Bei Zugverspätungen sollen Reisende neuerdings ein „Recht auf Entschädigung“ haben. Doch die meisten gehen leer aus.

Die Bahn unter Zugzwang: Weil Verbraucherschützer und Politiker seit langem mehr Rechte für Fahrgäste fordern, musste die Deutsche Bahn (DB) reagieren. Das Ergebnis ist eine „Kundencharta“ mit vielen schönen Worten und wenig Konkretem. Die Bahn verspricht den Fahrgästen bei Zugverspätungen zwar „erstmals einen Rechtsanspruch auf Entschädigung“, aber der ist wenig wert:

  • Knauserig. Selbst wenn ein Zug mehrere Stunden zu spät ans Ziel kommt, gibts maximal einen Reisegutschein in Höhe von 20 Prozent des Fahrkartenwerts.
  • Ausgeschlossen. Wer in verspäteten Regionalzügen reist, ist von der neuen Regelung ausgeschlossen. Sie gilt nur für unpünktliche Fernzüge wie ICE, EC und IC.
  • Unfair. Selbst wenn ein verspäteter Fernzug schuld daran ist, dass der Kunde seinen Anschluss verpasst und mit der nächsten Regionalbahn erst zwei Stunden später ans Ziel gelangt, gilt der Rechtsanspruch nicht.
  • Beschränkt. Aber auch bei mehr als einstündigen ICE-Verspätungen werden die Fahrgäste oft das Nachsehen haben. Die Bahn haftet nur bei eigenem Verschulden. Zu Verspätungen führen aber zum Beispiel auch Bahnschranken missachtende Autofahrer, auf Gleise laufende Kühe, Selbstmörder oder schlechtes Wetter.
  • Ärgerlich. Als weitere Hürde, um möglichst wenige Reisegutscheine verteilen zu müssen, haben die Bahnmanager ein sehr kundenunfreundliches Zeitlimit gewählt. Die Fahrgäste müssen mehr als eine Stunde, also mindestens 61 Minuten, zu spät ans Ziel kommen. Das Problem: Viele Verspätungen vergrößern sich dadurch, dass bei Umsteigeverbindungen die Anschlusszüge nicht warten. Da die Bahn meist im Stundentakt fährt, kommen diese Kunden dann oft mit dem nächsten Zug genau 60 Minuten zu spät ans Ziel – und bekommen nichts.

Die neue Zitterpartie der Bahn

Wenn sich allerdings auch der zweite Zug etwas verspätet – und sei es auch nur um eine einzige Minute – gewinnen die betroffenen Umsteiger doch einen Anspruch auf Entschädigung. Die Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr werden wichtig wie nie. Die Einfahrt in den Bahnhof kann zur Zitterpartie werden. Und da sich im Nachhinein die Ankunftszeiten kaum exakt sekundengenau rekonstruieren lassen, ist so mancher Streit zwischen Kunden und Bahnpersonal programmiert.

Fazit: Bei den meisten Zugverspätungen bleibt alles beim Alten. Die Kunden haben kaum Rechte und können bestenfalls auf Kulanz hoffen.

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