Radtraining Meldung

Erschöpft, aber glücklich sind die meisten Fitness­sportler nach dem Gruppentraining auf dem Standfahrrad. Der ­Gesundheit zuliebe sollten sie sich nicht überfordern und ihr Tempo drosseln.

Laut und schnell ist die Musik, die Lichtorgel flackert, die Teilnehmer am Spinning-Kurs geben auf ihren Standfahrrädern alles. Radfahren in der Gruppe im Fitnessstudio, auch Indoor-Cycling genannt, ist in der Studioszene fest etabliert. Wer seine Kondition verbessern will, sportlich gut über den Winter kommen oder sich auf eine Radtour im Sommer vorbereiten will, setzt auf das schweißtreibende Ausdauertraining.

Einfacher Bewegungsablauf

Ursprünglich hatte der Radrennfahrer Johnny Golding diese Trainingsform gewählt, um sich in seiner Garage in Los Angeles witterungsunabhängig auf das Straßenrennen Race Across America vorzubereiten, eine knapp 5 000 Kilometer lange Strecke von der amerikanischen West- an die Ostküste. Zusammen mit einem Fahrradhersteller entwarf er schließlich ein Spezialrad und entwickelte ein Trainingskonzept für Freizeitsportler. Der neue Trendsport eroberte seit Ende der neunziger Jahre die Fitnessszene. Der einfache Bewegungsablauf animiert auch Sportneulinge und ältere Studiokunden zum Mitmachen. Tempo und Schwierigkeitsgrad kann eigentlich jeder individuell nach seiner Leistungsfähigkeit wählen, doch Theorie und Praxis klaffen hier auseinander. Viele Kursteilnehmer überfordern sich beim Radtraining in der Gruppe, wie Ergebnisse sportmedizinischer Forschungsgruppen zeigen.

Hohe körperliche Belastung

So wiesen zum Beispiel Sportmediziner der Universität Münster in einer Studie nach, dass die körperliche Belastung beim Spinning sehr hoch ist. Sie untersuchten Teilnehmer von Grundkursen mit geringer Erfahrung im Indoor-Cycling. Sie waren zwischen 22 und 36 Jahre alt, gesund und durchschnittlich fit. Während des Trainings zeichneten die Mediziner die Herzfrequenz auf, ermittelten mehrfach die Laktatkonzentration im Blut (siehe auch „Trainingsintensität“) und fragten die Trainierenden nach ihrem subjektiven Belastungsempfinden.

Intensität besser dosieren

Die gemessenen Puls- und Laktatwerte zeigten eine hohe körperliche Belastung an, während die Kursteilnehmer selbst ihre Belastung eher als mäßig anstrengend empfanden. Dass auch erfahrene Sportler dazu neigen, sich beim Spinning zu überfordern, wiesen saarländische Sportmediziner nach. Sie untersuchten durchtrainierte Männer und Frauen zwischen 34 und 46 Jahre und kamen zu ähnlichen Ergebnissen wie die Münsteraner.

Die Freizeitsportler lassen sich offenbar durch die Mitradler und die mitreißende Musik, die imaginäre Berg- und Talfahrten sowie Sprints im Sitzen und Stehen untermalt, zu außergewöhnlichen Anstrengungen verleiten. Neben dem fehlenden Körpergefühl haben viele Ausdauersportler aber auch falsche Vorstellungen über den günstigsten Trainingsbe­reich. Außerdem erfordert schon die Konstruktion des Trainingsrads eine ständige Aktivität: Die Pedale und der Kettenantrieb sind starr mit einem mindestens 15 Kilogramm schweren Schwungrad verbunden, das perma­nentes Pedalieren erzwingt.

Wer den Radkurs als Gesundheitstraining versteht, sollte lieber die Intensität reduzieren, rät Professor Klaus Völker, Direktor des Instituts für Sportmedizin des Universitätsklinikums Münster und Leiter der dortigen Studie. „Die positiven gesundheitlichen Auswirkungen, die Ausdauersport, also auch Spinning, auf das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel und das Immunsystem hat, entstehen bei aerobem Training“, so Professor Völker. Das bedeutet, dass der Sauerstoffbedarf während der sportlichen Aktivität über die Atmung gedeckt wird. Der entsprechende Trainingsbereich lässt sich individuell mit Herzfrequenz- und Laktatmessungen ermitteln (siehe „Trainingsintensität“). „Bei hoher Trainingsintensität bleiben die positiven gesundheitlichen Effekte irgendwann aus und sind bei sehr hoher Inten­sität sogar negativ, beeinträchtigen zum Beispiel das Immunsystem.“

Tipps für jedes Trainingsziel

Die Belastung sollte beim Training mit einer Pulsuhr kontrolliert werden. Sie hängt vom Trainingsziel ab. Professor Klaus Völker gibt einige Tipps zur Orientierung:

  • Fitness: Wenn es um Leistungssteigerung und Verbesserung der Fitness geht, kann man – im kalkulierbaren Rahmen – auch mit höherer Intensität trainieren. So lässt sich die Herz-Kreislauf-Leistung steigern.
  • Gesundheit: Sind Gesundheitstraining und Verminderung von Krankeitsrisiken das Ziel, ist eine höhere Intensität wenig sinnvoll. Belastungsspitzen meiden.
  • Gewichtsreduktion: Hierbei sind Fettverbrennung und Kalorienverbrauch von Bedeutung. Um ausreichend Kalorien zu verbrennen, sollte ein gewisses Maß an Intensität vorgegeben sein – auch wenn der prozentuale Anteil der Fettverbrennung dann geringer ist als bei niedriger Trainingsintensität.
  • Bewegungsausgleich: Wer etwas gegen einseitige Belastungen in einem bewegungsarmen Alltag tun will, sollte eher im ruhigen Bereich bleiben.
  • Entspannung: Wer besonders intensiv in die Pedale tritt, kann vielleicht besonders gut abschalten und fühlt sich hinterher besser als vorher. Aber für den Körper ist ein solch intensives Training, das eine Stunde oder länger dauert, nicht gut und nicht empfehlenswert.

Wer sich an seiner individuellen Leistungsfähigkeit orientiert und bei erhöhten Pulswerten langsamer pedaliert oder den Widerstand am Rad reduziert, erhöht den gesundheitlichen Nutzen und den Trainingseffekt, ohne den Spaß und das Gruppenerlebnis zu mindern.

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