Psycho­therapie Special

Gesetzlich Kranken­versicherte finden jetzt schneller erste Hilfe. Seit April 2017 sollen neue Rege­lungen den Weg zum Psycho­therapeuten erleichtern. Die größten Neuerungen der Reform: Eine psycho­therapeutische Sprech­stunde und eine Akutbe­hand­lung. Auf eine längere Behand­lung müssen Patienten allerdings weiter warten. test.de erklärt, welche Ansprüche Versicherte haben.

Lange Warte­zeiten

Psycho­therapie ist kein Tabu mehr. Wer psychische Probleme hat, geht heute eher zum Psycho­therapeuten als vor einigen Jahren. Tatsäch­lich ist mehr als jeder Vierte inner­halb eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen. Mehr Menschen als früher sind das nicht, aber die seelische Last wird eher erkannt – und behandelt. Die Zahl derer, die Hilfe bei Psycho­therapeuten sucht, steigt. Im Jahr 2015 waren mehr als 1,65 Millionen Menschen bei nieder­gelassenen Psycho­therapeuten in Behand­lung, zeigt eine Erhebung des Spitzen­verbandes der gesetzlichen Kranken­versicherungen. 2011 waren es knapp 250 000 Versicherte weniger. Medienbe­richte über wochen­lange, gar monate­lange Warte­zeiten bei Psycho­therapeuten häuften sich in der Vergangenheit. Jetzt wurde das Versorgungs­system der gesetzlichen Kassen über­arbeitet.

Schneller zum ersten Gespräch

Psycho­therapeuten, die mit der Krankenkasse abrechnen dürfen, bieten seit April 2017 wöchentlich eine Sprech­stunde an, die allen gesetzlich Versicherten offen steht. Bislang mussten Patienten mehrere Wochen warten, um über­haupt ein erstes Gespräch mit einem Psycho­therapeuten führen zu können. Sie benötigten zudem eine Über­weisung vom Haus­arzt.

Therapeuten müssen telefo­nisch erreich­bar sein

Nun können sie ohne diesen Umweg direkt und kostenfrei zum Therapeuten gehen. Sie brauchen nur ihre Versichertenkarte und müssen in der Regel einen Termin vereinbaren. Auch das ist nun einfacher: Psycho­therapeuten müssen nun mehr als drei Stunden pro Woche telefo­nisch erreich­bar sein.

Termin­service­stellen helfen bei der Therapeuten­suche

Zusätzlich sind die Termin­service­stellen der Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen in den Bundes­ländern verpflichtet, bei der Suche nach einem Therapeuten zu helfen. Sie vermitteln Termine für die Sprech­stunde. Länger als vier Wochen sollen Patienten nicht auf einen Termin warten. Der Haken: Sie können sich auf diesem Weg weder den Therapeuten noch die Therapie­richtung oder die Lage der Praxis aussuchen.

In der Sprech­stunde Weichen stellen

Psycho­therapie Special

Ein Sprech­stunden­termin dauert regulär 25 Minuten. Sechs solcher Termine können Versicherte pro Therapeut wahr­nehmen, Kinder und Jugend­liche bis zu zehn. Die Sprech­stunde ist keine Therapie, kann aber den Weg dorthin ebnen. Sie ist ab April 2018 Voraus­setzung dafür, dass Versicherten eine Psycho­therapie oder Akutbe­hand­lung erhalten.

Manchmal reicht eine Beratung

In den ersten Gesprächen geht es darum, zu prüfen, was den Patienten belastet und wie schwer die Beschwerden sind. Je nachdem, kann der Behandler Empfehlungen aussprechen. „In der Sprech­stunde wird geklärt, wer eine ambulante Psycho­therapie oder stationäre Versorgung benötigt, oder ob vielleicht ein Termin bei der Schuldnerberatung ausreicht“, sagt Janka Hegemeister, Pressereferentin des Spitzen­verbandes der gesetzlichen Krankenkassen. Dieses neue Angebot sei eine Art Weichen­stellung. Denn: Nicht jeder, der die Hilfe eines Psycho­therapeuten sucht, braucht eine umfassende Psycho­therapie. Mitunter ist das Problem nach den wenigen Sitzungen gelöst.

Psycho­therapeuten sollen Empfehlungen protokollieren

Bei anderen Patienten ist gar keine Psycho­therapie nötig, wohl aber die Unterstüt­zung durch andere Fach­angebote wie Familien- oder Sucht­beratung, ein psycho­logisches Training oder eine Selbst­hilfegruppe. Psycho­therapeuten sollen neuerdings ausdrück­lich auf solche anderen Hilfen verweisen, um Patienten seelisch zu entlasten. Die meisten dieser Hilfen sind kostenlos oder werden von den Kassen bezu­schusst. Der Psycho­therapeut kann Patienten beraten und Kontakte vermitteln. Das Ergebnis der Sprech­stunde und ihre Empfehlungen müssen Psycho­therapeuten künftig in einem Informations­schreiben für die Patienten fest­halten und nach der Sitzung aushändigen.

Zweitmeinung einholen

Versicherte können im Rahmen der Sprech­stunde den Therapeuten wechseln oder auch eine Zweitmeinung bei einem weiteren Therapeuten einholen.

Unser Rat

Sprech­stunde. Wenn Sie sich seelisch belastet fühlen, nutzen Sie die neue Sprech­stunde von Psycho­therapeuten früh­zeitig. Das kann einer Verschlimmerung Ihrer Beschwerden vorbeugen. Nicht immer ist eine Psycho­therapie nötig.

Termin. DieTermin­service­stellen der Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen sind eine Hilfe für alle, denen Geschlecht, Therapie­richtung oder Adresse des Therapeuten nicht wichtig sind. Haben Sie Wünsche, müssen Sie selbst suchen. Dabei können die Onlinesuch­hilfen der Bundespsychotherapeutenkammer sowie der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung nützlich sein.

Ohne Kassen­zulassung. Fragen Sie bei Ihrer gesetzlichen Kasse, welche Anforderungen erfüllt sein müssen, damit sie eine Behand­lung bei einem Psycho­therapeuten ohne Kassen­zulassung bezahlt. Halten Sie sich an die Vorgaben. Wird der Antrag auf Kosten­erstattung dennoch abge­lehnt, lohnt ein Wider­spruch. Nach­zulesen in unserem Special Krankenkasse: Mut zum Widerspruch, test 6/2017.

Sofort­hilfe in schweren Krisen

Den Patienten, die in einer schweren psychischen Krise stecken und schnellst­möglich eine ambulante Betreuung benötigen, können Psycho­therapeuten nun seit Kurzem eine Akutbe­hand­lung anbieten. Ein Meilen­stein: Bislang mussten diese Patienten entweder in Krankenhäusern Hilfe suchen oder abwarten. Nun können ihnen Psycho­therapeuten inner­halb kürzester Zeit bis zu zwölf Therapie­stunden anbieten – ohne Antrag bei der Kasse. In einer Broschüre erklärt die Bundes­psychotherapeutenkammer, dass damit alle eine schnelle psycho­therapeutische Hilfe erhalten, die sonst „möglicher­weise schwerer erkranken würden, nicht mehr arbeiten oder zur Schule gehen könnten oder in ein Kranken­haus einge­wiesen werden müssten“. Offene Akut-Plätze können Versicherte selbst oder über die Termin­service­stellen suchen.

Therapie muss beantragt werden

Einer Sprech­stunde oder Akut­hilfe kann eine umfassende Psycho­therapie folgen. Sie muss weiterhin bei der Kasse beantragt werden, Therapeuten helfen dabei. In zwei bis vier Probestunden, der sogenannten Probatorik, wird die Therapie zunächst einge­leitet.

Kasse zahlt jetzt auch für Sucht­erkrankungen ...

Die Sprech­stunde steht allen offen, für eine Psycho­therapie kommt die Kasse nur auf, wenn eine behand­lungs­bedürftige Störung vorliegt. Dazu zählen Depressionen, Angst­erkrankungen und Essstörungen, seit der Reform auch Psycho­sen, schizophrene Erkrankungen und Sucht. Für die drei Letzt­genannten bezahlte die Kasse vorher nicht.

... aber nicht für Paartherapien

Die gesetzliche Kranken­versicherung zahlt nicht für alle Therapie­richtungen, sondern in der ambulanten Versorgung nur für drei Ansätze: die analytische Psycho­therapie, die tiefen­psychologisch fundierte Psycho­therapie und die Verhaltens­therapie (Worauf vor Therapiebeginn zu achten ist). Nicht bezahlt werden außerdem Paartherapien, Sexual- und Lebens­beratung.

12 bis 300 Therapie­stunden

Wird der Antrag genehmigt, können Versicherte je nach Therapieform und -richtung zwischen 12 und 300 Sitzungen absol­vieren. Eine Sitzung oder Therapie­stunde dauert regulär 50 Minuten. Eine Kurz­zeitbe­hand­lung umfasst bis zu 12 solcher Termine. Für eine Lang­zeit-Verhaltens­therapie genehmigen die Kassen wie für die tiefen­psychologisch fundierte Psycho­therapie bis zu 60, für eine analytische Psycho­therapie bis zu 160 Sitzungen. Für Kinder und Jugend­liche gelten andere Vorgaben: bei der analytischen Psycho­therapie sind es weniger Sitzungen, bei der tiefen­psychologisch fundierten Psycho­therapie mehr, bei der Verhaltens­therapie so viele wie bei erwachsenen Patienten.

Mischung aus Einzel- und Gruppen­terminen möglich

Die Behand­lung findet meist unter vier Augen statt. Es gibt aber auch Gruppen­therapien. Auch eine Mischung aus Einzel- und Gruppen­terminen ist möglich. Davon abhängig variiert die Anzahl der genehmigten Stunden. Auch Angehörige der Erkrankten können zu Einzel­sitzungen einge­laden werden. Bei Erwachsenen kann das ein gemein­sames Gespräch mit dem Ehepartner oder den Kindern sein, bei minderjäh­rigen Patienten mit Eltern, einem Lehrer oder auch dem Jugend­amt.

Verlängerung nur mit Begründung

Alle Therapien können verlängert werden. Die Krankenkassen fordern dafür aber eine ausreichende Begründung. Wird einer Verlängerung statt­gegeben, können Patienten je nach Behand­lungs­form insgesamt bis zu 300 Sitzungen absol­vieren.

Therapeuten­wechsel erlaubt

Patienten haben das Recht, den Therapeuten zu wechseln, nicht nur in der Sprech­stunde und in den Probesit­zungen, sondern auch danach. Läuft die Therapie bereits, ist es sinn­voll, die Kasse früh über den Abbruch oder den Wechsel zu informieren und das Vorgehen zu besprechen.

Therapiebedürftige warten weiterhin

Die Psycho­therapeuten­verbände loben Sprech­stunde und Akutbe­hand­lung als sinn­volle neue Angebote. Doch die Vorsitzende der Deutschen Psycho­therapeuten­ver­einigung, Barbara Lubisch, sieht auch Probleme: „Viele Therapeuten können zwar Patienten zeit­nah in einer Sprech­stunde empfangen, ihnen dann aber bei Bedarf keinen Therapie­platz anbieten, weil sie ausgelastet sind“, beklagt sie. Die Folge: Patienten müssen auch nach der Reform zum Teil Wochen bis Monate auf eine Psycho­therapie warten. Einige Versicherte gingen gar nicht erst zu einem Psycho­therapeuten, wenn dieser dann keinen Behand­lungs­platz frei habe. „Das birgt die Gefahr, dass hier künftig weiter ungenügend versorgt werden könnte“, warnt Lubisch.

„Lange Therapien fallen hinten herunter“

Der Psycho­therapeut Enno Maaß bestätigt das aus seiner Praxis: „Ich kann nun mehr Patienten zumindest für kürzere Zeit sehen. Das ist gut. Aber lange Therapien fallen dabei eher hinten herunter“, sagt er. Wöchentlich bietet Maaß fünf Sprech­stunden an, 23 normale Therapien laufen bereits. Er muss inzwischen behand­lungs­bedürftige Patienten nach der Sprech­stunde wegschi­cken. „Ich hatte bislang zwölf Sprech­stunden-Patienten. Einigen konnte ich noch therapeutische Angebote machen, aber drei habe ich nicht annehmen können. Ich hatte keinen Therapie­platz mehr für sie frei“, berichtet der Ostfriesländer.

Unter­versorgung sorgt für Frust

Der Psycho­loge beklagt eine Unter­versorgung in seiner Region. Manche Patienten seien sehr verzweifelt und kämen in seine Sprech­stunde, auch wenn klar sei, dass er in den kommenden zwölf Monaten keinen Psycho­therapie­platz frei hat. „Die Sprech­stunde ist ihr Notnagel“, sagt er. Der Frust sei groß.

Kosten­erstattung wird erschwert

Eine Möglich­keit, die Warte­zeiten zu umgehen, war bislang der Weg über die sogenannte Kosten­erstattung. Versicherte haben das Recht, unter bestimmten Bedingungen eine Behand­lung bei einem Psycho­therapeuten ohne Kassen­zulassung auf Kassen­kosten zu beginnen. Bislang mussten sie dafür unter anderem vorab einen Nach­weis erbringen, dass mehrere Kassen­therapeuten zeit­nah keine Kapazität haben sowie eine Dringlich­keits­bescheinigung von einem Arzt einreichen.

Beschwerden bei der Unabhängigen Patientenberatung

Offen­bar genügt das nicht mehr. Die Unabhängige Patientenberatung (UPD) berichtet Finanztest, dass sie jetzt häufiger Hilfege­suche von Patienten erhält, deren Anträge auf Kosten­erstattung von den Kassen mit Hinweis auf die neuen Angebote wie Sprech­stunde und Akutbe­hand­lung abge­lehnt werden. Die Patienten werden zumeist an die Termin­service­stellen der Kassen­ärzt­lichen Vereinigung verwiesen, wo sie freie Termine bei Therapeuten mit Zulassung erfragen sollen. Die Service­stellen vermitteln jedoch nur Termine für Sprech­stunde und Akutbe­hand­lung.

Patientenwünsche blieben oft unbe­rück­sichtigt

„Bei beiden liegt keine Leistung vor, die adäquat zur eigentlich beantragten Leistung, also einer Richt­linien-Psycho­therapie, ist“, sagt die juristische Leiterin der UPD, Heike Morris. Eine Sicherheit, dass der vermittelte Behandler im Anschluss an Sprech­stunde oder Akutbe­hand­lung den erhofften Therapie­platz frei hat, sei nicht gegeben. Auch werde bei der kassen­ärzt­lichen Termin­vergabe keine Rück­sicht darauf genommen, ob die Patienten sich bei dem zuge­ordneten Psycho­therapeuten wohl­fühlten, Wünsche blieben unbe­rück­sichtigt.

TK, Barmer und DAK schließen Kosten­über­nahme nicht aus

Ob eine Kosten­erstattung über­haupt noch möglich ist, weiß die Patientenberatung aufgrund der zurzeit unklaren Rechts­lage nicht. Sie rät, bei Ablehnung einer Kosten­erstattung Wider­spruch bei der Kasse einzulegen (siehe Kasten „Unser Rat“). Techniker Krankenkasse, Barmer und DAK schlossen gegen­über Finanztest eine Kosten­über­nahme zumindest derzeit nicht aus, fordern aber in der Regel, dass Versicherte erst die Sprech­stunde nutzen.

Alternative: stationäre Behand­lung

„Sind Warte­zeiten bei nieder­gelassenen Psycho­therapeuten zu lang, bieten sich kaum Alternativen. Hilfe­suchende können sich in besonders schweren Fällen um eine stationäre psycho­therapeutische Behand­lung bemühen“, so der Präsident der Bundes­psychotherapeutenkammer, Dietrich Munz. Doch das wollten viele Patienten nicht.

Psycho­logische Hilfe im Internet

Eine erste Anlauf­stelle können auch die Online­angebote der Krankenkassen sein (Online-Psychotherapie). „Nicht für jeden ist das etwas. In vielen Fällen ist der persönliche Kontakt zum Therapeuten notwendig“, sagt Lubisch von der Psycho­therapeuten­ver­einigung. Kassen wie Verbände sind sich einig: Eine richtige Psycho­therapie ersetzen Online­hilfen nicht.

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