Ein „guter“ Autoreifen zeichnet sich durch Ausgewogenheit aus. Er fährt auf trockener und nasser Straße sicher, er bremst zuverlässig – ohne erhöhten Spritverbrauch. Nicht jeder Reifen bekommt das hin.

Geht es nach dem Wunsch der EU, ­können sich Reifenkäufer künftig an einem neuen Siegel orientieren. Ähnlich wie bei Kühl- und Gefriergeräten, die nach ihrem Energieverbrauch in die Klassen A bis G (niedriger bis hoher Energie­ver­brauch) einsortiert werden, sollen Autorei­fen nach ihrem Rollwiderstand abgestuft werden. Er entsteht durch die Verformung (Walkar­beit) des sich drehenden Reifens. Ziel ist es, durch einen möglichst geringen Rollwiderstand den Kraftstoffverbrauch zu senken.

Gegen den Kennzeichnungsvorschlag regt sich jedoch Widerstand. Reifen, die einseitig auf niedrigsten Rollwiderstand optimiert werden, würden sich im Gegenzug erhebliche Schwächen bei der Haftung auf nasser Fahrbahn leisten, warnt ein deutscher Reifenhersteller. Das Risiko längerer Bremswege auf nasser Fahrbahn sei nicht hinnehmbar. Zwar soll auch die Qualität des Nassgriffs auf dem Label dargestellt werden, was dessen Verständlichkeit aber weiter schmälert. Außerdem soll noch ein dritter Wert für das Abrollge­räusch in Dezibel auf dem Etikett auftauchen – der allerdings ohne Skala (siehe Abbildung).

Unser Test von 35 Sommerreifen für Klein- und Mittelklassewagen, den wir wieder gemeinsam mit dem ADAC sowie weiteren europäischen Autoclubs und Verbraucherorganisationen durchge­führt haben, gibt Antwort auf diese Fragen:

  • Wie groß sind die Unterschiede beim Kraftstoffverbrauch, die durch den Rollwiderstand verursacht werden, wirklich?
  • Bestätigt sich die Wechselwirkung zwischen niedrigem Rollwiderstand und langen Bremswegen auf nasser Straße?
  • Gibt es Reifen, die einen guten Kompromiss schaffen, also sicher bremsen ohne erhöhten Spritverbrauch?

Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch

Die Unterschiede im Kraftstoffverbrauch, verursacht durch den Rollwiderstand, sind bei den geprüften Reifen relativ gering. Beim Kraftstoffverbrauch, den wir im Test bei den Umwelteigenschaften beurteilen, schneiden alle Pneus „gut“ bis „befriedigend“ ab. Würde man einen „mangelhaften“ Reifen erwischen, wäre der Kraftstoffverbrauch auf 100 Kilometer bis zu einem halben Liter höher als bei Reifen mit „gutem“ Rollwiderstand. Deutlich mehr Aufmerksamkeit sollte man den Eigenschaften der Reifen bei Nässe widmen.

Bremswege auf nasser Straße

Das Fahr- und Bremsverhalten der Reifen haben wir auf nasser Fahrbahn sehr umfangreich geprüft. Die Qualitätsspanne bei den Bremswegen auf regennasser Straße reicht von „gut“ bis „mangelhaft“. Neben kurzen Bremswegen kommt es noch auf die Seitenführung und ein gutes Handling an. Die Reifenprofile müssen außerdem so gestaltet sein, dass sie viel Wasser verdrängen und es nicht zum gefährlichen Aquaplaning kommt. Dabei verliert der Wagen an Bodenhaftung und ist nicht mehr lenkbar.

Zwei „mangelhafte“ Kleinwagenreifen be­legen anschaulich die Wechselwirkung ­zwischen Kraftstoffverbrauch und Nasshaftung. Die beiden Fernostimporte Kenda Komet und Wanli S1032 sind zwar „gut“ im Kraftstoffverbrauch, aber „mangelhaft“ auf nasser Fahrbahn. Schlusslicht Wanli ist selbst auf trockener Straße nur „ausreichend“, trägt aber auf der Flanke den „M+S“-Stempel für Matsch und Schnee, der sogar Wintereignung verspricht. Beim Maloya Futura Primato führten ausgeprägte Mängel beim Bremsen auf tro­ckener Straße am Ende zu „mangelhaft“. Seine Umwelteigenschaften sind trotz „sehr guter“ Verschleißfestigkeit nur „ausreichend“. Der Gehalt an krebserzeugenden PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) ist sehr hoch, das Außengeräusch laut.

Die besten Reifen

Die besten Reifen schaffen dagegen einen guten Kompromiss zwischen niedrigem Rollwi­derstand und sicherem Bremsverhalten auf nasser Straße. Obendrein halten sie sehr lange. In der Gruppe der Kleinwagenreifen ist zum Beispiel der Michelin Energy Saver sehr verschleißfest und hat einen niedrigen Rollwiderstand, der ihm eine „gute“ Note im Kraftstoffverbrauch beschert, während er das „gut“ auf nasser Fahrbahn nur knapp erreichte. Der Michelin gewinnt den Vergleich der Kleinwagengröße vor Bridgestone Turanza ER300 und Continental PremiumContact 2. Die beiden sind auf nasser und trockener Straße zwar besser, halten aber nicht so lange wie der Michelin Energy Saver. Der hat außerdem nur einen minimalen PAK-Gehalt.

Die größeren Reifen für Autos der Kompakt- und Mittelklasse haben insge­samt besser abgeschnitten als die Kleinwagenrei­fen. Auf den vorderen Plätzen liegen dieselben Marken wie im Kleinwagensegment, wenn auch in anderer Reihenfolge. Der sehr haltbare Goodyear OptiGrip erreichte bei nasser Fahrbahn eine „gute“ Note, brems­te aber auf trockener Straße nur „ausreichend“. Knapp dahinter auf Rang zwei landet der Michelin Primacy HP, der ebenfalls sehr verschleißfest und auf trockener Fahrbahn besser ist, bei nasser Fahrbahn aber nur knapp „gut“. Punktab­züge gab es beim Aquaplaning und in der Seitenführung.

Der Continental PremiumContact 2 und der Bridgestone Turanza ER300 sind im Kraftstoffverbrauch nur „befriedigend“, dafür auf trockener Straße „sehr gut“. Goodyear OptiGrip, der knappe Testsieger in dieser Gruppe, trägt übrigens als einziger die Geschwindigkeitskennung V statt eines W auf der Reifenflanke. Er darf damit theoretisch nur 240 statt 270 Kilometer pro Stunde schnell sein. In der Praxis dürften Autos mit dieser Reifengröße jedoch weder das eine noch das andere Limit erreichen.

In unserem Höchstgeschwindigkeitstest (Schnelllauftest) unter erschwerten Bedingungen mussten die Reifen in dieser Größe sogar eine Minute bei 280 Kilometer pro Stunde durchhalten. Beim Kumho Ecsta und Avon ZV 5 traten dabei Schäden auf. Die Anforderungen der Norm haben diese beiden Reifen in der Nachprüfung aber erfüllt.

Fazit: Die besten Reifen fahren und ­bremsen zuverlässig, sparen Sprit, sind ver­schleiß­fest und senken die Kosten. Immerhin kann ein Satz Reifen für einen Kompakt­wagen zwischen 300 und 500 Euro kosten, wobei die Montage und das Auswuchten noch einmal mit rund 60 Euro zu Buche schlagen. Beim Preisvergleich im Handel empfiehlt sich deshalb, gleich nach dem Gesamtpreis zu fragen.

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