Reifen Test

Manchem fehlt bei Nässe die Bodenhaftung, andere bleiben besser in der Spur. Mancher bremst das Fahr­zeug schnell, andere schlittern um Wagenlängen weiter.

Es regnet. Zwei Autos fahren mit 80 Stundenkilo­metern auf ein Hindernis zu. Beide bremsen gleich­zeitig. Das eine Auto kommt noch vor der Barriere zum Stehen. Das andere bricht spektakulär durch. Es schlittert noch 15 Meter weiter – etwa vier Fahr­zeuglängen.

Was hier mit Absperr­kegeln auf einem Testgelände simuliert wird, kann auf der Straße dramatische Folgen haben. Während der eine Auto­fahrer einen Schaden vermeiden kann, kracht der andere mit 44 Sachen beispiels­weise in ein Stauende. Eine Kollision bei solchen Geschwindig­keiten kann bei allen Beteiligten zu gefähr­lichen Verletzungen führen.

Schlecht gebremst – Punkt­abzug

Auf beide Fahr­zeuge sind Reifen der beliebten Kleinwagengröße 185/60 R15 montiert: auf dem ersten mit dem kürzeren Bremsweg der Semperit Comfort-Life 2, auf dem zweiten der Sailun Atrezzo SH402. Im Test behauptet sich der Semperit beim Bremsen auf nasser Fahr­bahn gut. Mit dem Sailun bremst das Auto mangelhaft. Dieses unzu­reichende Ergebnis führt zu einer Abwertung des Qualitäts­urteils auf mangelhaft. Der Sailun ist im Test durch­gefallen.

„Irgend­wann ist die Straße zu Ende“

Reifen Test

Reifen schieben. Nach jeder Test­fahrt bekommt das Auto andere Räder.

Reifen Test

Im Minutentakt werden sie ummontiert.

Der Semperit hingegen musste noch in anderen Prüfungen beweisen, dass er zu den guten Reifen zählt, zum Beispiel beim Hand­ling auf nasser Fahr­bahn. In diesem Test werden Kurven schnell durch­fahren – eigentlich viel zu schnell für Otto Normalfahrer. Unsere erfahrenen Testpiloten spüren bei diesem Tempo ganz schnell, ob ein Reifen auch in Grenz­situationen noch sauber in die Kurve einlenkt oder ob das Fahr­zeug über die Vorderräder aus der Kurve nach außen schiebt. „Wenn das Auto in einer Kurve zu stark unter­steuert, ist irgend­wann die Straße zu Ende, mit fatalen Folgen“, malt ein Testfahrer ein düsteres Bild. Der Fahrer hat dann kaum noch eine Chance, sein Auto auf der Fahr­bahn zu halten. Einen Reifen, der zu stark unter­steuert, bewerten wir so, dass das Gesamt­urteil mangelhaft wird. In diesem Test trifft es die Kleinwa­genreifen Kleber, Marangoni, Rotalla und wieder den Sailun.

Auch auf die Gummi­mischung kommt es bei nasser Fahr­bahn an. Besonders verschleiß­festes Material zeigt sich in unseren Tests immer wieder auch als besonders wasser­scheu. Der GT Radial verschleißt sehr wenig, kommt aber bei Regen schnell ins Rutschen. Noch schlechter sind die Produkte von Marangoni und Rotalla. Es geht auch anders. Das beweist Michelin mit dem Energy Saver. Es gibt kaum einen Reifen, der einer­seits so lang­lebig ist und anderer­seits so gute Noten bei Nässe erreicht.

Rutschen wie auf Schmierseife

Weitere Tests auf nasser Fahr­bahn betreffen das Aquaplaning. Immer wieder gibt es Nach­richten über Verkehrs­unfälle, die durch Aquaplaning verursacht wurden. Der Begriff beschreibt einen Effekt, bei dem ein Reifen auf einem Wasser­film auf der Fahr­bahn aufschwimmt, sprich den unmittel­baren Fahr­bahn­kontakt verliert.

Bei Aquaplaning wird der Auto­fahrer zum Passagier. Das Auto schlittert unkontrollier­bar über die Straße. Bremsen, Lenken – zweck­los. Wer jetzt hektisch bremst und lenkt, verschlimmert die Lage noch. Erst wenn der Wasser­film dünner wird, wie an den Rändern einer Spurrille oder bei leichtem Gefälle, bekommt der Fahrer die Kontrolle über sein Fahr­zeug zurück.

Die Reifen­hersteller versuchen, mithilfe des Reifen­profils das Aquaplaning­verhalten ihrer Pneus zu verbessern. Die großen Längs­rillen trans­portieren das Wasser nach hinten, die Querrillen zur Seite. Je weniger Widerstand der Reifen dem strömenden Wasser entgegen­setzt, desto höher sind die Geschwindig­keiten, ab denen der Reifen zu gleiten beginnt.

Harter Reifen, schlechtere Haftung

Die besten Noten beim Aquaplaning erarbeitet sich in diesem Test ein Modell aus der Breitreifenklasse 225/45 R17, der Uniroyal Rain­Sport 2. Das ist schon deshalb verwunderlich, weil die breiteren Reifen in diesem Prüf­punkt eigentlich grund­sätzlich schlechter abschneiden als die schmaleren. Offen­bar verschafft sich der Hersteller seinen Vorteil, indem er den Reifen mit neun statt der sonst üblichen acht Milli­meter Profiltiefe ausstattet. Das nehmen jedenfalls unsere Prüf­ingenieure an. So kann er im Neuzustand auch mehr Wasser unter dem Reifen hindurch trans­portieren als die anderen Testmodelle.

Denk­bar ist, dass bei fort­schreitendem Verschleiß der Vorteil verschwindet, was recht schnell passieren dürfte: Der Uniroyal Rain­Sport 2 gehört zu den Reifen mit vergleichs­weise hohen Verschleiß­werten.

Manche halten nur halb so lange

Den geringsten Reifen­verschleiß bei den 185er Reifen zeigen GT Radial, Marangoni und Michelin, bei den 225ern Pirelli und Tecar. Die schlechtesten sind Nexen N Blue bei den schmaleren Reifen und der Nexen N8000 bei den breiteren. In der Praxis hält der Nexen N Blue nicht mal halb so lang wie GT, Marangoni und Michelin. Je nach Fahr­weise sind statt nach 50 000 Kilo­metern bereits nach weniger als 25 000 Kilo­metern neue Reifen fällig. Der breitere Nexen N8000 hält nicht viel länger. Wer also viel unterwegs ist, kann mit der richtigen Reifen­wahl viel Geld sparen.

Viel geringerer Sprit­verbrauch

Die Halt­barkeit steht nicht im Wider­spruch zum Verbrauch. Die Reifen mit geringstem Kraft­stoff­verbrauch sorgen für knapp 0,4 Liter weniger Verbrauch auf 100 Kilo­meter gegen­über den schlechtesten. Über die mögliche Lebens­dauer des Reifens hinweg, beispiels­weise 50 000 Kilo­meter, können die besten gegen­über den schlechtesten bis zu 200 Liter Sprit sparen.

Auf trockener Fahr­bahn kein Problem

Den Reifen­verschleiß und den Kraft­stoff­verbrauch ermitteln unsere Tester auf trockener Fahr­bahn. Ebenso die Fahr­stabilität, das Hand­ling und das Bremsen bei höheren Geschwindig­keiten. Der Begriff Fahr­stabilität bedeutet, wie gut die Räder gerade­aus laufen und wie sensibel sie auf Lenkbewegungen ansprechen – bei Tempo 150. Etwa jedes dritte Testmodell erreichte hier sehr gute Ergeb­nisse. Der schlechteste: der Sailun. Der Reifen hat ja schon auf nasser Fahr­bahn versagt.

Auch im Hand­ling auf trockener Straße taugt Sailun wenig, ebenso der GT. In diesem Test geht es um Fahr­spur­wechsel, das Verhalten in Wechselkurven, die Kurven­stabilität und das Verhalten im Grenz­bereich, kurz bevor das Auto aus der Kurve fliegt. Alle anderen im Test erreichen über­wiegend sehr gute, gute und vereinzelt befriedigende Ergeb­nisse. Und wie bremsen die Räder auf trockener Straße? Spitzennoten erreicht deutlich mehr als die Hälfte der breiten 225er Reifen, von den schmaleren 185ern nur Dunlop. Offen­bar macht sich beim Bremsen die Reifenbreite und die sich daraus ergebende größere Aufstands­fläche bemerk­bar. Schlecht bremst im Trockenen indes keiner der Testreifen, nicht einmal der sonst so üble Sailun. Der kostet pro Satz 236 Euro. Der Fulda Eco Control kostet 292 Euro. Der Reifen ist gut, der Mehr­preis gut investiertes Geld.

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