Recht­lich vorsorgen Special

Eine Vorsorgevoll­macht hilft, bis zum Lebens­ende selbst­bestimmt zu bleiben. Doch was passiert, wenn niemand als Bevoll­mächtigter in Frage kommt? Ist nichts weiter geregelt, springt der Staat ein und bestimmt einen Betreuer. Hilfe für Personen, die niemanden bevoll­mächtigen können oder möchten, gibt es auch bei Anwälten und Notaren. Das Finanztest-Special bringt neben einem Fall­beispiel ein Interview mit dem Vorsorgeanwalt Dr. Dietmar Kurze.

Alles recht­zeitig regeln

Sabine Eggert denkt an später. „In meiner Ideal­vorstellung wohne ich gut orientiert bis an mein Lebens­ende in meiner Wohnung“, sagt die 54-Jährige. Die Sekretärin ist vor kurzem in Berlin in ein Haus mit 22 Wohn­einheiten gezogen. Die meisten Bewohner sind zwischen 40 und 70 Jahre alt und kennen sich gut. „Für den Fall von Hilfs­bedürftig­keit organisieren wir als Haus­gemeinschaft einen Pflege­dienst, Essen auf Rädern und Fach­personal“, wünscht sich Eggert. „Doch das ist noch Zukunfts­musik.“ Die Berlinerin will recht­zeitig alles für den Fall regeln, dass sie einmal hilfs­bedürftig ist und nicht mehr selbst entscheiden kann. Eine typische Lösung wäre eine Vorsorgevoll­macht, aus der klar hervorgeht, dass ein Bevoll­mächtigter für sie als Voll­macht­geberin entscheiden darf. Er könnte sich um Fragen der ärzt­lichen Behand­lung genauso kümmern wie um die Finanzen oder die Organisation von Pflege.

Tipp: Über die vielfältigen Vorsorge-Möglich­keiten informiert unser Special Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung.

Wen soll ich bevoll­mächtigen?

Recht­lich vorsorgen Special

Den ersten Schritt zur Vorsorge für das Alter hat die Sekretärin Sabine Eggert (54) bereits gemacht. Die Allein­stehende ist in eine barrierearme Wohnung in ein genossenschaftlich organisiertes Haus­projekt gezogen. Nun folgt die recht­liche Vorsorge.

„Ich frage mich allerdings, wen ich bevoll­mächtigen soll“, sagt Eggert. „Ich bin allein­stehend, habe keine Kinder und als einzige Angehörige eine Schwester, die 17 Jahre älter ist.“ Der Schwester will sie die Vorsorge nicht alleine zumuten. Die Frage, wen sie bevoll­mächtigen könnten, stellen sich viele: Eltern, deren Kinder weit weg wohnen, genauso wie Singles, die Freunde nicht fragen möchten. In Deutsch­land lebt jeder Fünfte allein, insgesamt gibt es rund 15,9 Millionen Allein­lebende. Aber auch Paare, die sich gegen­seitig bevoll­mächtigen, müssen darauf achten, dass nicht einer von ihnen ohne Bevoll­mächtigten dasteht. Schließ­lich kann nur der Partner vom anderen recht­lich vertreten werden, der zuerst hilfs­bedürftig wird. Ist niemand bevoll­mächtigt und nichts weiter geregelt, springt der Staat ein. Ärzte oder Angehörige können bei Gericht einen Antrag auf Betreuung stellen, wenn ein Mensch nicht ansprech­bar im Kranken­haus liegt oder den Über­blick über sein Leben verloren hat. Jeder kann auch für sich selbst einen Antrag stellen, solange er dazu in der Lage ist. Ein recht­licher Betreuer ist dann – je nach Bedarf – für Vermögen, gesundheitliche Versorgung und den Aufenthalts­ort zuständig. Er organisiert auch einen Heim­platz.

Ohne Voll­macht springt der Staat ein

„Für die Situation einer recht­lichen Betreuung kann auch ohne Vorsorgevoll­macht vorgesorgt werden“, sagt Gisela Rawald, Leiterin des Seniorenbüros der Stadt Wedel vor den Toren Hamburgs. Sie berät Menschen ab 60 Jahren und deren Bezugs­personen rund ums Älterwerden. „Wer niemanden hat, dem er vertraut, sollte zumindest eine Betreuungs­verfügung ausfüllen“, empfiehlt Rawald. Der Betreffende sollte seine Vorstel­lungen über das Leben und das Lebens­ende möglichst genau in ein vorgefertigtes Formular eintragen oder frei formulieren.

Anlauf­stellen für die recht­liche Betreuung gibt es viele

Solch ein Papier hilft, wenn es zum gericht­lichen Betreuungs­verfahren kommt. Ein fremder Betreuer kann sich dann ein Bild von seinem Schützling machen. Spielt Religion in dessen Leben eine Rolle? Mit welchen Angehörigen oder Bekannten wünscht er Kontakt? Sind Katze oder Hund zu versorgen? Gibt es ein Lieblings­fernseh­programm? Soll eine Frau oder ein Mann die Betreuung über­nehmen?„Je mehr eine fremde Person über das Leben des Betreuten weiß, um so unkomplizierter kann später die Betreuung laufen“, sagt Rawald. Eggert will demnächst einen Betreuungs­ver­ein aufsuchen und sich informieren. Anlauf­stellen für die recht­liche Betreuung bieten fast alle Städte und Gemeinden. Auch Kirchen, Hospiz, Caritas und Wohl­fahrts­verbände haben oft Betreuungs­stellen.

Neutrale Person bevoll­mächtigen

Es gibt noch eine Alternative zur recht­lichen Betreuung: eine Vorsorgevoll­macht für einen Anwalt als neutrale Person. Manche Rechts­anwälte und Notare sind auf die recht­liche Vorsorge spezialisiert (siehe Interview). Der beauftragte Vorsorgeanwalt wird dann Monate oder Jahre später wie vereinbart tätig, wenn der Vorsorgefall eintritt und es etwas zu regeln gibt.

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