Reiserecht Special

Stichtag. Ab 1. Juli 2018 ändert sich das Reiserecht.

Immer mehr Menschen stellen ihre Reise individuell im Internet zusammen. Daran wird ab dem 1. Juli auch das Pauschal­reiserecht angepasst. Reisende dürfen sich über mehr Trans­parenz freuen, müssen aber größere Preis­änderungen hinnehmen. Aber es gibt auch gute Neuerungen: So haben Kunden zum Beispiel mehr Zeit, um Reisemängel anzu­zeigen. Die Stiftung Warentest erklärt, was neu ist und worauf Urlauber achten müssen.

Was bringt das neue Pauschal­reiserecht?

Die Meinungen gehen auseinander. „Mehr Trans­parenz und Rechts­sicherheit für alle Beteiligten“ erwartet das Bundes­ministerium für Justiz und Verbraucher­schutz vom neuen Pauschal­reiserecht. Nachteile sieht der Verbraucherzentrale Bundes­verband: Deutsche Urlauber seien gar „durch neues Reiserecht bedroht“. Was stimmt?

Regeln fürs Internet­zeit­alter

Mit ein paar Klicks kann sich jeder, den das Fernweh packt, im Internet seine persönliche Traumreise zusammen­stellen. Das Problem: Das bisher geltende Recht war nicht gemacht für diese Art der Buchung. Es stammt aus dem Jahr 1990, als Urlaub noch in erster Linie in stationären Reisebüros verkauft wurde, weil das Internet für jedermann noch in den Kinder­schuhen steckte. Der Rechts­rahmen sollte nun an das Internet­zeit­alter angepasst werden. Die Initiative ging mit der Pauschalreiserichtlinie von der EU aus. Deutsch­land musste sie umsetzen. Für Reisen, die Urlauber ab 1. Juli 2018 buchen, gilt das neue Pauschal­reiserecht. Wir ordnen es Ihnen hier Punkt für Punkt ein. Zudem finden Sie hier auch ein Interview mit einem Reiserechtsexperten zum neuen Pauschal­reiserecht.

Ferien­haus­vertrag keine Pauschal­reise mehr

Aufenthalte in Ferien­häusern und -wohnungen, die von Reise­ver­anstaltern oder -agenturen angeboten werden, fallen nicht mehr unter das Pauschal­reiserecht. Jahr­zehnte­lang hatte es für sie gegolten, obwohl es sich bei einem einzelnen Ferien­haus­vertrag nicht um das für Pauschal­reisen typische Reisepaket handelte. „Ein klarer Nachteil“, sagt Felix Methmann, Reiseex­perte beim Verbraucherzentrale Bundes­verband (vzbv). Mit dem Pauschal­reiserecht haben Urlauber nämlich einen großen Vorteil gegen­über Indivi­dualreisenden: Sie können bei Reisemängeln nicht nur den Preis mindern, sondern auch Schaden­ersatz wegen entgangener Urlaubs­freude verlangen.

Die Änderung bedeutet aber nicht, dass der Aufenthalt in Ferien­häusern, den Reise­ver­anstalter anbieten, ein rechts­freier Raum wird. Urlauber und Veranstalter haben einen Vertrag geschlossen. Den müssen beide Seiten einhalten. Der Vermieter muss dem Mieter eine Unterkunft zur Verfügung stellen, die keine Mängel hat. Aber: Mietet der Reisende zum Beispiel ein Ferien­haus in Dänemark, könnte dafür in Zukunft dänisches Recht gelten. Das hängt unter anderem davon ab, ob der Veranstalter dänisches Recht vereinbart hat.

Fazit: Für Urlauber kann es schwieriger werden, ihr Recht zu verstehen, zu erkennen und durch­zusetzen. Kommt es zum Streit, müssen sie sich womöglich auf die Gesetze des Reise­landes berufen.

Nur noch für Tages­reisen ab 500 Euro

Eine weitere Neuerung: Für Tages­reisen gilt Pauschal­reiserecht nur noch bei Preisen ab 500 Euro pro Person. So teuer sind Tages­reisen in der Regel nicht. Das Pauschal­reiserecht wird da nur noch selten greifen.

Größere Preis­änderungen möglich

Erhöhte sich der Preis nach der Buchung – etwa wegen gestiegener Treib­stoff­preise oder veränderter Wechsel­kurse – bisher berechtigt um mindestens 5 Prozent, konnte der Urlauber den Vertrag kündigen, ohne dass ihm Kosten entstanden. Jetzt muss die Preis­erhöhung mindestens 8 Prozent betragen, um kostenfrei kündigen zu können. Außerdem darf der Veranstalter den Preis bis 20 Tage vor Reise­beginn erhöhen. Vorher galt eine Frist von vier Monaten.

Fazit: Der Schutz für den Urlauber hat sich verschlechtert. Er muss höhere Preissteigerungen akzeptieren. Erhöht der Veranstalter den Preis knapp vor Reiseantritt, wird der Kunde es schwer haben, kurz­fristig etwas anderes zu buchen. „Der Urlauber wird also oft in den sauren Apfel beißen und zum höheren Preis fahren“, so Methmann.

Mehr Zeit für Mängel­anzeige

Urlauber haben nach dem Ende des Urlaubs künftig länger Zeit, um Reisemängel anzu­zeigen. Die Frist betrug vorher nur einen Monat, jetzt sind es zwei Jahre.

Fazit: Ein Vorteil. Der Urlauber gewinnt Zeit und kann in Ruhe wieder ankommen, bevor er die Mängel­anzeige aufsetzt. Er darf aber nicht vergessen, dem Veranstalter schon vor Ort die Reisemängel mitzuteilen und zu dokumentieren. Und: Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger kann es werden, sie nach­zuweisen.

Die verbundene Reise­leistung ist neu

Das neue Recht führt die verbundene Reise­leistung ein. Darum handelt es sich, wenn der Urlauber kurz nach­einander mindestens zwei verschiedene Leistungen für dieselbe Reise separat bucht – etwa Flug und Unterkunft –, das Reisebüro die einzelnen Vertrags­partner nennt und getrennte Rechnungen entstehen. Neu ist: Der Vermittler der verbundenen Leistung – stationäres Reisebüro oder Onlineportal – muss gegen Insolvenz abge­sichert sein, wenn die Zahlungen direkt an ihn gehen. Er muss darüber aufklären, ob es sich beim gebuchten Urlaub um eine verbundene Reise­leistung oder eine Pauschal­reise handelt.

Fazit: Geht der Vermittler pleite, ist der Urlauber geschützt und sieht sein Geld wieder. Außerdem weiß er ganz klar, was er gebucht hat: Pauschal­reise oder verbundene Reise­leistung. Daran erkennt er, welche Rechte für seine Reise gelten und wer für Mängel haftet – bei der verbundenen Reise­leistung die einzelnen Leistungs­erbringer wie etwa die Flug­linie, bei der Pauschal­reise der Veranstalter.

Vom Vermittler zum Veranstalter

Manchmal wird der Reiseanbieter vom Vermittler selbst zum Veranstalter der Reise: etwa, wenn er dem Kunden mehrere Leistungen für dieselbe Reise zusammen verkauft und dafür einen Gesamt­preis bildet. Dann handelt es sich um eine Pauschal­reise. Folge: Reisebüro oder Onlineplatt­form haften als Veranstalter auch für Reisemängel. „Diese Regelung ist ein großes Thema für stationäre Reisebüros: Sie befürchten, zum Veranstalter mit eigener Haftung zu werden, obwohl sie doch nur eine Reise vermitteln wollten“, so Methmann.

Nach neuem Recht kann auch bei verbundenen Online­buchungen eine Pauschal­reise entstehen: etwa, wenn ein Flugportal nach der Flug­buchung noch ein Hotel anbietet, indem es auf die Website des Hotelanbieters verlinkt, die Daten des Urlaubers über­trägt und dieser inner­halb von 24 Stunden dort bucht.

Fazit: Für Urlauber ein Vorteil. Einzelne Leistungen werden durch gemein­same Buchung zur Pauschal­reise, dem Kunden stehen sämtliche Rechte zu. Der Vermittler der Reise­leistungen wird zum Veranstalter und haftet selbst für Mängel.

Auf die Art der Reise kommt es an

Welche Rechte Urlauber haben, richtet sich nach der Art der Reise. Eine Pauschal­reise gibt ihnen mehr Rechte als Indivi­dualreisen.

Pauschal­reise. Reisenden, die eine Pauschal­reise buchen, bietet das Bürgerliche Gesetz­buch mit dem Reise­vertrags­recht besonderen Schutz. Der Veranstalter der Reise muss die Leistungen so erbringen, wie er sie zugesichert und im Reise­prospekt beschrieben hat. Bei Mängeln und sämtlichen Problemen ist der Veranstalter der richtige Ansprech­partner. Riesiger Plus­punkt: Treten Reisemängel auf, zum Beispiel Baulärm im Hotel, kann der Urlauber nicht nur den Reise­preis mindern, sondern zusätzlich auch Schaden­ersatz wegen entgangener Urlaubs­freude verlangen.

Indivi­dualreise. Bei einer Indivi­dualreise schließt der Reisende auf eigene Faust Verträge, etwa mit Fluggesell­schaft oder Ferien­hausanbieter. Das Reise­vertrags­recht gilt nicht, statt­dessen das Miet­vertrags- beziehungs­weise Beher­bergungs­recht für Ferien­häuser und -wohnungen, das Werk­vertrags­recht für Flüge und das Beher­bergungs­recht für die Unterkunft in Hotels und Pensionen. Das heißt: Der Kunde muss im Streitfall jeweils separat sein Recht durch­setzen.

Dieses Special ist am 23. Mai 2018 auf test.de erschienen. Wir haben es am 12. Juni 2018 um das Interview mit dem Reise­rechts­experten ergänzt.

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