Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Über einzelne Zugverspätungen informiert die Deutsche Bahn Kunden besser denn je. Die Bilanz jedoch hält der Konzern geheim. Wir haben über 1 Million Zugankünfte ausgewertet.

Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Die Bahn bremst, kommt zum Stehen, rollt wieder lang­sam an. Irgend­wann ertönt die Durch­sage „Unser Zug hat jetzt eine Verspätung von 7 Minuten“. Schlag­artig ist es für viele Fahr­gäste dann vorbei mit der eigentlich so angenehmen Bahnreise. Entspannte Blicke aus dem Fenster verwandeln sich in nervöses Starren auf die Uhr: Bekomme ich noch den Anschluss­zug oder muss ich am Umstei­gebahnhof lange auf den nächsten warten?

Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Die Sorge ist berechtigt. Schon bei unserer letzten Unter­suchung zu Verspätungen im Bahn­verkehr (siehe „Wie pünktlich fahren Züge wirklich?“ aus test 02/2008) hatten wir fest­gestellt, dass etwa jeder vierte ausgebremste Fahr­gast – bei knappen Umsteige­zeiten bis 15 Minuten – seinen Anschluss verpasst. Die aktuellen Über­prüfungen zeigen, dass sich die Chancen nicht verbessert haben. Im Gegen­teil: Vor allem Regional­verkehrs­züge verpassten die Tester im Vergleich zu den Fernzügen oft.

Anschluss in Gefahr

Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Dass die Einhaltung des Fahr­plans oft Vorrang vor dem Warten auf Anschluss­reisende hat, kann zum Teil auch finanzielle Gründe haben. Der Regional­express (RE) und die Regionalbahn (RB) der Deutschen Bahn (DB) und die Regiozüge anderer Schienen­verkehrs­unternehmen fahren im Auftrag vom Verkehrs­verbund und von anderen Bestel­lern. Sind sie unpünkt­lich, sehen die Verträge oft Strafzah­lungen vor. Anders ist die Situation im Fern­verkehr, den die DB in Eigen­regie betreibt. Hier drohen bei Verspätungen ab 60 Minuten Entschädigungs­zahlungen an die Fahr­gäste. Das ist möglicher­weise einer der Gründe, warum ICE, IC und andere Fernzüge häufiger auf Anschluss­reisende warten als die Regiozüge. Bahn­kunden, die in verspäteten Zügen sitzen und einen anderen Zug erreichen müssen, sollten in jedem Fall den Zugbegleiter informieren (siehe Tipps).

Ärgerliche Geheim­nistuerei

Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Ärgerlich ist die Geheim­niskrämerei des staats­eigenen DB-Konzerns. Statistiken über die Verspätungen erhebt die Deutsche Bahn zwar, sie sollen aber nicht an die Öffent­lich­keit gelangen. Selbst das Bundes­verkehrs­ministerium wird offen­bar im Unklaren gelassen: So enthielt dessen Winterbe­richt die irreführende Formulierung, dass die Pünkt­lich­keit im Fern­verkehr „tage­weise unter 70 Prozent“ gesunken sei. Tatsäch­lich lag sie nicht tage­weise, sondern an jedem Dezembertag deutlich unter dieser Marke (siehe Infografik).

1 347 106 Zugankünfte im Blick

Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Diesen Wider­spruch konnten wir aufdecken, weil wir die Zugverspätungen seit 1. Juli 2010 kontrolliert haben. Stich­probenhaft auf den Bahn­steigen, vor allem aber per Computer: Im Minutentakt erfassten wir die aktuellen Informationen der Deutschen Bahn über Zugverspätungen auf ihren Internet­seiten. Kunden finden dort Prognosen über voraus­sicht­liche Ankunfts- und Abfahrts­zeiten und die Gründe von Zugverspätungen. Nachdem ein Zug einen Bahnhof erreicht hat, verschwindet er auf dessen Ankunfts-Website. Unsere stich­probenhaften Recherchen auf Bahnhöfen zeigen: In den allermeisten Fällen funk­tioniert das auch recht zuver­lässig.

Mit Computer­hilfe haben wir seit Juli 2010 insgesamt 1 347 106 Zugankünfte auf den DB-Internet­seiten ausgewertet. Hier die wichtigsten Erkennt­nisse:

Pünkt­lich­keit der Bahn Test

Anfäl­lige Lang­läufer. Je weiter die Züge fahren, desto höher das Verspätungs­risiko. Die Chance, dass ein Lokführer eine Verspätung aufholen kann, ist auf den stark befahrenen Stre­cken gering. Im Gegen­teil: Verspätete ICE werden durch lang­samere Güter- oder Regiozüge oft zusätzlich ausgebremst. Über­holgleise gibt es viel zu selten.

Über­lastete Knoten. Beliebte Haupt­bahnhöfe sind besonders betroffen. Für die zahlreichen Reisenden und Züge stehen nur relativ wenige Bahn­steige zur Verfügung. Und es gibt Engpässe auf Zulaufs­trecken und in Einfahr­bereichen: Auf den Weichen­feldern hat ein Zug oft nur ein enges Zeit­fenster, um sich ins Bahn­steiggleis einzufädeln. Bei einer Störung gerät der engmaschige Fahr­plan schnell durch­einander – mit Auswirkungen auf andere Züge.

Gestörte Technik. Von der Bahn genannte Gründe für Zugverspätungen (etwa „Signalstörung“ oder „Weichen­störung“) weisen häufig auf tech­nische Mängel hin. Auch mit den Zügen gibt es immer wieder Probleme. Im Dezember verordneten die DB-Manager ihrer sensiblen ICE-Flotte sogar ein vorsorgliches Tempolimit.

Tipp: Nutzen Sie die „Ist mein Zug pünkt­lich?“-Infos unter www.bahn.de. Suchen Sie dort gezielt nach Ihrem Bahnhof. Sie können die Infos auch per Handy abrufen. „Die App für Ihr Handy“ des DB-Navigators bringt Sie oft auf den gleichen Informations­stand wie die Bahn­mit­arbeiter.

Die Auskünfte sind allerdings lückenhaft. Obwohl die Technik der DB-Netz AG sämtliche Züge erfassen kann, informiert die DB-Website nur über die konzern­eigenen Bahnen. Nützliche Infos über andere Verkehrs­unternehmen gehen so für die Kunden verloren. Das ist unbe­friedigend.

test-Kommentar: Auf die Minute pünkt­lich? Das schaffen Sie mit der Bahn besser als mit jedem anderen Verkehrs­mittel. Es gibt aber großen Optimierungs­bedarf. Das Schienennetz braucht dringend mehr Geld. Die bessere Pünkt­lich­keit in Freiburg ist einrichtungs­weisendes Signal: Hier trafen häufig pünkt­liche Züge aus der Schweiz ein. Die Eidgenossen hatten per Volks­abstimmung für den Ausbau ihres Bahnnetzes gestimmt. Nun profitieren die Reisenden von dieser Weichen­stellung.

Dieser Artikel ist hilfreich. 702 Nutzer finden das hilfreich.