Regionale Lebens­mittel Werbung oder Wahr­heit?

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Regionale Lebens­mittel - Werbung oder Wahr­heit?

Echt aus der Region – das behaupten alle Anbieter der Eier, Säfte und Milch im Test. Die Herkunfts­angaben stimmen. Doch vor Ort herrscht weniger Landidylle als versprochen.

Regionale Lebens­mittel

  • Alle Testergebnisse für Regionaler Apfelsaft 07/2013 Anzeigen
  • Alle Testergebnisse für Regionale Eier 07/2013 Anzeigen
  • Alle Testergebnisse für Regionale Milch 07/2013 Anzeigen

Frische Eier vom Land, Apfelsaft aus Streu­obst, Berg­bauernmilch aus den Alpen – die Anbieter der heimatbezogenen Produkte im Test werben mit idyl­lischen Bildern. Sattes Wiesengrün, saubere Fach­werk­häuser, Bauer und Tier glück­lich vereint: Wer die Verpackungen betrachtet, wird von heimeligen Gefühlen über­mannt.

Handel profitiert von Heimattrend

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Kurze Wege. Bei Hemme Milch in Brandenburg liegen Kuhstall und Molkerei neben­einander.

Im Supermarkt funk­tioniert das Prinzip Heimat prächtig. Der Lebens­mittel­handel sieht regionale Ware „als festen Bestand­teil mit wachsender Image- und Umsatz­bedeutung“. Bereits 37 Prozent der Deutschen kaufen regionale Produkte heute regel­mäßig – bei Bioware sind es nur 13 Prozent, belegt eine Studie des Nestlé-Konzerns.

Doch kann der Verbraucher der Werbung trauen? Wir haben die Regional­versprechen von Apfelsäften, Eiern und Milch aus den Gegenden rund um Berlin, Köln und München aufwendig über­prüft. Wir besuchten Keltereien, Molkereien und Lege­betriebe. Nicht nur das. Die Herkunft der Lebens­mittel lässt sich sogar im Labor ermitteln: mit einer etablierten Hightech-Methode, der Stabilisotopen­analyse.

1 000 Leute nach Erwartungen befragt

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test-Umfrage zu Regionalität: Das erwarten Verbraucher.

Vorab hieß es, Grund­satz­fragen zu beant­worten: Was ist eine Region? Wo beginnt sie, was begrenzt sie? Und was erwarten Verbraucher von regionalen Lebens­mitteln? Klare Definitionen gibt es nicht. Wir haben 1 000 Verbraucher befragt. Was sie unter „Region“ verstehen, variiert. Am ehesten steht der Begriff für einen Land­kreis, einen Naturraum oder ein Bundes­land (siehe Grafik). Auch das Gebiet, das bis zu 100 Kilo­meter um den eigenen Wohn­ort liegt, betrachten viele als Region. Für 6 Prozent ist es ganz Deutsch­land.

Die Zutaten für das Produkt sollten über­wiegend aus der Region stammen, und es sollte ausschließ­lich dort produziert werden. Das erwartet die Mehr­heit der Befragten. Auch für uns war das Basis der Bewertung. Wer die Zutaten quer durchs Land trans­portiert oder von weit her zukauft, bekommt Punkt­abzug.

Keine Schummelei bei der Herkunft

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Anlieferung. Unzäh­lige Klein­produzenten bringen Äpfel zur Mosterei. Das erschwert Herkunfts­nach­weise.

Ob die Eier, die Milch und die Äpfel für den Apfelsaft im Test aus den beworbenen Gegenden kommen, verrät die Isotopen­analyse. Das Ergebnis ist durchweg positiv: Hinweise für Herkunfts­schwindel fanden wir nirgends. Alle Analysewerte stimmten jeweils mit den typischen Werten der Regionen Berlin, Köln und München über­ein.

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Futtermittel. Viele Betriebe produzieren Gras und Heu selbst. Kraft­futter kaufen sie aber meist zu.

Die Methode basiert auf der Tatsache, dass sich unser Essen aus Elementen wie Sauer­stoff, Wasser­stoff, Kohlen­stoff, Stick­stoff und Strontium zusammensetzt. Jedes dieser Elemente hat schwere und leichte Atome, die Isotopen – je nach Region stehen sie in einem bestimmten Mengen­verhältnis. Gedeiht eine Pflanze etwa weit weg vom Meer und hoch in den Bergen, hat sie tendenziell mehr leichte als schwere Sauer­stoff- und Wasser­stoffisotope. Wir haben für die 29 Produkte die Verhält­nisse der stabilen Isotopen analysiert und mit Daten­banken abge­glichen. Wo es keine Daten gab, haben wir selbst vor Ort Vergleichs-proben genommen. So konnten wir Rück­schlüsse auf die Herkunft ziehen.

Elf Produkte sehr glaubwürdig

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Abfüllung. Nur einige Klein­betriebe füllen noch per Hand ab. Bei vielen erfolgt das heute auto­matisch.

Die chemische Analyse passt bei allen Produkten zur Herkunfts­angabe. Doch die Besuche vor Ort zeigen große Unterschiede, wie die Erzeuger Regionalität verstehen und leben. Als besonders glaubwürdig erweisen sich 11 der 29 Produkte. Dazu zählen die Apfelsäfte von Bio Company und Rewe/Temma. Die Anbieter konnten einwand­frei belegen, dass die Äpfel aus der Region stammen und dort zu Saft verarbeitet werden. Der Verkauf erfolgt in lokalen Supermärkten. Auch Milch der Gläsernen Molkerei, von Ökodorf Brodowin, Unser Land und Hemme Milch sind durch und durch regional – ebenso Eier von Dach­auer Land, Gut Schmerwitz, Fene­berg, Land­markt und Eier aus NRW von Manfred Hermanns. Ihnen allen bescheinigen wir: Regionalität sehr gut.

Sechs Produkte schneiden nur ausreichend ab – die Anbieter lehnten Besuche ihrer Betriebe ab, manche beant­worteten nicht einmal schriftlich Fragen.

Bio und regional doppelt stark

Auffällig viele der sehr guten regionalen Produkte tragen ein Biosiegel oder das einer Regional­initiative wie Land­markt, Unser Land und Von Hier. Regional­initiativen sind lokale Zusam­menschlüsse von Bauern, Betrieben und Solidar­gemeinschaften, die ihre Ware direkt in den Handel bringen. Jede arbeitet nach eigenen Richt­linien. „Von Hier“ kann verwechselt werden: Zwei Initiativen – eine in Berlin und Brandenburg, eine in Südbayern – tragen diesen Namen, haben aber nichts miteinander zu tun.

Regionales von Lidl, Edeka und Rewe

Heute führen viele Handels­ketten regionale Lebens­mittel im Sortiment. Lidl ist im Test mit Milch seiner Regionalmarke „Ein gutes Stück Heimat“ vertreten. Der Discounter kann belegen, dass die Milch in Bayern hergestellt und verkauft wird. Das trifft aber nicht auf alle Produkte dieser Marke zu. So bietet Lidl ebenso Erbsen-und Möhren­konserven aus dem Rhein­land deutsch­land­weit in Filialen als regional an.

Während der Apfelsaft von Rewe/Temma ein Sehr gut verdient, erreicht der von Edeka Rhein-Ruhr nur ein Befriedigend (Tabelle). Die Edeka-Regionalgesell­schaften definieren den Begriff Region groß­zügig. Sie sehen darunter ihr jeweiliges Absatz­gebiet, mitunter sind das mehrere Bundes­länder. Entsprechend lang fallen die Trans­porte aus. Verbraucher verbinden mit regionaler Ware aber kurze Wege.

Nur einige zahlen höhere Preise

Kunden erhoffen sich noch mehr von regionalen Lebens­mitteln, belegen Umfragen. Viele erwarten, dass die regionale Wirt­schaft gestärkt wird. Auch Umwelt­schutz, Sorten- und Arten­vielfalt verbinden recht viele damit. Der Test zeigt: Verlass ist darauf nicht. Regionale Lebens­mittel garan­tieren in erster Linie eine bestimmte Herkunft – mehr nicht. Viele Anbieter geben an, den Erzeugern höhere Preise zu zahlen. Gut belegen konnten das nur wenige, darunter die bayerischen Betriebe Berchtesgadener Land, Fene­berg und Oro sowie die Initiative Unser Land. Auch Einblicke in die Arbeits­bedingungen der Keltereien, Molkereien und Lege­betriebe waren ernüchternd. Gerade kleine Betriebe arbeiten häufig mit Aushilfs­kräften und Minijobbern, außerdem gelten dort keine Tarif­verträge.

Regionale Eier oft aus Bodenhaltung

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Im Stall. Boden-und Frei­land­haltung erlauben maximal 9 Tiere pro Quadrat­meter, Bio nur 6.

Statt ländlicher Bauernhöfe trafen wir vielfach auf große, industrielle Unternehmen. Selbst wenn Produkte mit dem Bauern um die Ecke werben, steht oft Massentierhaltung dahinter. Bei 7 der 13 Lege­betriebe kommen die Eier aus Bodenhaltung (Tabelle). Hennen haben dort keinen Auslauf im Freien und leben zu tausenden im Stall. Alle, die von Heimatprodukten hohen Tier­schutz erwarten, dürfte das enttäuschen. Ob Regionalität und Bodenhaltung vereinbar sind, entscheidet jeder beim Einkauf selbst. Gute Haltungs­bedingungen, die über gesetzliche Vorgaben hinaus­gehen, garan­tieren nur Eier mit Biosiegel.

Mehrere Eierhöfe lehnen Besuche ab

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Kontrolle. Um Qualität und Rück­verfolg­barkeit der Eier zu sichern, sind viele Betriebe zertifiziert.

Vier Legehennen­betriebe ließen keinen Besuch zu, meist ohne Begründung. Wir haben dennoch geprüft, ob ihr Eierkode zu dem auf der Verpackung genannten Betrieb passt. Bei Löwen­dorfer tauchten Fragen auf. Ein Land­karten­ausschnitt auf der Packung legt nahe, die Eier kämen aus Ahrens­dorf südlich von Berlin. Die Rück­verfolgung zeigt: Dort liegt nur die Abpacks­telle. Der Eier­betrieb selbst heißt Ehlego und befindet sich 130 Kilo­meter entfernt bei Cott­bus – ein Groß­betrieb mit insgesamt 400 000 Tieren in Bodenhaltung.

Auch Fries­land­Campina, Anbieter der Eifel-Milch, ließ sich nicht über­prüfen. 2007 mahnte die Verbraucherzentrale die Firma ab. Unter „Mark Brandenburg“ hatte sie in Berlin und Brandenburg Milch verkauft, die aus Nord­rhein-West­falen kam und in Köln abge­füllt worden war.

Das „Regional­fenster“ kommt

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Neues Regionalsiegel. Ab Herbst 2013 kann der Handel ein neues einheitliches Logo verwenden: das Regional­fenster.

Für Verbraucher ist es schwer, falsche Regional­produkte zu entlarven. Es fehlt ein einheitliches verläss­liches Logo – ähnlich wie das EU-Biosiegel. Es konkurrieren unzäh­lige Zeichen: Neben den Logos der EU und der Bundes­länder gibt es die der Handels­ketten und Regional­initiativen (siehe www.test.de/regionalsiegel). Mehr Klarheit könnte ein neues Logo bringen, das Anfang 2013 erfolg­reich in Supermärkten getestet wurde: das „Regional­fenster“. Ab Herbst 2013 sei eine Einführung wahr­scheinlich, schätzt der Verein Regional­fenster. Er entwickelt zurzeit Richt­linien. Unterstützt wird das vom Verbraucher­schutz­ministerium. Die Logo-Nutzung soll freiwil­lig bleiben. Ob das künftig wahre Landidylle sichert, bleibt abzu­warten.

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Kunde2007 am 13.09.2013 um 16:20 Uhr
Regionalität

@Aquarionisus: Wenn Sie in Berlin regional einkaufen und "nur Ramsch" bekommen, dann deshalb, weil die 1A Jahre in München verkauft wird ... . Ist überspitzt aber hat auch etwas Wahres. Münchner Biomärkte sind voll mit Waren aus allen Teilen Deutschlands.
Vermutung: Wenn Bauern Lieferverträge mit großen Märkten haben, dann bleibt für den regionalen Verkauf nur die zweite Wahl.

Franz.H.aus.A am 13.07.2013 um 01:38 Uhr
Seit ihr alle B L I N D ?

Vorbei die Tage vo man die Milch beim bauern um die Ecke im eigenen Gefäss holte,
Vorbei die zeit wo es zu Weihnachten das gab was im Keller lag ,
Und nun beschwert ihr euch über eine andere Form von Marketing -
Hab ihr etwa gedacht das die Wahrheit von Facebbok und die Tugend
per App besteltt und runtergeladen werden kann .
-
Träumt weiter

sanne_blue am 12.07.2013 um 15:41 Uhr
Frage wo kaufe ich was....

Um auf Aquarionisus einzugehen: wenn man Werder Obst oder auch Beelitzer Spargel kauft, sollte man/ frau schon schauen - was steht dahinter. Wenn ich Obst kaufe auf unserem Wochenmarkt oder direkt beim Stand des Obstbauern, dann sind die Sachen frisch und schmackhafter als die Ware, die ich im Supermarkt als "regional" bekomme. Hier sollte man schon noch unterscheiden. Und wenn man in Berlin Erdbeeren von Karls Hof zu vollkommen überteuerten Preise kauft, sind die mit Sicherheit nicht besser als Erdbeeren von einem regionalen Bauern direkt von dessen Obststand. Hier sind nach meiner Erfahrung wirklich frische Produkte im Angebot, die früh geerntet werden und somit keine langen Wege hinter sich haben.

Aquarionisus am 12.07.2013 um 14:44 Uhr
Regional. Global. Sch...egal.

Meinung aus Rand-Berlin
Immer wieder höre ich die Aufforderung: "Wollt ihr Verbraucher bessere Produkte, mehr Bio, mehr regionaler Anbau. Dann kauft doch regional im Supermarkt oder direkt."
So ein dummer sch.. . Bitte entschuldigen sie meine Entgleisung. Aber was ich vom Werderaner oder Beelitzer Bauern bekomme ist überteuerte, verfallene Ware. Das eine Mal sind es halb verschimmelte Erdbeeren für 6 € die 500 Gramm, das andere Mal ist es Spargel der holzig, vertrocknet und muffig schmeckt. Liegt es an Berlin und dem Umland das man nur Schrott angeboten bekommt. Ich erinnere mich wie noch in den 90ern und davor die Qualität und Verfügbarkeit des Werderobstes gut und weit bekannt war. Wo gehen diese Waren hin. Ich muss Äpfel aus Neuseeland kaufen wenn ich nicht kotzen will. Was soll das?
Global ist gesünder und die Produkte sind besser, woran liegt das an der Verfügbarkeit, an der Gewinnsucht der Bauern oder wer ist unser Obst.
Obst sehe ich hier als Beispiel, Gleiches bei Käse.....

Gelöschter Nutzer am 12.07.2013 um 10:03 Uhr
Bio-Eier: Alibi-Veranstaltung?

Leider musste ich immer wieder feststellen, dass "Bio-Eier" den Stempel entweder total verwischt oder gar nicht aufgedruckt war.
Die KAT ist meiner Meinung nach nicht glaubwürdig, da diese KEINE weiteren Informationen zum jeweiligen Bauernhof gibt. Name und Stadt, ab und an ein zwei Bilder, reichen bei weitem NICHT aus!
Da helfen Webseiten wie https://www.qualitrail.de/wsade/index.jsf auch nicht!