Psycho­therapie Wie Sie schneller Hilfe bekommen

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Psycho­therapie - Wie Sie schneller Hilfe bekommen
Probleme entwirren. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen für Verhaltens­therapie, Tiefen­psychologisch fundierte und Analytische Psycho­therapie sowie Systemische Therapie. © Getty Images / Olga Kurbatowa

Eine Video­behand­lung spart Zeit und Wege, Sprech­stunden gibt es kurz­fristig. Was Sie beim Antrag auf einen Therapie­platz beachten sollten.

Die Nach­frage nach Psycho­therapien stieg im Zuge der Corona-Pandemie massiv an. Diese Zeit hat vielen Menschen nicht nur körperlich zu schaffen gemacht, sondern vor allem psychisch. Einsamkeit, Angst vor Anste­ckung oder finanzielle Sorgen: Das hinterlässt Spuren. Haben Psycho­therapeutinnen und -therapeuten vor Beginn der Lock­downs bundes­weit im Schnitt pro Woche knapp fünf Anfragen erhalten, waren es im Januar 2021 mit fast sieben Anfragen 40 Prozent mehr. Das ergab eine Erhebung der Deutschen Psycho­therapeuten­ver­einigung. Kinder- und Jugend­psychotherapeuten verzeichneten sogar 60 Prozent mehr Gesuche.

Unser Rat

Kosten­erstattung.
Finden Sie zeit­nah keinen Therapie­platz in Ihrer Region, steht Ihnen eine private Alternative gesetzlich zu. Fragen Sie Ihre Krankenkasse, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit diese die Kosten für einen Therapeuten ohne Kassen­zulassung trägt. Halten Sie sich daran. Wird der Antrag auf Kostenerstattung abge­lehnt, lohnt ein Wider­spruch. Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung gibt es unter: test.de/widerspruch-kk
In der Gruppe.
Kassen bezahlen auch Gruppen­therapien. Daran nehmen drei bis neun Patienten teil. Die Therapieform gilt als genauso wirk­sam wie eine Einzel­therapie, etwa bei Angst- und Zwangs­erkrankungen. Nach­fragen lohnt: Oft ist in einer Gruppe eher ein Platz frei als für eine Einzel­therapie.
Virtuelle Hilfen.
Psycho­therapeuten können digitale Gesund­heits­anwendungen verschreiben wie Apps bei Angst­störungen oder Online­programme gegen Depressionen. Sie ersetzen keine Therapie, können aber als Über­brückung von Warte­zeiten dienen oder als begleitende Ergän­zung einer Behand­lung. Infos: test.de/apps-angststoerung
Familie einbinden.
Die Suche nach einem Therapeuten und lange Warte­zeiten zehren am wackeligen Seelengerüst. Bitten Sie Verwandte oder Freunde um Unterstüt­zung und Beistand in der Zeit.

Sechs Wochen bis zum Erst­gespräch

Der Zugang zu einem ersten Gespräch mit einer Psycho­therapeutin oder einem Psycho­therapeuten ist einfacher geworden. Seit April 2017 bieten alle Psycho­therapie-Praxen, die mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen dürfen, eine wöchentliche Sprech­stunde an. Statt zwölf­einhalb Wochen warten Hilfe­suchende so im Schnitt nur noch knapp sechs Wochen auf ein erstes Gespräch. Gesetzlich Versicherte können sich für einen Sprech­stunden­termin direkt an eine Praxis wenden oder die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen um Vermitt­lung eines Termins in ihrer Region bitten.

Schneller wissen, was zu tun ist

In der Sprech­stunde können Versicherte abklären lassen, ob und welche weiterführende Hilfe sie benötigen. Sie umfasst drei bis sechs Sitzungen, maximal aber 150 Minuten.

„Die Sprech­stunde hat eine Filter­funk­tion“, sagt Psycho­therapeutin Barbara Lubisch, stell­vertretende Bundes­vorsitzende der Deutschen Psycho­therapeuten­ver­einigung (DPtV). Sie diene einer ersten, zeit­nahen Beur­teilung, was nötig ist zu tun. So könne Patienten relativ schnell weitergeholfen werden. „Manchen Menschen genügen schon die wenigen Sprech­stunden­gespräche, um sich entlastet zu fühlen und Probleme zu klären“, berichtet sie aus eigener Praxis.

Psycho­therapeuten können zudem den Kontakt zu speziellen Anlauf­stellen vermitteln, etwa zu:

  • Familien- oder Sucht­beratungs­stellen,
  • Schuldnerberatung,
  • Fach­arzt für Psychiatrie oder Neurologie,
  • Selbst­hilfe­gruppen.

Akute Hilfe oder lang­fristige Therapie

Bei etwa jeder fünften Person, die in der Sprech­stunde Hilfe sucht, ist die psychische Last allerdings so groß, dass eine psycho­therapeutische Akutbe­hand­lung notwendig ist. Das ist der Fall, wenn sich die Erkrankung ohne eine sofortige Maßnahme verschlimmern oder chro­nisch werden würde und wenn sonst eine Arbeits­unfähigkeit oder ein Kranken­haus­auf­enthalt droht. Die Akutbe­hand­lung umfasst maximal 600 Minuten, also zum Beispiel zwölf Sitzungen mit je 50 Minuten. Sie muss nicht bei den Krankenkassen beantragt werden und kann direkt an die Sprech­stunde anschließen. Eine Psycho­therapie ersetzt sie nicht, sie soll die Betroffenen zunächst stabilisieren.

Etwa die Hälfte aller Hilfe­suchenden beantragt nach der Sprech­stunde eine umfassende Psycho­therapie.

Das Warten bleibt unver­ändert

Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psychotherapeutenkammer (BPtK) sagt: „Die Sprech­stunde hat sich als sinn­volle Ergän­zung der bisherigen Richt­linien-Behand­lung bewährt und wird gut angenommen.“ Aber: „Das drängendste Problem besteht weiter. Die meisten Therapeuten haben keine Kapazitäten, um im Anschluss an eine Sprech­stunde eine Psycho­therapie anzu­bieten.“ Erhebungen der Therapeuten­verbände BPtK und DPtV sowie von Universitäten beziffern seit Jahren unisono das Ausmaß: Die Warte­zeiten liegen bundes­weit bei durch­schnitt­lich 19 Wochen, also fast fünf Monaten. Mancher­orts dauert es noch länger.

Es kann sein, dass im Rahmen der Sprech­stunde klar wird, dass eine Psycho­therapie oder gar eine Akutbe­hand­lung notwendig wäre, aber der Therapeut selbst keinen Platz dafür frei hat. Versicherte müssen sich dann erneut auf die Suche nach einer Praxis begeben, die Kapazitäten für sie hat.

Kassen verwehren Kosten­erstattung

Können Krankenkassen eine unaufschieb­bare Leistung nicht recht­zeitig erbringen, steht gesetzlich Versicherten eine Ausweich­option zur Verfügung. Sie dürfen sich die Kosten für eine Psycho­therapie bei einem Therapeuten ohne Kassen­zulassung erstatten lassen. „Die Kassen hand­haben die Kosten­erstattung allerdings immer rigider“, kritisiert Lubisch von der DPtV. Nahezu jeder zweite Antrag werde abge­lehnt, ergab eine Erhebung ihres Verbands. Dieser befragte mehr als 500 Psycho­therapeuten ohne Kassen­zulassung, die versuchen, gesetzlich Versicherten eine Therapie über eine Kosten­erstattung zu ermöglichen. Als Ablehnungs­gründe erhielten Versicherte oft falsche Auskünfte: Eine Kosten­erstattung sei nicht mehr erlaubt, hieß es in 60 Prozent der abge­lehnten Anträge.

Auch Petra Heinevetter von der Unabhängigen Patientenberatung Deutsch­land (UPD) und ihren Kollegen begegnet das Thema oft. „Wenn jemand eine Psycho­therapie aufsucht, hat er doch schon genug Leid, und dann werden ihm noch mehr Steine in den Weg gelegt“, kritisiert sie. Die Beraterin für Sozial­versicherungs­recht bei der UPD empfiehlt Menschen, die eine Psycho­therapie mit Kosten­erstattung beginnen wollen, strukturiert vorzugehen und jede Anfrage bei Therapeuten zu dokumentieren. Dies sei die Basis für den Antrag auf Kosten­erstattung.

Psycho­therapie via Video­konferenz

In einem Punkt brachte die Pandemie eine positive Veränderung: die Video­behand­lung. Tatsäch­lich nutzte ein Groß­teil der Psycho­therapeuten während der Corona-Zeit Video­schalten für Therapiesit­zungen. „Seit April 2022 dürfen sie den digitalen Weg regulär für 30 Prozent aller Behand­lungen nutzen. Auf diese Weise ist Psycho­therapie nun auch für Menschen zugäng­lich, die nicht mobil sind, wie bett­lägerige Menschen, oder für Berufs­tätige, die viel auf Dienst­reisen sind“, sagt Barbara Lubisch. Die Warte­zeiten verkürzt hat dieser Fort­schritt jedoch nicht.

Tipp: Lesen Sie mehr zum Thema im Interview.

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Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

Profilbild Stiftung_Warentest am 19.09.2022 um 16:21 Uhr
Psychotherapie verschwiegen

@alle: Unsere Berichterstattung zum Problem des Rechts auf eine Leistungsverweigerung seitens des Versicherers, wenn Antragsstellende die Gesundheitsfragen absichtlich oder versehentlich falsch beantwortet haben, finden Sie unter dem folgenden Link:
www.test.de/Versicherungsantrag-Mit-Gesundheitsfragen-optimal-umgehen-4648167-0

Die Stiftung Warentest rät, die Gesundheitsfragen sorgfältig und wahrheitsgemäß auszufüllen. Die Versicherten können nicht davon ausgehen, dass ein Versicherer im Leistungsfall auf keinen Fall etwas über eine verschwiegene Behandlung / Erkrankung erfährt. Versicherte riskieren mit einer Falschauskunft ihren Schutz, was z.B. beim Eintritt einer Berufsunfähigkeit sehr gravierende Folgen haben kann.

LernerMP am 15.09.2022 um 22:24 Uhr
Fatale Folgen von Psychotherapie verschwiegen

Ich wünsche jedem, dass er schnelle Hilfe für die Seele findet, seine Probleme löst und beruflich mit seinem Leben durchstarten kann. Wer aber dann einen Kredit für den Kauf einer (Arzt-)Praxis oder für eine andere Existenzgründung aufnehmen will, bekommt massive Probleme. Für einen solchen Kredit verlangt die Bank zur Absicherung immer den Abschluss einer Lebensversicherung. Oft ist zur Absicherung auch noch eine Berufsunfähigkeits- oder eine Krankentagegeldversicherung nötig oder sinnvoll. Diese Versicherungen kann man nach einer Psychotherapie nur mit sehr schwer finanzierbaren Risikoaufschlägen oder gar nicht mehr abschließen. Denn in der vorgeschalteten Gesundheitsprüfung wird von jeder Versicherung gefragt: „Haben Sie (in den letzten 5 Jahren) eine Psychotherapie gemacht?“ Auch vor einer Verbeamtung steht eine solche Gesundheitsprüfung. Das alles wurde verschwiegen, mein Leserbrief nicht gedruckt. Weitere Infos unter https://www.meg-frankfurt.de/fuer-klientencoachees/

Bummibaer2 am 29.08.2022 um 11:14 Uhr
Anwort Wendelinchen

Hallo,
die Seiten haben kein Impressum, und bei der ersten Suche keine Referenzen.
Bitte mal überprüfen.
Zeitschrift PSYCHOTHERAPIE : Was ist das?

wneusch am 18.08.2022 um 09:31 Uhr
Sanfte Alternativen sind besser

Viele Leute brauchen einfach einen Ansprechpartner und nicht die psychiatrische Chemiekeule, die auf Dauer ohnehin nichts bringt.
Sprechstunden und Videokonferenz sind hier brauchbare Optionen.

Wendelinchen am 16.08.2022 um 06:17 Uhr
Psychotherapie-Innovationen durch die Pandemie

Richtig wird festgestellt, dass "die Pandemie eine positive Veränderung" brachte. Dies war jedoch nicht nur die Video­behand­lung, denn die gab es auch schon vorher. Die echte Psychotherapie-Innovation war die TOP-Verhaltenstherapie, die von der Zeitschrift PSYCHOTHERAPIE (https://psychotherapie.de) als "Beste Psychotherapie 2022" bezeichnet wird. Das Erstaunliche an dieser Psychotherapie ist, dass es sie nach Aussage der Zeitschrift noch ohne Wartezeiten gibt. Das liegt aber wohl daran, dass die TOP-Verhaltenstherapie nicht video-basiert, sondern text-basiert ist. "Tatsäch­lich nutzte ein Groß­teil der Psycho­therapeuten während der Corona-Zeit Video­schalten für Therapiesit­zungen", schreibt test.de. Das ist natürlich einfacher, denn wer mag heute noch schreiben, wo selbst Autoren, die früher Bücher schrieben, auf Youtube-Videos umsteigen. Erstaunlich, dass den Autoren von test.de diese Entwicklung der Krisen- bzw. Pandemie-Psychotherapie unbekannt geblieben ist.