Interview: "Kleiner Patientenkreis"

Das Psychotherapeuten-Gesetz sollte Patienten den Zugang zu einer fachlich qualifizierten Psychotherapie erleichtern. Finanztest fragte den Psychotherapieforscher Prof. Klaus Grawe von der Universität Bern, ob die Erwartungen erfüllt wurden.

Können sich Patienten jetzt überall auf Kassenkosten psychotherapeutisch behandeln lassen?

Grawe: Theoretisch ja. In der Praxis gibt es einen schlimmen Engpass. Einerseits haben nicht alle approbierten Psychologen eine Kassenzulassung bekommen, weil sie die zum Teil willkürlichen Voraussetzungen der Zulassungsausschüsse in den einzelnen Bundesländern nicht erfüllen. Andererseits ist das für die ambulante Psychotherapie vorgesehene Kassenbudget so gering, dass niedergelassene Therapeuten es sich manchmal nicht mehr leisten können, Kassenpatienten anzunehmen. Der Gesamtumfang bezahlter ambulanter Therapien ist seit Jahresbeginn deshalb gesunken. Dafür erhöht sich jetzt die Zahl der Einweisungen in die teure Psychiatrie.

Ist am Gesetz etwas falsch?

Grawe: Richtig sind die fachlichen Voraussetzungen, die Ärzte und Psychologen jetzt erfüllen müssen, um sich Psychotherapeuten nennen zu können. Eine Öffnung zu übergreifenden Therapieformen ist aber notwendig und wird sicherlich auch kommen. Ganz falsch ist, dass das Gesetz ängstlich darauf bedacht ist, den Kreis möglicher Patienten klein zu halten. Das geschieht durch die strenge Budgetierung und das restriktive Zulassungssystem. De facto ist es aber viel billiger, wenn Patienten mit psychischen Störungen eine Psychotherapie früh beginnen und ihre psychosomatischen Erkrankungen nicht stattdessen erst einmal ausgiebig medizinisch behandeln lassen. Schließlich haben 25 Prozent aller Gesundheitsstörungen psychische Ursachen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Grawe: Viele psychische Störungen beginnen mit Angstzuständen, die bei rechtzeitiger Behandlung in 30 Therapiestunden in der überwiegenden Zahl der Fälle beseitigt werden können. Das kostet im Schnitt 4.500 Mark. Bei Nichtbehandlung führen die Angstzustände zu Depressionen, Suizidgefahr oder schweren körperlichen Erkrankungen, die langwierig behandelt werden müssen.

Was ist nachzubessern?

Grawe: : Es dürfte keine Zugangsbeschränkung der Kassen für fachlich qualifizierte, approbierte Psychotherapeuten geben. Der Markt selbst müsste die Auswahl regeln. Vertrauensstellen müssten Patienten regelmäßig über den Erfolg ihrer Therapie befragen. Diejenigen Psychotherapeuten, die objektiv die besseren Therapien machen, müssten finanziell von den Kassen belohnt werden. Im Augenblick werden den zugelassenen Psychotherapeuten, die die geschicktesten Therapieanträge formulieren, von den Kassen die meisten Behandlungen genehmigt.

Welche Therapien sind geeignet?

Grawe: Wissenschaftlich gut begründete Therapieformen arbeiten letztlich mit den gleichen Wirkprinzipien. Deren Zahl ist begrenzt. Jeder Therapeut muss lernen, die Methode einzusetzen, die für den individuellen Fall am besten geeignet ist. Ein Angstpatient sollte verhaltenstherapeutisch behandelt werden, nicht psychoanalytisch. Ein anderer Patient benötigt vielleicht eine Gesprächstherapie, die derzeit überhaupt nicht von den Kassen übernommen wird. Jeder Therapeut sollte verschiedene Therapieformen beherrschen und je nach Bedarf anwenden können. Bisher verhindern wissenschaftlich unhaltbare Richtlinien des Bundesausschusses für Ärzte und Krankenkassen diesen manchmal notwendigen Wechsel zwischen den Methoden. Ich bin überzeugt davon, dass die Richtlinien mittelfristig fallen werden.

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