Rechts­schutz­versicherung Schnelltest

Die Arag bietet seit Montag eine Rechts­schutz­versicherung speziell für Internetnutzer an – den Tarif „web@ktiv“. Nimmt zum Beispiel der Ruf eines Versicherten im Internet Schaden, zahlt sie, wenn sich der Versicherte wehren will. Die Arag feiert die Versicherung als Inno­vation. Doch viel Neues enthält das Angebot nicht.

Ärger mit Online-Presse nicht versichert

Den „ersten umfassenden Schutz“ für Online-Kunden verspricht der Düssel­dorfer Versicherer Arag mit der Rechts­schutz­versicherung web@aktiv. Die Versicherung soll etwa helfen, wenn jemand im Internet beleidigt wird oder Fotos ohne Einwilligung des Betroffenen in sozialen Netz­werken verwendet werden. Schädigung der „e-Reputation“ nennt die Arag solche Verletzungen des Persönlich­keits­rechts. Schaut man ins Klein­gedruckte des Versicherungs­vertrages, schmilzt der versprochene Schutz aber ein wenig zusammen. Nur wenn die Rufschädigung in einem Blog, einem Internetforum, einem sozialen Netz­werk wie Twitter oder Facebook oder auf einer Webseite statt­findet, hilft die Arag. Wird der Ruf des Versicherten dagegen durch die Internetseite eines Presseorgans ruiniert, leistet die Versicherung nicht. Bettina Wulff etwa hätte die Versicherung im Kampf gegen Fernsehjournalisten und Presse­verlage nicht geholfen.

Ein wenig Schutz für Tauschbörsennutzer

Viel­versprechend klingt zunächst auch der Urheber-Rechts­schutz bei Abmahnungen. Viele Internetnutzer könnten einen solchen Schutz tatsäch­lich gut gebrauchen, denn Abmahnungen – etwa wegen illegalen Anbietens und Herunter­ladens von Filmen und Musik in Internet-Tauschbörsen – sind längst zum Massenphänomen geworden. Bislang schließen Rechts­schutz­versicherungen den Zoff um Urheberrechte in der Regel aus. Hier könnte der web@ktiv tatsäch­lich eine Versicherungs­lücke schließen. Aber: Kunden im web@aktiv-Tarif werden nicht umfassend bis zum Ende der Auseinander­setzung mit dem Recht­einhaber recht­lich betreut, sondern bekommen laut Versicherungs­bedingungen nur die Erst­beratung eines Rechts­anwalts bezahlt. Maximal 190 Euro zahlt die Arag dafür.

Arag-Versicherung kostet rund 10 Euro im Monat

Die 190 Euro reichen aber nicht in jedem Fall aus, um den Anwalt eines Abmahn-Opfers zu bezahlen. test.de hat bei der Kölner Kanzlei Wilde Beuger Solm­ecke nachgefragt. Sie vertritt viele Betroffene. „Je nach Umfang der Angelegenheit kostet die außerge­richt­liche Vertretung in Abmahnfällen bei uns meist 400 bis 500 Euro pauschal, plus Mehr­wert­steuer“, sagt Rechts­anwalt Otto Freiherr Grote. Die Arag-Versicherung würde da also nicht einmal die Hälfte der Anwalts­kosten über­nehmen. Den Rest muss der Internetnutzer aus eigener Tasche bezahlen. Und geht die Sache vor Gericht, ist er finanziell völlig auf sich allein gestellt. Auf den Gerichts­kosten und den Ausgaben für den gegnerischen Anwalt bleibt der Tauschbörsennutzer sitzen, sofern er seinen Fall nicht gewinnt. Beachten muss er außerdem: Dem finanziellen Vorteil in Höhe von 190 Euro durch die Versicherung stehen die Ausgaben für die Versicherung gegen­über. Immerhin rund 10 Euro pro Monat zahlt eine Familie für den Schutz.

Kein Schutz für aktuelle Fälle

Natürlich über­nimmt die Arag keine Streitig­keiten, die schon begonnen haben. Das ist keine Besonderheit der Arag, sondern das machen alle Rechts­schutz­versicherer so. Wer also schon die Abmahnung im Brief­kasten hat, braucht die Versicherung erst gar nicht abzu­schließen. Sie hilft ihm in diesem Fall nicht weiter.

Schutz bei Karten­miss­brauch

Stolz ist die Arag auch auf den Rechts­schutz für den Fall, dass mit Kreditkarten­daten Miss­brauch betrieben wird. Allerdings ist diese Absicherung keine Inno­vation. Es gehört zum Stan­dard­schutz der meisten Rechts­schutz­versicherungen, die Geltendmachung von entsprechenden Schaden­ersatz­ansprüchen zu über­nehmen. Wer von einem Trick­betrüger oder Dieb um seine Karten­daten gebracht wurde, hat von diesem Schutz allerdings nur dann etwas, wenn der Täter tatsäch­lich gefasst wird und finanziell noch in der Lage ist, den entstandenen Schaden zu ersetzen.

Tipp: Gute Versicherungen, die hier Rechts­schutz bieten, finden Sie im Test Rechtsschutzversicherungen. Auch Rechts­ärger um im Internet abge­schlossene Verträge ist bei vielen Rechts­schutz­angeboten einge­schlossen.

Nur Online-Mobbing versichert

Der Arag-Tarif web@ktiv verspricht schließ­lich auch Hilfe bei Online-Mobbing, übler Nach­rede und Rufmord im Netz. Kunden bekommen von der Arag also finanzielle Hilfe, um zum Beispiel Beleidigungen aus dem Netz zu bekommen. Hier helfen auch herkömm­liche Rechts­schutz­versicherungen und ihr Schutz geht sogar weiter: Sie gewähren Rechts­schutz oftmals auch bei Mobbing außer­halb des Internets. Allerdings schließen normale Rechts­schutz­versicherungen Streitig­keiten um Urheberrechte zum Beispiel für Fotos oder Videos in der Regel aus. Das tut der Arag-Tarif nicht. Verwendet zum Beispiel ein Facebook-Nutzer unerlaubt fremde Fotos, könnte der Hobby-Fotograf auf die Hilfe der Arag zählen.

Fazit: Tarif web@ktiv nicht wirk­lich inno­vativ

Der Tarif web@ktiv ist keineswegs so neu und umfassend im Schutz, wie die Arag-Werbung behauptet. So hat der Arag-Vorstand Matthias Maslaton im Gespräch mit test.de auch einge­räumt, dass das Neue an der Versicherung im Wesentlichen die Bündelung von Rechts­schutz­angeboten ist, die für Internetnutzer interes­sant sein könnten. Auch viele andere Rechts­schutz­versicherungen helfen Versicherten bei Rechts­streitig­keiten rund ums Internet. Dort wo der Tarif web@ktiv tatsäch­lich neu ist und vielen Menschen helfen könnte – bei der Abwehr von Abmahnungen nach illegalem Filesharing zum Beispiel – hilft er nur bis zur Grenze von 190 Euro.

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