Ratingagenturen Test

Auf Urteile von Ratingagenturen können sich Anleger nicht verlassen. Das zeigen die vielen guten Noten für spätere Pleitefonds.

Erstaunlich gut fallen die Noten der Ratingagenturen Scope und G.U.B. für den SHB-Renditefonds 6 aus, einen geschlossenen Immobilienfonds. Die Gesellschaft für Unternehmensanalyse und Betriebsberatung AG (G.U.B.) vergibt ihre Bestnote, das Urteil der Scope Analysis GmbH (Scope), entspricht einer 2-.

Dabei steht ein Teil der Immobilien, in die das Geld der Anleger fließen soll, noch gar nicht fest. Das birgt erhebliche Risiken. Zudem hatte der Fondsanbieter SHB Innovative Fondskonzepte aus München zuletzt erhebliche Managementprobleme und musste die Ausschüttungen für Anleger bei mehreren Vorgängerfonds herabsetzen.

Das englische Wort „Rating“ heißt auf Deutsch so viel wie Beurteilung oder Bewertung. Für Anleger können falsche Noten fatal sein, besonders bei geschlossenen Fonds. Denn sie können aus diesen langjährigen Unternehmensbeteiligungen an Immobilien, Filmen oder Windkraftwerken nicht aussteigen. Läuft etwas schief, müssen sie mitansehen, wie ihr Geld verbrennt.

Finanztest hat am Beispiel von geschlossenen Fonds geprüft, ob Anleger die Ratings der Agenturen als Entscheidungshilfe verwenden können. Das Ergebnis ist ernüchternd: Verlass ist auf die Ratings nicht. Sie sind in der Regel viel zu gut. Das gilt sowohl für die Vergangenheit als auch für aktuelle Angebote (siehe Tabellen).

Finanztest hat sich unter anderem die Noten von sieben Ratingagenturen aus den Jahren 2008 und 2009 für zehn geschlossene Immobilienfonds angesehen. In 25 Urteilen wurde die Note „gut“ nur viermal unterschritten.

Eine gute oder sehr gute Note bekamen selbst Fonds, bei denen Finanztest wenig Gutes feststellen kann – wie der SHB-Renditefonds 6, den Scope und G.U.B. bewertet hatten.

Fehlurteile in der Vergangenheit

Ratingagenturen Test

Ein Blick zurück zeigt, dass sich Scope und G.U.B. schon in der Vergangenheit krasse Fehlurteile geleistet haben. Scope lag zum Beispiel bei den Medienfonds Mediastream von Ideenkapital, IMF 3 von DCM, der MBP-Beteiligung Nr. 2 von MBP und den Vip-Medienfonds daneben. Die Annahmen für die Einspielergebnisse der Filme, die mit dem Anlegergeld finanziert wurden, waren viel zu optimistisch.

Den Deutschen Vermögensfonds I der Deutsche Anlagen AG bewertete G.U.B. noch im Jahr 2005 mit „gut“. Ein solches Urteil ist nicht nachvollziehbar für eine Beteiligung, deren Investitionen bei Anlagebeginn bis auf eine einzige völlig unbekannt waren. Und die eine Investition war ein Abenteuer. 18 Millionen Euro des Anlegergeldes sollten in den Aufbau eines Finanzvertriebs mit dem sinnigen Namen Invictum (lateinisch für unbesiegt) gesteckt werden.

Finanztest hatte schon im Jahr 2004 vor dem Zockerangebot gewarnt. Das Ende ist bekannt: Der geschlossene Fonds ging im Jahr 2005 pleite. 7 000 Anleger verloren ihr Geld. Etwa 40 Millionen Euro wurden verbrannt.

Glaube an Ratings schwer erschüttert

Der Grund für so viele schöne Noten liegt auf der Hand: Auftraggeber und Abnehmer von Ratings, die je nach Agentur zwischen 4 000 und 50 000 Euro kosten, sind in aller Regel die Fondsanbieter selbst. Sie sind aber nur an guten Noten interessiert, mit denen sie für ihr Produkt werben können.

Fällt ein Rating schlecht aus, ist die Agentur den Auftraggeber in der Regel los. Und die Finanzvertriebe haben kein Interesse mehr, die Nutzungsrechte an den Ratings zu kaufen.

Wozu Abhängigkeiten zwischen Ratingagenturen und Anbietern einer Geldanlage führen, zeigte sich jüngst bei der US-Bank Lehman Brothers. Noch einen Tag vor dem Untergang der Bank am 14. September 2008 gaben Agenturen wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings den wertlosen Lehman-Zertifikaten die Note A, die hochwertige Wertpapiere erhalten sollen.

Die Prüfung der Lehman-Zertifikate war weder unabhängig noch objektiv: Die Agenturen ließen sich ihre Ratings nicht nur von der Lehman-Bank bezahlen, sondern waren dort auch noch beratend tätig.

Gute und schlechte Agenturen

Besonders begehrt sind bei Anbietern und bei Vermittlern geschlossener Fonds in Deutschland die Beurteilungen der Ratingagenturen Scope, G.U.B., TKL Fonds und Feri. Das ergab eine Umfrage unter 50 Fondsanbietern und 40 Fondsvertrieben. Das Rating dieser Agenturen mündet in ein Gesamturteil in Form von Noten, Sternen oder Buchstabenkombinationen.

Die Feri Euro Rating Services (Feri) bekennt sich offen zu den Auftragsratings. Je nach Konzeption und Größe eines Fonds zahlen Anbieter zwischen 20 000 und 50 000 Euro für ein Rating.

Die Ratings der Gesellschaft für Fondsconception und -analyse mbH (TKL Fonds) werden nicht von den Fondsanbietern bezahlt, sondern von Abonnenten wie etwa Finanzvertrieben. Sie können mithilfe guter Noten die Fonds besser verkaufen.

Scope, G.U.B., Check-Analyse der Unternehmensanalyse Stephan Appel und Werteanalysen von Philip Nerb erstellen die Ratings zwar zunächst ohne Auftrag. Wenn aber ein Fondsanbieter mit diesen Ratingagenturen ins Geschäft kommen will, muss er zahlen: Prüfgebühren von 20 000 Euro bei Scope, 7 900 Euro bei G.U.B. und 7 500 Euro bei Check-Analyse. Bei Werteanalysen werden 4 250 Euro für die Nutzungsrechte fällig.

Keine Preise für die Nutzung des Ratings wollte uns die Invest-Report UBK GmbH nennen.

Der Tüv Nord kassiert pro Prüfsiegel knapp 30 000 Euro. Die Tüv-Siegel für die „Tüv-geprüfte Fondsplausibilität“ sieht der Tüv selbst jedoch nicht als Rating.

Finanztest kann vor den Tüv-Siegeln nur warnen. Gleich drei Fonds, die Finanztest im Jahr 2008 auf die hauseigene Warnliste der unseriösen Geldanlagen setzte, hatten vom Tüv Nord die Gesamtnote gut bekommen. Es handelt sich um den Geno Haus Fonds sowie um den Garantiehebelplan 09 der Cis AG und den Fonds DSS Premium Vermögensverwaltung der DSS AG.

Undurchsichtige Prüfmethoden

Undurchsichtig für Anleger sind die völlig unterschiedlichen Prüfkataloge der Ratingagenturen. Anzahl, Art und Gewichtung der Prüfkriterien unterscheiden sich ganz wesentlich.

Zumindest fragwürdig ist die Prüfmethode von Scope für geschlossene Immobilienfonds. Scope errechnet beispielsweise eine erwartete Rendite von 4,43 Prozent nach Steuern beim SHB Renditefonds 6. Dabei enthält der Prospekt überhaupt keine Renditeprognose. Zudem steht die Hälfte der Immobilien, in die investiert werden soll, noch gar nicht fest.

Ganz anders geht G.U.B. vor. Hier werden sechs Prüfkriterien untersucht, aber keine Berechnungen angestellt. Die Ausführungen enthalten zum Teil Beschreibungen aus dem Prospekt. Den können Anleger auch selber lesen.

Nur bei Feri liegt eine nachprüfbare, auf Immobilien abgestimmte Prüfmethode vor. Die Fülle von Prüffragen verdeutlicht, wie detailgenau Feri vorgeht. Fehlurteile haben wir hier nicht gefunden.

Feri gewichtet prozentual die drei Prüffelder Investition (50), Fondskonstruktion (30) und Managementqualität (20) und gibt dann eine Wertung ab.

Philip Nerb von „Werteanalysen“ legt seine Prüfmethode erst gar nicht offen. Alle anderen Agenturen legen zwei bis zehn Prüfkriterien vor, lassen aber die wichtigsten Punkte weg, zum Beispiel die Kosten. Bei Unternehmensbeteiligungen gehen oft 20 Prozent der Anlagesumme für einmalige Kosten drauf. Das kann man in der Bewertung nicht einfach außer Acht lassen.

Geschönte Prüfergebnisse

Das alles wäre nicht schlimm, wenn am Ende die Noten stimmten. Doch die Liste der Fehlurteile ist so lang, dass unsere Tabelle nur eine kleine Auswahl zeigt.

G.U.B. irrte sich bei den Falk-Fonds, die inzwischen pleite sind. Hier gab es regelmäßig die Bestnote in Form des Dreifach-Plus (+++ = sehr gut) – zum Beispiel noch im Jahr 2004 für den Falk-Fonds Nr. 79.

Falsch waren auch die hervorragenden G.U.B.-Wertungen für die Drei-Länder-Fonds (DLF) der Stuttgarter Kapital Consult, zum Beispiel für den DLF 98/29 im Jahr 1999. Hier wurden die Ausschüttungen herabgesetzt.

Sämtliche Immobilienfonds der Landesbank Berlin (LBB-Fonds) bekamen ebenfalls ein Dreifach-Plus. Einige gingen pleite, andere bescherten ihren Anlegern hohe Verluste.

Die G.U.B. verbrannte sich auch bei der Beurteilung der Dubai 1000 Hotel und Deutschen Vermögensfonds I die Finger.

Stephan Appel bescheinigte in seiner Check-Analyse anfangs dem Immobilienfonds Trias 3 der E.G.M.B. eine hohe Qualität, obwohl der Verkaufsprospekt nur so von Fehlern strotzte. Der Fonds ging später pleite. Auch hier hatte Finanztest gewarnt.

Philip Nerb vergab in Werteanalysen das Prädikat „einwandfrei“ für den Global Premium Rendite Fonds und gute Noten für den DSW Deutscher Sachwertfonds I. Beide Fonds der Global Investment Group sind wegen weitgehend fehlender Investitionskriterien, grober Prospektmängel und hoher Kosten hochriskant.

Zwar kann jede Ratingagentur und jeder Fondsanalyst mit seinem Urteil falsch liegen. G.U.B. vergab allerdings noch Spitzenurteile für Fonds, als Finanztest bereits vor ihnen warnte.

Erstaunlich sind bei den aktuellen Ratings die guten bis sehr guten Noten für reine Blindpool-Fonds. Bei diesen Fonds wissen Anleger nicht, in welche Objekte ihr Geld fließt. Warum Scope den Blind-Pools ZBI 5, Immovation 2 und Realkontor 8, die obendrein mit unrealistisch hohen Renditen werben, eine überdurchschnittliche oder leicht über dem Durchschnitt liegende Qualität bescheinigt, ist unverständlich.

Check-Analyse erteilt dem ZBI 5 sogar die Note 1,54 und Werteanalyse vergibt für den Realkontor 8 noch die Note zwei plus, obwohl ein Vorgängerfonds innerhalb von drei Jahren rund die Hälfte des Anlegergeldes für Kosten verbrannte.

Haften müssen die Agenturen für ihre Fehlurteile bisher nicht. So steht es jedenfalls in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen. Anleger müssen also selber herausfinden, ob ein Fonds etwas taugt. Sonst platzen ihre Renditeträume schnell.

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