Reform der Lebens­versicherung Special

Kunden sollen stärker von Über­schüssen profitieren. Doch ihre Beteiligung an den Reserven sinkt – ebenso wie der Garan­tiezins.

Antworten auf alle wichtigen Fragen

Der Bundes­tag hat das Lebens­versicherungs­reformgesetz (LVRG) beschlossen. Was sieht dieses Gesetz vor?

Das Gesetz enthält Änderungen bei der Lebens­versicherung wie zum Beispiel:

  • Der Garan­tiezins für ab 1. Januar 2015 neu abge­schlossene Verträge sinkt von derzeit 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent.
  • Finanz­schwache Versicherer können die Beteiligung ihrer Kunden an den Bewertungs­reserven verringern.
  • Die Beteiligung der Kunden an den Risiko­über­schüssen wird von derzeit 75 auf 90 Prozent erhöht.
  • Die Versicherer dürfen ihren Aktionären keine Dividende zahlen, wenn die Garan­tien für die Kunden gefährdet sind.

Das Gesetz soll ab Ende Juli gelten, voraus­gesetzt der Bundes­rat stimmt dem zu. Bei Redak­tions­schluss hatte er noch nicht entschieden.

Wer ist davon betroffen?

Der Garan­tiezins wird nur bei Verträgen sinken, die ab 2015 neu abge­schlossen wurden. Betroffen sind nicht nur Kapital­lebens­versicherungen, sondern auch private Renten­versicherungen sowie Riester- und Rürup-Renten­versicherungen. Die anderen genannten Rege­lungen gelten auch für Bestands­kunden mit solchen Verträgen.

Was bedeutet ein geringerer Garan­tiezins?

Reform der Lebens­versicherung Special

Immer weniger garan­tierte Verzinsung.

Die garan­tierte Leistung für die Kunden sinkt. Den Garan­tiezins sagen die Gesell­schaften nur auf den Spar­anteil zu. Das ist das, was vom Beitrag des Kunden bleibt, nachdem Geld für Abschluss­kosten, Verwaltung und Risiko­schutz abge­zogen ist. Bezogen auf den vollen Beitrag bleibt mit 1,25 Prozent Garan­tiezins bei Unternehmen mit hohen Kosten so gut wie nichts übrig.

Was bedeutet die Beschneidung der Beteiligung an den Bewertungs­reserven für die Kunden?

Bewertungs­reserven entstehen, wenn der Markt­wert einer Kapital­anlage des Versicherers über dem Anschaffungs­preis liegt, wenn also zum Beispiel der Wert seiner Immobilien, Aktien, Staats- und Unter­nehmens­anleihen gestiegen ist. Die Versicherer müssen ihre Kunden seit 2008 zu 50 Prozent an den Reserven beteiligen. Die Beteiligung der Kunden an den Bewertungs­reserven aus fest­verzins­lichen Wert­papieren – dies sind mehr als 85 Prozent aller Kapital­anlagen – können die Versicherer künftig streichen, wenn ihre „Rück­stel­lungen bei den gegen­wärtig nied­rigen Zinsen nicht ausreichen, um die den verbleibenden Versicherten gegebenen Garan­tiezusagen zu finanzieren“, so die Bundes­regierung. Einzel­heiten sollen im Versicherungs­aufsichts­gesetz geregelt werden.

Warum sollen Kunden weniger von den Bewertungs­reserven erhalten?

Einer­seits spricht das Bundes­finanz­ministerium davon, die Lebens­versicherer auf diese Weise „lang­fristig zu stabilisieren“. Die Kunden müssen sich „darauf verlassen können, dass sie die zugesagte Leistung auch in Zukunft erhalten“, so Bundes­finanz­minister Wolfgang Schäuble. Anderer­seits sieht das Ministerium durch die jetzige Beteiligung der Kunden an den Bewertungs­reserven die „Generationengerechtig­keit“ in Gefahr. Was den ausscheidenden Kunden jetzt ausgezahlt werde, fehle den „Generationen“, deren Verträge noch laufen. Das mutet merkwürdig an, denn die Lebens­versicherung funk­tioniert nach dem Kapital­deckungs­verfahren, das heißt: Jeder spart für sich selbst Kapital an – und nicht für eine andere „Generation“. Dies stellen die Versicherer angesichts der demogra­fischen Entwick­lung sonst immer als großen Vorteil der privaten Vorsorge im Vergleich zur gesetzlichen Rente dar. Da ihr Geschäfts­modell in Gefahr ist, entdecken sie nun die „Generationengerechtig­keit“ für sich. Doch Kunden können sich schon jetzt nicht mehr darauf verlassen, dass sie „zugesagte Leistungen“ erhalten. Denn 2008 ist ihnen die Beteiligung an den Bewertungs­reserven noch zugesagt worden.

Wie viele Kunden erhalten jetzt weniger Geld aus ihrem Vertrag?

Die derzeit noch geltende Regelung begüns­tigt nach Angaben von Finanz­minister Schäuble „rund sieben Millionen Versicherte, deren Verträge in Kürze auslaufen“. Diese Zahl beziehe sich auf die durch­schnitt­liche Anzahl von Verträgen, die in einem Jahr ablaufen, so das Bundes­finanz­ministerium auf Nach­frage. Nach Angaben des Versicherer­verbandes GDV laufen pro Jahr durch­schnitt­lich drei Millionen Verträge regulär aus oder werden vorzeitig gekündigt. „Geht man nun davon aus, dass die Bewertungs­reserven möglicher­weise noch in den nächsten zwei Jahren sehr hoch sind, kommen wir ebenfalls auf etwa sechs bis sieben Millionen Verträge, die von der Beibehaltung der heutigen Regelung profitieren würden“, so ein GDV-Sprecher.

Wie hoch ist die Beteiligung der Kunden an den Bewertungs­reserven derzeit und was macht eine Kürzung aus?

Die Lebens­versicherer haben ihre Kunden nach GDV-Angaben im Jahr 2012 mit 2,8 Milliarden Euro an den Bewertungs­reserven beteiligt. Eine Reduzierung kann für den einzelnen Kunden bedeuten, dass er einige tausend Euro weniger ausgezahlt bekommt. Wie viel ein Kunde erhält, hängt von der Höhe der Bewertungs­reserven des Versicherers ab und von dem Verteilungs­schlüssel, mit dem sie den einzelnen Kunden zuge­ordnet werden.

Wie können Kunden prüfen, ob ihr Versicherer sie angemessen an den Reserven beteiligt?

Ein Kunde kann „nicht ansatz­weise beur­teilen, ob er das bekommt, was ihm laut Gesetz zusteht“, so der Betriebs­wirt­schafts­professor Hermann Weinmann von der Fach­hoch­schule Ludwigs­hafen. Versicherer vermischen munter Schluss­über­schuss und Beteiligung an den Bewertungs­reserven. So schrieb die Allianz an einen Kunden: „Um einen Ausgleich auch für die in der Versicherten­gemeinschaft verbleibenden Kunden zu schaffen, wurde das Aufteilungs­verhältnis für den Schluss­über­schuss und für den Sockel­betrag für die Beteiligung an den Bewertungs­reserven ab dem Versicherungs­jahr 2014 geändert. Der Schluss­über­schuss wurde auf ein Fünftel vermindert und der Sockel­betrag für die Beteiligung an den Bewertungs­reserven auf vier Fünftel erhöht.“ Es wird also etwas vom Schluss­über­schuss genommen und als Beteiligung an Bewertungs­reserven deklariert. So können Versicherer über große Ausschüttung von Reserven klagen; das Geld dafür haben sie jedoch zu einem Teil aus dem Schluss­über­schuss der Kunden entnommen, die ihren Vertrag bis zum Ende durch­halten.

Wie können sich Kunden noch eine Beteiligung an den Bewertungs­reserven nach den alten Regeln sichern?

Dafür müssten sie ihren Vertrag kündigen, bevor die neue Regelung in Kraft tritt. Gilt sie wie geplant bereits ab Juli, ist das nicht mehr möglich. Denn es gilt eine Kündigungs­frist von einem Monat zum Ende des Zahlungs­zeitraums. Wer monatlich zahlt, kommt also frühestens zum 1. September aus seinem Vertrag. Kunden, die vierteljähr­lich oder jähr­lich zahlen, sind noch länger gebunden. Kunden, die ihre Lebens­versicherung vorzeitig kündigen, büßen zudem ihren Schluss­über­schuss ein, der am Ende der Vertrags­lauf­zeit fällig ist.

Was bedeutet die höhere Beteiligung der Kunden am Risiko­über­schuss?

Die Versicherer kalkulieren das „Sterb­lich­keits­risiko“ ihrer Kunden. Bei Kapital­lebens­versicherungen gibt es einen Risiko­über­schuss, wenn weniger Kunden vor Vertrags­ende sterben, als vom Versicherer kalkuliert. Bei Renten­versicherungen entsteht so ein Über­schuss, wenn die Kunden früher sterben als gerechnet. Was es für die Kunden bedeutet, wenn sie künftig 90 Prozent statt 75 Prozent des Risiko­über­schusses bekommen, ist schwer einzuschätzen. Es fehlen die Daten dafür. „Zahlen zur Höhe der Risiko­über­schüsse veröffent­licht der Verband nicht“, teilte uns der Versicherer­verband GDV lapidar mit.

Lohnt sich der Abschluss eines Vertrags noch?

Der Neuabschluss einer Kapital­lebens­versicherung ist nicht mehr attraktiv. Sparer sollten mit einem staatlich geförderten Riester- oder Rürup-Vertrag fürs Alter vorsorgen. Das muss aber keine Renten­versicherung sein. Für die Riester-Rente gibt es auch Bank- oder Fonds­sparpläne. Auch für eine Rürup-Rente gibt es Fonds­angebote. Kunden sollten mehrere Angebote einholen und vergleichen.

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