Gesetzlich versicherte Patienten finden oft keinen Psycho­therapeuten mit Kassen­zulassung. Dann dürfen sie zu einem privaten Therapeuten gehen.

Psycho­therapie für Kassenpatienten Special

Psycho­therapeutin Jutta Eva Arnold hat keine Kassen­zulassung. Doch die Hälfte ihrer Patienten sind gesetzlich versichert. Die Kassen bezahlen.

Mehr als zwölf Wochen vergehen im Durch­schnitt, bis gesetzlich versicherte Patienten eine Psycho­therapie beginnen können. Auf dem Land kann es noch viel länger dauern als in der Stadt, stellte die Bundes­psychotherapeutenkammer im Jahr 2011 fest. Sie hat 9 000 Therapeuten befragt.

Sylvia Huber* fragte fünf Psychiater und Psycho­logen nach einem Therapie­platz. Die Antwort war immer die gleiche: Die Praxis ist voll, neue Patienten werden nicht aufgenommen. Huber wohnt im Ruhr­gebiet, in Nord­rhein-West­falen. Dieses Bundes­land ist besonders schlecht versorgt.

Über Bekannte wusste Huber von einer Privatpraxis. Die Therapeutin bot ihr sofort einen Behand­lungs­platz an, hat aber keine Kassen­zulassung. Huber beantragte bei ihrer Krankenkasse, der Knapp­schaft, dass diese ihr die Behand­lung bei der Privattherapeutin bezahlt. Auf die Kosten­erstattung haben gesetzlich Versicherte ein Recht, wenn sie anders keinen Therapie­platz finden. Wie die meisten Krankenkassen verlangte die Knapp­schaft einen formlosen Antrag und einige Nach­weise.

Huber musste eine Bescheinigung von einem Mediziner vorlegen, dass ihre Behand­lung nicht weiter aufgeschoben werden kann. Dafür ging sie zum Neurologen.

Sie musste nach­weisen, dass sie vergeblich versucht hatte, einen Termin bei einem Kassen­therapeuten zu erhalten und notierte deshalb, welche Therapeuten ihr wann abge­sagt hatten. Außerdem verlangte die Knapp­schaft eine schriftliche Zusage der Privattherapeutin, dass sie die Behand­lung über­nehmen will und die staatliche Prüfung in einem zugelassenen Therapie­verfahren abge­legt hat.

Huber hatte Erfolg: Die Kasse bewil­ligte ihren Antrag und über­nahm die Kosten. Das geschieht immer häufiger. Die Kassen geben inzwischen jedes Jahr mehr für Therapien bei privaten Psycho­therapeuten aus. Seit 2005 hat sich die Summe verdreifacht.

Die Kosten­erstattung für Privattherapeuten gleicht einen Mangel aus. An Psycho­therapeuten fehlt es nicht, aber an Kassenlizenzen. Jedes Jahr schließen knapp 1 500 Psycho­logen die staatliche Therapeuten­ausbildung erfolg­reich ab und zusätzlich viele Mediziner. Doch nur wenige erhalten die Lizenz, ihre Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abzu­rechen.

Zu viele Patienten, zu wenig Lizenzen

Psycho­therapie für Kassenpatienten Special

Die Zahl der Zulassungen wurde im Jahr 1999 vom Gesetz­geber beschränkt und seither nicht verändert. Der Gemein­same Bundes­ausschuss von Ärzten, Psycho­therapeuten und Krankenkassen legte damals fest, dass in Städten 38,8 Psycho­therapeuten pro 100 000 Einwohner den Bedarf decken, in ländlichen Regionen sogar nur 4,3.

Schnell war klar: Der Bedarf ist höher, die Plätze der Therapeuten mit Kassen­zulassung reichen nicht aus. Mehr Kassenlizenzen als geplant wurden heraus­gegeben. Deshalb sollen ab Januar 2013 Kassenpraxen abge­baut werden. „Tatsäch­lich findet aber kaum ein kranker Mensch recht­zeitig einen Psycho­therapeuten“, sagt Rainer Richter, Präsident der Bundes­psychotherapeutenkammer.

Auch Sylvia Huber brauchte dringend eine Psycho­therapie und hat sie bekommen. Doch vom Beginn der Suche bis zum ersten Termin verging ein Drei­viertel­jahr.

Die 50-Jährige war nach mehreren Herz-Operationen binnen weniger Monate gesundheitlich plötzlich stark einge­schränkt. Früher konnte sie in ihrem Garten arbeiten und ihre Wohn­räume selbst reno­vieren. So etwas ist nun undenk­bar – für Huber ein Schlag, den sie nicht verkraftete.

Trotzdem kümmerte sie sich allein um alle Unterlagen für den Antrag auf Kosten­erstattung. Viele schaffen das nicht, sagt Richter. „Wegen ihrer Krankheit verkraften sie es nicht, zig Therapeuten anzu­rufen und die Absagen hinzunehmen.“

Helfen können dann Angehörige, Freunde und Bekannte. Auch Erika Franke* bekam Unterstüt­zung. Frankes Mann und der Sozial­verband, in dem sie Mitglied ist, halfen ihr bei dem Antrag, als sie sich nach erfolg­loser Suche für eine Therapeutin ohne Kassen­zulassung entschied.

Als Kind war Franke monate­lang von einem Nach­barn miss­braucht worden. Vor zwei­einhalb Jahren kamen Erinnerungen wieder in ihr Bewusst­sein. Seither plagen die 58-Jährige Depressionen. Acht Therapeutinnen mit Kassenlizenz und Spezialisierung auf Traumapatienten sagten ihr ab. Sie hatten Warte­zeiten bis zu zwei Jahren.

Wider­spruch hilft oft

Inzwischen sind seit Beginn der Suche auch fast zwei Jahre vergangen. Frankes Krankenkasse, die Techniker Krankenkasse (TK), hat schließ­lich fünf Probesit­zungen bei einer privaten Trauma­therapeutin genehmigt – aber erst im zweiten Anlauf. Zunächst hatte die Kasse den Antrag abge­lehnt. Franke legte Wider­spruch ein und bekam recht.

Ein typischer Fall: „70 bis 80 Prozent meiner Patienten erhalten erst­mal eine Absage von ihrer Krankenkasse“, berichtet Jutta Eva Arnold, Psycho­therapeutin in einer Privatpraxis in Gelsenkirchen.

Die Hälfte von Arnolds Patienten sind gesetzlich Versicherte. Auch Erika Franke ist jetzt bei ihr in Behand­lung. Doch mehr als die fünf Probetermine will ihre Kasse trotz schriftlicher Zusage nicht über­nehmen. Franke klagt nun gegen die Techniker.

Finanztest fragte bei der Kasse an, nach welchen Kriterien sie die Kosten erstattet. Die Techniker gab keine Antwort.

„Frankes Situation ist nicht ungewöhnlich“, sagt Therapeutin Arnold, „auch andere Kassenpatienten von mir haben zunächst probatorische Sitzungen genehmigt bekommen und wurden dann von ihrer Kasse hängengelassen.“

Arnold rät, zäh zu bleiben: „Nur jeder Zehnte legt Wider­spruch gegen einen abge­lehnten Antrag ein. Dabei ist der bei vielen erfolg­reich.“ Nach dem Wider­spruch bewil­ligen die Kassen zwar oft weniger Sitzungen als nötig. Arnold weiß aber aus Erfahrung: „Hat die Behand­lung erst begonnen, ist es kaum eine Hürde, diese zu verlängern.“

*Namen von der Redak­tion geändert.

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