Interview: „Die Malaria wird oft unterschätzt“

Reisemedizin Meldung

Dr. Christian Schönfeld, Leiter der Reisemedizin am Institut für Tropenmedizin Berlin

Warum ist eine konsequente Vorbereitung für Reisende wichtig?

Es gibt genügend Krankheiten, die schwer oder auch gar nicht mehr behandelbar sind. Risikoreichen Infektionen kann man entgehen, indem man sich beraten und impfen lässt. Der Gedanke, dass solch eine Beratung Geld kostet, sollte dabei sekundär sein. Bei uns kostet sie 12 Euro, kann am Ende aber sehr viel mehr wert sein.

Wann sollte man mit der medizinischen Vorbereitung beginnen?

Sechs bis acht Wochen vor der Abreise. Dann schafft selbst der Extremreisende, der viele Impfungen braucht, alle Vorbereitungen locker. Wenn man erst drei Wochen vor Abreise kommt, kann das bei manchen Impfungen schon eng werden.

Und bei Last-Minute-Reisen?

Bei Impfungen sind die Möglichkeiten kurz vor dem Abflug natürlich begrenzt. Aber auch Last-Minute-Reisende sollten sich beraten lassen. Mit der Malariaprophylaxe kann man notfalls noch am Abreisetag beginnen. Auch Mückenschutzmaßnahmen sollten ergriffen und die Reiseapotheke gepackt werden.

Was tun, wenn man sich krank fühlt?

Bei Fieber in einem Malariarisikogebiet muss man die Malaria unbedingt ausschließen lassen. Bei leichteren Symptomen sollte man den Verlauf erst mal beobachten und abwägen, ob sie sich auf bekannte Beschwerden zurückführen lassen. Hat man beispielsweise einen niedrigen Blutdruck, kann einem in tropischem Klima schon mal schwindlig werden.

Welche Impfungen empfehlen Sie für Reisende generell?

Neben der Grundimmunisierung gegen Tetanus, Diphtherie und Polio empfehle ich prinzipiell eine Impfung gegen Hepatitis A. Sie ist die häufigste Reisekrankheit, gegen die man impfen kann. Vor allem in Ländern der Dritten Welt haben wir ein ausgesprochen hohes Hepatitis-A-Risiko. Hierzulande spielt aber auch Hepatitis B eine große Rolle. Jeder hundertste Deutsche ist Virusträger. Die Impfung gegen Hepatitis A empfehle ich für die Reise und die gegen Hepatitis B fürs Leben.

Brauchen Reisende eine FSME-Impfung auch außerhalb Europas?

Das hängt vom Reiseziel ab. Es sind nur sehr wenige Risikogebiete der Frühsommer-Meningo-Enzephalitis außerhalb Europas bekannt. Dazu gehören beispielsweise Russland und bestimmte Gebiete Japans oder China, nicht aber die Türkei.

Was ist mit Tollwut?

Statistisch ist eine Tollwutinfektion unwahrscheinlich, Tierbisse aber sind häufig. Reisende reagieren bei einem Biss oft sehr emotional, aus Angst, Tollwut zu bekommen. Deshalb beruhigt es viele, sich vor einer Reise impfen zu lassen.

Welche Gefahren unterschätzen Reisende am häufigsten?

Aus meiner Sicht ist das die Malaria. Etwa drei Viertel aller Reisenden, die mit Malaria nach Deutschland zurückkehren, haben vorher überhaupt keine Prophylaxe betrieben. Noch mehr hatten auf ihrer Reise nicht einmal Insektenschutz oder angemessene und imprägnierte Kleidung dabei. Das ist natürlich sträflich.

Was halten Sie vom Malaria-Schnelltest, der in Apotheken zu kaufen ist?

Grippeähnliche Symptome im Malariagebiet sind bis zum Beweis des Gegen-teils malariaverdächtig. Bei Fieber und grippeähnlichen Symptomen ist die Strategie also: Arzt aufsuchen. Ist der nicht innerhalb von 24 Stunden erreichbar: Notfallmittel nehmen. Den Schnelltest empfehle ich nicht. Für Reisende ist er ausgesprochen schwierig zu handhaben. In Studien war jeder Zweite dazu nicht in der Lage. Hat ein Malariakranker außerdem nur ganz wenige oder aber ganz viele Parasiten im Blut, kann der Malariaschnelltest versagen.

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