Wochenlang zwischen Containern leben, rußgeschwängerte Luft einatmen, ohrenbetäubende Arbeiten an Deck ertragen. Das soll Urlaub sein? Und was für einer, meinen diejenigen, die es gewagt haben.

Ausgerechnet auf „Barbe“ hat der Käptn sie getauft, auf den Namen eines Süßwasserfischs – und das am Äquator. Position 09° 36' West. Es ist Anne Schleunings erste Überquerung, gebührend gewürdigt mit Sekt und Taufschein. Als einziger Passagier an Bord umrundete die 59-Jährige mit 31 Mann Besatzung Westafrika. Sieben Wochen auf der DAL Kalahari der Reederei Deutsche Afrika-Linen. Von Bremerhaven ging die Fahrt über Teneriffa, Gran Canaria, Kapstadt nach Durban und zurück – ohne umsteigen. Auf einem Containerschiff mit 54 000 PS, das täglich 150 Tonnen Schweröl verbraucht, 258 Meter lang und 32 Meter breit ist. Es lädt Zitronen, Mangos und Avocados in Afrika.

Kein Traumschiff

Wie auf jedem Schiff ist Arbeit auch auf der Kalahari das Schicksal der Crew. Nur: Sie schuftet nicht für die Passagiere, sondern für die Ladung. Die hat absolute Priorität, verlangt Knochenarbeit: Fracht laden und löschen, Container befestigen und lösen, den Giganten der Meere manövrieren. Mit einem Passagier-, geschweige denn Kreuzfahrtschiff sind Frachter nicht zu vergleichen. Kein Spielcasino, kein Friseur, keine Boutique erwartet die Gäste. Kein Trubel, keine Animation. Wer mitreisen will, sollte sich darüber im Klaren sein. Sonst könnte er eine Enttäuschung erleben.

Individualisten wie Anne Schleuning, die nicht eine Sehenswürdigkeit nach der anderen konsumieren wollen, können „endlich mal die Seele baumeln lassen“, viel lesen, Sterne, Wale, kreuzende Schiffe, Küsten beobachten. Dem Kapitän zuhören, wenn er in Meerengen durchsagt, wie viel Gefahrgut welcher Klasse sich an Bord befindet. Und staunen, wenn die Gischt nachts neongrün leuchtet.

Der Tagesablauf wird bestimmt von Wetter, Navigation, Häfen. Stundenlang gibt es wenig Abwechslung. Aber Abenteuer beginnen mitunter schon bei der Abfahrt. Turbulente See oder verzögerte Ladungsarbeiten können den „Fahrplan“ durcheinander bringen. Über die genaue Einschiffungszeit wird erst ein paar Tage vor der geplanten Abreise informiert. Hotels oder Platzkarten für die Bahn sollten auch erst dann reserviert werden.

Hin- und Rückfahrt zum und vom Hafen muss jeder selbst organisieren und bezahlen. Neuerdings bietet die Reederei NSB Frachtschiff-Touristik auch komplette Reisepakete mit Flug- und Hotelarrangements an. Verschieben sich die Abfahrtzeiten des Schiffs, gibt es aber auch dann keinen Regress. Das Motto heißt: Erst die Fracht, dann ich.

„Hand gegen Koje“ gibt es nicht mehr

„Frachtdampfer und Passagierschiff verhalten sich etwa so zueinander wie Lastwagen und Luxusreisebus“, steht im Bordbrief der Kapitän-Zylmann-Frachtschiffreisen-Agentur. Verhalten sich die Preise auch so? Frachtschiffreisen sind nicht billig, aber billiger als Kreuzfahrten. Ein Tag kostet zwischen 60 und 100 Euro, eine Kreuzfahrt selbst auf einem billigeren Drei-Sterne-Schiff selten unter 120 Euro.

Die Preise gelten für Beförderung, Kabine und Verpflegung an Bord. Hinzu kommen das „Hafengeld“ (Ein- und Ausschiffungsgebühren, etwa 25 bis 85 Euro) und die Deviationsversicherung. Sie versichert für den Fall, dass das Schiff wegen einer Erkrankung des Mitreisenden vom Kurs abweichen muss. Denn an Bord von Frachtschiffen befindet sich kein Arzt. Der Kapitän ist aber in Erster Hilfe ausgebildet. Bei der Buchung wird die Deviationsversicherung automatisch mit abgeschlossen. Je nach Schiffsroute und Alter des Passagiers kostet sie etwa zwischen 40 und 145 Euro. Außerdem empfiehlt sich eine Auslandsreisekranken- und eine Haftpflichtversicherung.

Sich die Passage durch Arbeit auf dem Schiff zu verdienen, geht nicht. „Hand gegen Koje“, freie Fahrt zum Beispiel durch Deckschrubben, gibt es heute nicht mehr. Dafür muss der Passagier seine Kabine selbst aufräumen. Auch sonst wartet auf ihn kein Luxus, Komfort aber durchaus. Die Schiffe haben meist Swimmingpool, Sonnenterasse, Bibliothek, mitunter eine kleine Bar. In der Messe bittet der Käptn bei jeder Mahlzeit zu Tisch. Und die Kabinen sind recht gut ausgestattet, oft mit Kühlschrank. Fernseh- und Videogeräte stehen in der Offiziersmesse, manchmal auch in den Kabinen. Waschmaschinen und Trockner sind vorhanden, die Passagiere können sie mitbenutzen.

Bezahlen mit US-Dollar

An Bord wird bar bezahlt (meist in US-Dollar), zum Beispiel für das zollfreie Bier am Abend. Kreditkarten akzeptiert hier niemand. Die kann der Passagier bei Landausflügen einsetzen, die er selbst organisieren muss. Doch es ist wichtig, den Ausflug immer mit der Schiffsführung abzustimmen. Die bei der Buchung genannten Liegezeiten im Hafen sind unverbindlich. Sie richten sich nach den Lade- und Löscharbeiten, danach, wie viel Kräne und Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Sie können einige Stunden, aber auch ein, zwei Tage dauern. Und wer nicht rechtzeitig zurückkehrt, muss damit rechnen, dass es dann ohne ihn „Volle Fahrt voraus“ heißt.

All die Unwägbarkeiten konnten Anne Schleuning nicht erschüttern. Im Gegenteil. „Frachtschiffreisen macht süchtig“, sagt sie und plant keinen Entzug von der Sehnsucht nach Meer, sondern ihre nächste Reise. Nach Ostafrika.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1591 Nutzer finden das hilfreich.