Raucher­entwöhnung Verstärken Medikamente Selbst­mord­gedanken?

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Wer mit dem Rauchen aufhören will, kann auch zur Pille greifen. Medikamente mit den Wirk­stoffen Bupro­pion und Vareniclin wirken gut, stehen aber im Verdacht, Depressionen hervorzurufen und Selbst­mord­gedanken zu verstärken. Eine Studie mit über 8 000 aufhörwil­ligen Rauchern hat psychische Neben­wirkungen untersucht und die Erfolgs­quote der Medikamente mit Nikotin­pflastern und Placeboprä­paraten verglichen. Das Ergebnis ist beruhigend – nur für eine Gruppe nicht.

Hersteller mussten Risiko genauer erforschen

Wer die Packungs­beilagen der verschreibungs­pflichtigen Entwöhnungs­medikamente Champix und Zyban liest, bekommt ein ungutes Gefühl: Als mögliche Neben­wirkungen werden neben Schlafstörungen und Übel­keit auch Selbst­mord­gedanken und aggressives Verhalten aufgezählt. Nach der Markt­einführung zeigte sich, dass die Mittel mit den Wirk­stoffen Vareniclin und Bupro­pion bei den Patienten die Bereitschaft verstärken können, sich etwas anzu­tun. Die Zulassungs­behörden in den USA und Europa forderten die Hersteller Pfizer und GlaxoS­mith­Kline auf, mögliche Stör­wirkungen unter­suchen zu lassen. Das taten diese mittels einer großen Studie, an der 8 144 Raucher in 16 Ländern mitwirkten. Etwa jeder zweite Teilnehmer hatte eine psychische Vorerkrankung, meist eine Depression oder Angst­störung. Diese Menschen rauchen zwei- bis dreimal häufiger als die Durch­schnitts­bevölkerung.

Vier unterschiedliche Probanden­gruppen

Die Studien­teilnehmer wurden einer von vier Gruppen zugeteilt und für drei Monate behandelt: Sie erhielten entweder Vareniclin (zweimal täglich 1 Milligramm) oder Bupro­pion (zweimal täglich 150 Milligramm) oder Nikotin-Pflaster (täglich 21 Milligramm, gegen Ende peu à peu reduzierte Menge) oder aber ein Placebo-Präparat. Die Teilnehmer wussten nicht, was sie bekamen, erhielten also alle zwei verschiedene Tabletten und ein Pflaster. Zusätzlich bekamen sie Beratungs­gespräche. In regel­mäßigen Befragungen wurden bei ihnen mögliche schwerwiegende psychische Veränderungen erfasst. Nach Ende der dreimonatigen Behand­lungs­phase wurden sie weitere drei Monate beob­achtet. Ein interna­tionales Forscher­team fasste die Ergeb­nisse in der Eagles-Studie („Evaluating Adverse Events in a Global Smoking Cessation Study“) zusammen und veröffent­lichte diese im Früh­jahr im Fachjournal The Lancet.

Grund­risiko bei psychisch Vorbelasteten höher

Wenig über­raschend: Die Teilnehmer mit einer psychiatrischen Vorgeschichte hatten im Verlauf der Studie häufiger unerwünschte psychische Beein­trächtigungen als die anderen Teilnehmer. 6 bis 7 von 100 vorbelasteten Personen erlebten unter Vareniclin und Bupro­pion Störungen – bei den psychisch Gesunden waren es nur rund 1 bis 2 von 100. Mit Nikotin-Pflastern oder Placebo erlebten rund 5 von 100 Personen mit früheren psychischen Erkrankungen Probleme – bei den psychisch Gesunden waren es rund 2 bis 3 von 100. Das Grund­risiko, während des Entzugs mit psychischen Störungen zu kämpfen, ist für psychisch vorbelastete Menschen also generell zwei-bis dreimal höher. Eine Zunahme psychischer Störungen während des Entzugs kann bei ihnen nicht sicher ausgeschlossen werden.

Auswirkungen auf Psyche unabhängig vom gewählten Mittel

Über­raschend hingegen war: Weder bei den psychisch vorbelasteten noch bei den nicht vorbelasteten Studien­teilnehmern zeigten sich zwischen den vier Behand­lungs­gruppen signifikante Unterschiede. Ob Medikament, Pflaster oder Placebo: Das Risiko, während der Entwöhnung derart psychisch beein­trächtigt zu werden, dass der Alltag darunter leidet, ist bei allen geprüften Präparaten in etwa gleich hoch. Vor allem für psychisch Gesunde lässt sich aus den Studien­ergeb­nissen ableiten: Der größte Stress­faktor während des Entzugs scheint nicht ein bestimmter Wirk­stoff zu sein, sondern der Verzicht auf die Zigarette an sich. Unruhe oder Reiz­barkeit sind normale Reaktionen des Körpers auf die Rauch­entwöhnung.

Größter Rauch­stopp-Erfolg mit Vareniclin

Wie bereits frühere Unter­suchungen zeigte auch die aktuelle Eagles-Studie: Den größten Rauch­stopp-Erfolg bringt Vareniclin. Rund 25 Prozent der psychisch gesunden Teilnehmer schafften es dank Vareniclin, sechs Monate lang abstinent zu bleiben. Mit Bupro­pion gelang das rund 19 Prozent aus der gesunden Gruppe, mit Nikotin-Pflaster etwa 18 und mit Plazebo rund zehn Prozent. Bei den psychisch vorbelasteten Teilnehmern fiel der Entwöhnungs­erfolg etwas geringer aus. Es zeigte sich aber ein ähnliches Muster: Rund 18 von 100 Probanden schafften es mit Vareniclin, rund 14 mit Bupro­pion, 13 mit Nikotin-Pflaster und rund 8 mit Placebo. Jeder fünfte Proband brach die Teil­nahme an der Studie früh­zeitig ab. Ob der Rauch­stopp-Erfolg auch über den Beob­achtungs­zeitraum von sechs Monaten anhielt – darüber gibt die Studie keine Auskunft.

Unser Rat

  • Mit Einschränkung geeignet. Sowohl Präparate mit Bupro­pion als auch mit Vareniclin bewerten die Medikamenten-Experten der Stiftung Warentest als „Mit Einschränkung geeignet“ (siehe Medikamente im Test: Nikotinabhängigkeit). Ein Grund dafür ist, dass von ihnen weitere Neben­wirkungen ausgehen, bei Vareniclin ist das beispiels­weise ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen, mit Bupro­pion kann es zu Schlaflosig­keit kommen.
  • Nikotin­ersatz sollte erste Wahl bleiben. Sicherer und ohne Rezept erhältlich sind Arznei­mittel, die Nikotin freisetzen wie Nikotin­pflaster oder Nikotinkau­gummis. Sie sollten erste Wahl bleiben, sowohl für psychisch kranke als auch für gesunde Menschen. Während einer Therapie mit einem Nikotin­pflaster kann es hilf­reich sein, zusätzlich Nikotinkau­gummis bei sich zu haben, um sie bei einem akuten Rauch­verlangen zu nutzen.
  • Arzt kontaktieren. Wer während der ersten rauch­freien Zeit bei sich oder Angehörigen deutliche, zunehmende Änderungen im Verhalten und Denken wahr­nimmt, sollte unbe­dingt einen Arzt einbeziehen.

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Trompke39 am 28.06.2016 um 10:59 Uhr
"Selbstmord" ist kein Mord!

Der Begriff "Selbstmord" ist völlig veraltet. Er stammt aus der Zeit, in der die Kirchen das Sagen hatten und die Selbsttötung moralisch als "Mord" negativ abqualifizierten. Dabei wird doch niemand "ermordet! Heute wird der neutrale Begriff "Suizid" gebraucht, so wie er auch in anderen europäischen Sprachen üblich ist: z. B. engl. und franz. Suicide = Selbsttötung. Diesen Begriff empfehlen heute die Suizid-Forscher, um auch gegenüber den Angehörigen die verletzende Spachregelung zu vermeiden.

remus4romulus am 27.06.2016 um 15:15 Uhr
E-Zigarette sinnvoll für Raucherstopp!

Ich habe eine jahrzehntelange Raucherkarriere hinter mir und vor genau anderthalb Jahren bin ich auf die E-Zigarette umgestiegen - von einem Moment auf den anderen keine Tabakzigarette mehr angerührt. Kein Inhalieren von verbranntem Teer und anderen krebserregenden Stoffen mehr, "nur" noch Nikotin in sehr geringer Dosierung, mir geht es sehr gut damit.
Die meisten Raucher vermissen bei einer Entwöhnung das "handling", also die jahrelange Gewohnheit, eine Zigarette zum Mund zu führen und zu inhalieren. Deshalb ist die Entwöhnung mittels Nikotinpflastern sehr viel schwieriger als der Umstieg auf E-Zigaretten, weil dann die gewohnten Handlungsabläufe erhalten bleiben.

Rasenmaeher032 am 26.06.2016 um 22:39 Uhr
Entzug

Eine Raucher"entwöhnung" ist immer ein Entzug und dieser kann je nach Grad der Abhängigkeit sehr hart sein. Ich möchte hier keine Werbung machen und deutlich auf die Nebenwirkungen hinweisen, aber für mich hat Zyban die Erlösung gebracht. Mit Unterstützung des Alan Carr Buches (wichtig für die Motivation) und Zyban bin ich langjähriger Hardcore-Raucherkarriere nun seit 15 Jahren "nichtrauchender Raucher".
Der Nikotinentzug unter Zyban war zu meiner Überraschung einfach, die Zybanzeit an sich war jedoch nicht einfach, ich habe alle Nebenwirkungen des Medikamentes mehr oder minder stark zu spüren bekommen. Das Ergebnis war es im Nachhinein betrachtet aber wert.
Ich habe während der Vorbereitung aber auch Leute kennen gelernt, welche die Therapie nach zwei Wochen abbrechen mussten.

Gelöschter Nutzer am 26.06.2016 um 19:58 Uhr
@halsbandschnaepper

Auch ich kenne einige Leute aus meinem Bekanntenkreis, die durch E-Zigaretten vom Rauchen losgekommen sind. Für Leute, die mit dem Rauchen aufhören wollen, sind E-Zigaretten eine sehr sinnvolle Alternative.
Nebenwirkungen wie bei den im Artikel genannten Medikamenten gibt es natürlich keine. Denn E-Zigaretten enthalten keine Wirkstoffe bzw. nur Nikotin, wenn sich jemand für die nikotinhaltige Variante entscheidet.

halsbandschnaepper am 26.06.2016 um 18:10 Uhr
E-Zigarette statt Nikotinpflaster?

Wie sieht es mit E-Zigaretten aus. Immerhin haben sie viel weniger Schadstoffe als gerauchter Tabak. Aus meinem privaten Umfeld weiß ich auch dass Leute es dadurch geschafft haben viel weniger Nikotin zu sich zu nehmen. Billiger als Nikotin-Pflaster oder Medikamente ist es auch noch.