Bei Reisemängeln können Urlauber den Preis mindern. Doch was viele auf die Palme bringt, ist für Gerichte oft nur eine Unannehmlichkeit. Wir sagen, wann sich der Streit lohnt.

Urlauber, die in der Karibik auf St. Martin baden, müssen hart gesotten sein. Die Jumbos donnern hier knapp über den Strand. Nur wahre Flugzeugfreaks schätzen den Höllenlärm.

Andere Reisende reagieren im Urlaub empfindlicher. „In die Reiserechtsberatung kommen auch Urlauber, die im Frühstücksraum ihrer Bettenburg einmal etwas länger anstehen mussten“, berichtet Eva Klaar von der Verbraucherzentrale Berlin.

„Am häufigsten beklagen sich Reisende jedoch über Lärm am Urlaubsort, schlechte Unterkünfte und Überbuchungen im Hotel.“

Entschädigung bei Überbuchung

Ein klassisches Problem: Kurz vor der Reise erklärt der Veranstalter, dass es in ein anderes Hotel oder gar einen anderen Ort gehen soll. Hier hat der Bundesgerichtshof nun klargestellt, dass Reisende so etwas prinzipiell nicht hinnehmen müssen.

So bekam ein Urlauberpaar Recht, das einen Tauchurlaub auf einer Insel mit vorgelagertem Riff gebucht hatte. Als Reiseveranstalter Tui das Paar auf eine Insel ohne Riff verfrachten wollte, blieben sie daheim und verlangten das Geld zurück.

Zu Recht, meinte der BGH und sprach den Tui-Kunden auch Schadenersatz zu. Das Taucherpaar durfte zusätzlich 50 Prozent des Reisepreises wegen vertaner Urlaubszeit einstreichen. Ob es anderweitig Urlaub gemacht hatte, war dem BGH ausdrücklich egal (Az. X ZR 118/03).

„Es ist offen, ob die Gerichte das Urteil auch anwenden, wenn Urlauber erst vor Ort mit Umbuchungen konfrontiert werden“, meint Reiserechtlerin Eva Klaar. „Es passiert ständig, dass Reisende erst am Urlaubsort erfahren, dass sich Leistungen wie etwa das Hotel ändern.“ Reisende haben hier meist keine Wahl. Oft gibt es gar keine Rückflugmöglichkeiten.

Urlauber, die mit einem schlechteren Ersatzquartier nicht einverstanden sind, sollten dann wenigstens unmissverständlich Abhilfe fordern und dafür eine Frist setzen.

„Manche Veranstalter fordern sogar dreist einen Aufpreis, weil die Ersatzunterkunft teurer ist.“ Zahlen sollte man aber nur unter schriftlichem Vorbehalt. „Dann gibt es gute Chancen, das Geld später zurückzubekommen.“

Gerichte urteilen unterschiedlich

Während der Bundesgerichtshof für Überbuchungsfälle Regeln erlassen hat, die auch andere Gerichte befolgen müssen, gibt es bei anderem Ärger wie Lärmbelästigung keine einheitliche Linie. Da es häufig um geringe Streitwerte geht, kommen Prozesse nur selten über Amts- oder Landgerichte hinaus. Wie viel Geld Reisende zurückverlangen können, wird deshalb oft unterschiedlich entschieden.

Zwar existiert mit der „Frankfurter Tabelle“ eine Fallsammlung zum Reiseärger. Das Landgericht Frankfurt am Main hat darin für Mängel bei Unterkunft, Verpflegung oder Beförderung aufgelistet, um wie viel Urlauber den Preis mindern dürfen. Doch viele Gerichte akzeptieren die Tabelle nicht. Zudem ist sie nicht sehr aktuell.

Wie unterschiedlich Gerichte die Rechts­lage beim Dauerbrennerthema Lärm und bei schlechter Unterkunft urteilen, zeigt unsere Tabelle „Geld zurück bei Mängeln“. Hier haben wir aktuelle Fälle zusammengefasst, in denen enttäuschte Urlauber Geld zurückfordern konnten. Die Tabelle ist ein Anhalt, ob es sich lohnt, wegen Urlaubsärger Druck zu machen. In jedem Fall ist es ratsam, nach unserer Checkliste vorzugehen. Wer sich vor Ort falsch verhält, verliert seine Ansprüche.

Minderung immer nur tageweise

Viel Geld gibt es bei Urlaubsärger meist nicht. Zwar legen Gerichte bei der Entscheidung über eine Minderung immer den Gesamtreisepreis zugrunde. Wenn sie also urteilen, dass es 10 Prozent zurückgibt, dann sind das 10 Prozent der Gesamtreisekosten, inklusive der Kosten für An- und Abflug.

Doch der Reisepreis kann stets nur für die Tage gemindert werden, an denen ein Mangel vorliegt. Das Argument, schlechte Leistungen zu Reisebeginn hätten den ganzen Urlaub verdorben, gilt nicht.

So kann ein reisendes Paar zwar vor dem Landgericht Frankfurt am Main mit einer Minderung des Preises um 15 Prozent rechnen, wenn die Toilette im Apartment nicht funktioniert. Kostete die einwöchige Reise pro Person 700 Euro und ging das Klo an zwei Tagen nicht, bekäme das Paar danach insgesamt 60 Euro zurück.

Reisetag ist nicht zur Erholung da

Auf Reisen kann einiges schief gehen, ohne dass Urlauber dafür bare Münze sehen. So dürfen sie besonders an An- und Abreisetagen nicht zimperlich sein.

Das Amtsgericht Duisburg etwa findet nichts dabei, wenn Urlauber vier Stunden auf ihren Zimmerschlüssel warten müssen (Az. 73 C 166/03). Auch für eine Zubringerfahrt im überfüllten Minibus gabs keine Entschädigung. Und ebenfalls nicht für eine rustikale Gepäckbeförderung auf dem Busdach in Ägypten (Amtsgericht Hamburg, Az. 10 C 514/03).

Wer mit Chartermaschinen fliegt, muss akzeptieren, dass die Sitze enger beieinander stehen als im Linienflugzeug (Amtsgericht Hannover, Az. 520 C 11847/02).

Generell gilt bei Charterflügen: Mit kurzfristigen Änderungen müssen Reisende stets rechnen und bei Direktflügen auch Zwischenlandungen hinnehmen. Minderungen kommen hier meist nur infrage, wenn ausdrücklich ein Non-Stop-Flug versprochen wurde.

Auch am Ferienort ist nicht jede Beeinträchtigung der Urlaubsfreuden gleich ein Beschwerdegrund. Urlauber müssen echte Versäumnisse des Veranstalters von üblichen Unannehmlichkeiten unterscheiden.

So können Urlauber in südlichen Ländern kaum etwas machen, wenn Insekten stören. Diese sind meist landestypisch und gehören somit eben zum Urlaub dazu. Sogar ein einzelner Skorpion im Schlafzimmer im schweizerischen Lugano gilt nicht als Mangel (Landgericht Frankfurt a. M., Az. 2/24 S 343/92), ebenso wenig die Diebstahlsgefahr in einer Hotelanlage oder das Risiko, sich auf dem schwankenden Deck eines Kreuzfahrtschiffs zu verletzen.

Ein Urlauber schaute in die Röhre, nachdem ihn ein Ziegenbock schwer verletzt hatte. Dieser war durch eine Mauer­lücke auf die Hotelanlage gekommen und zum Angriff übergegangen. „Allgemeines Lebensrisiko“, meinte das Landgericht Frankfurt am Main (Az. 2/21 O 60/99).

Und die Urlauber auf St. Martin?

Reisende nach St. Martin, die nicht vom Veranstalter auf die Jumbos hingewiesen wurden, dürften natürlich eine Minderung fordern. „Wer dort wohnen und baden muss, kann zumindest 30 Prozent vom Reisepreis verlangen, wenn stündlich ein Flieger landet“, meint Eva Klaar. Flugzeugfreunde, die mindern wollen, weil zu wenig Jumbos fliegen, dürften hingegen leer ausgehen. Es sei denn, der Veranstalter hat regen Flugverkehr versprochen.

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