes (außer Generali)

des Versicherten, eines Mitreisenden oder nahen Angehörigen.

Der Preis hängt von der Reise ab

Der Preis der Police hängt vom Preis der versicherten Reise ab. Ein „guter“ Tarif ohne Selbstbehalt für eine Reise im Wert von 1 500 Euro ist für einen Preis zwischen 50 und 64 Euro zu haben. Bei einer Reise von 3 000 Euro kostet ein „guter“ Schutz schon zwischen 87 und 126 Euro.

Familientarife sind nur wenig teurer bei gleicher Leistung und lohnen sich deshalb.

Auf dem Versicherungsmarkt werden auch zunehmend Jahresverträge angeboten, die für alle Reisen eines Jahres gelten. Für eine Familie, die regelmäßig ins gleiche Ferienhaus in der Bretagne fährt, kann sich das finanziell lohnen.

Für Urlauber, die spontan und sehr unterschiedliche Reisen unternehmen – vom Zeltplatz in Schottland zum Luxushotel in Dubai ­–, sind die Jahresverträge eher nicht geeignet. Denn die Reisenden müssen sich vorher festlegen, wie teuer die einzelnen Reisen im Jahr ungefähr werden.

Der Preis sollte sowieso nicht das Hauptkriterium sein. „Ein günstiger Beitrag ist uninteressant, wenn im Schadensfall die Leistung mit fadenscheinigen Argumenten verweigert werden kann“, sagt Waltraud Zorn. Wir finden, sie hat absolut recht.

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