Seit einem Jahr dürfen sich Kassenpatienten direkt an einen psychologischen Psychotherapeuten wenden. Der Umweg über den Arzt ist nicht mehr nötig.

Das Psychotherapeuten-Gesetz, das am 1. Januar 1999 in Kraft trat, hat einen neuen Berufsstand geschaffen. Es stellt Psychologen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten erstmals ärztlichen Therapeuten gleich. Hat ein Therapeut eine Kassenzulassung, müssen die Kassen jetzt die Therapiekosten eines Patienten übernehmen, sofern sie die Notwendigkeit seiner Behandlung bejahen.

Zwischen so genannten Delegationstherapeuten und Kostenerstattern wird nicht mehr unterschieden. Die Delegationstherapeuten konnten auch bisher schon nach Überweisung durch einen Arzt mit der Kasse abrechnen. Bei den Kostenerstattern zahlten die Patienten bar und erhielten das Geld später von ihrer Kasse zurück, wenn die Kasse den Behandlungsplan durch diesen Therapeuten genehmigte.

Thomas Ballast beim Verband der Angestellten Krankenkassen (VdAK), zuständig für Psychotherapie: "Manche Kassen akzeptierten in diesem System einen bestimmten Psychologen, andere nicht. Die gesetzlich versicherten Patienten wussten oft nicht, woran sie waren." Viele Versicherte bezahlten ihre Therapie auch privat.

Garantierte Qualifikation

Ebenfalls mehr Sicherheit haben Patienten bezüglich der Qualifikation eines Therapeuten. Konnten sie sich bisher nur bei Psychiatern und psychotherapeutisch tätigen Ärzten darauf verlassen, dass deren Zusatzausbildung staatlich geregelt ist, gilt das jetzt auch für psychologische Psychotherapeuten.

Wer sich als Nichtarzt Psychotherapeut nennen will, muss ein abgeschlossenes Psychologiestudium (Kindertherapeuten können auch Pädagogen sein) und eine mindestens drei Jahre umfassende Vollzeitzusatzausbildung an einem anerkannten Ausbildungsinstitut in mindestens einer der drei wissenschaftlich anerkannten Therapien nachweisen: Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder Verhaltenstherapie. Nur dann bekommt er die Approbation. Das ist die Erlaubnis, diesen Beruf auszuüben. Strafbar macht sich, wer sich unberechtigt Psychotherapeut nennt.

Kassenzulassung

Um mit einer Kasse abzurechnen, benötigen Psychotherapeuten neben einer Approbation eine Kassenzulassung. Die Zulassungen erteilen Zulassungsausschüsse der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), bisher reine Standesvertretungen niedergelassener Humanmediziner.

Die Ärztefunktionäre, die sich mit den Psychologen erstmals auch um Vertreter eines anderen Heilberufs kümmern müssen, machten es ihrer Konkurrenz nicht leicht. Mindestens 250 Therapiestunden mussten Antragsteller, die oft jahrelange Erfahrung als Therapeuten vorweisen konnten, innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten zwischen 1994 und 1997 über gesetzliche Krankenkassen abgerechnet haben. Dann bekamen sie im Laufe des Jahres 1999 eine so genannte bedarfsunabhängige Zulassung. Sie ermöglicht es ihnen, weiterhin in ihrer bestehenden Praxis zu arbeiten, unabhängig von der Zahl der in dieser Region niedergelassenen Psychotherapeuten.

Approbierte Psychotherapeuten, die in der genannten Zeit mehr als halbtags fest angestellt waren, hatten oft Schwierigkeiten, die verlangte Stundenzahl bei der Antragstellung vorzuweisen. Andere erfüllten die verlangten fachlichen Voraussetzungen nicht vollständig und bekamen deshalb keine Kassenzulassung. Insgesamt lehnten die Zulassungsausschüsse von rund 19.000 Anträgen mehr als ein Drittel ab. Viele Therapeuten klagen dagegen inzwischen vor den Sozialgerichten. Manchmal geht es dabei auch zunächst nur um eine nicht erteilte Approbation.

Gelegentlich verweigerten die Kassenärztlichen Vereinigungen eine Kassenzulassung auch, weil ein Therapeut, der die sonstigen Voraussetzungen erfüllte, ihrer Ansicht nach wöchentlich zu viele Stunden fest angestellt arbeitete. Gisela Gerstenberg, seit 12 Jahren auf Delegationsbasis tätige Kindertherapeutin aus Berlin-Kladow, bekam die Zulassung so bisher nicht. 19,75 Stunden in der Woche ist sie auch heute noch in einer Beratungsstelle tätig, den Rest der Zeit als einzige niedergelassene analytische Kinder- und Jugendlichentherapeutin in Kladow. Der Zulassungsausschuss erlaubt nur 19,25 Stunden pro Woche in angestellter Tätigkeit. Gisela Gerstenberg: "Es geht also um 30 Minuten." Ihr Fall liegt jetzt vor dem Berufungsausschuss.

Wenig Nachfrage in neuen Ländern

Psychotherapeuten, die ihre Ausbildung erst noch abschließen oder aus anderen Gründen nicht die erforderliche Therapiestundenzahl nachweisen konnten, können nach ihrer Approbation nur noch eine bedarfsabhängige Kassenzulassung bekommen. Ihre Praxis müssen sie dort eröffnen, wo Psychotherapeuten fehlen. Martin Schneider vom Bundesverband der Betriebs- krankenkassen: "Wir haben 412 Planungsbereiche, in denen sich die Zahl der benötigten Therapeuten aus der Bevölkerungsdichte ermisst. In den alten Bundesländern sind fast nur noch Gebiete auf dem Land frei. In den neuen fehlen überall Therapeuten."

In ganz Thüringen, so Schneider weiter, arbeiteten beispielsweise nur etwas über 120 niedergelassene Psychotherapeuten. Das reicht nicht. Zum Vergleich: In Berlin sind es zusammen mit den ärztlichen Therapeuten mittlerweile fast 2.000. "Die Psychotherapie wird in den östlichen Ländern erst langsam gesellschaftsfähig. In DDR-Zeiten wurden psychische Störungen geradezu stigmatisiert", erklärt Martin Schneider.

Mehr als 20.000 Therapeuten

Ambulante Psychotherapie direkt auf Versichertenkarte bieten inzwischen rund 12.000 approbierte Psychologen mit Kassenzulassung und rund 8.400 niedergelassene Psychiater und Ärzte mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation an. Heftigen Streit gibt es derzeit um das durch die Kassen vorgesehene Budget, das offensichtlich hinten und vorne nicht reicht, um die Therapeuten anständig zu bezahlen. In einigen Regionen könnten Psychotherapeuten nach der noch laufen-den Abrechnung für die ersten beiden Quartale 1999 sogar letztlich nur ein Honorar von 43,50 Mark pro Sitzung bekommen.

Dass das zu wenig ist, wissen alle Beteiligten. "116 Mark pro Stunde im Schnitt sind angemessen", sagt Thomas Ballast vom VdAK. Auch Martin Schneider vom BKK-Verband sagt: "Der Honorartopf ist zu klein."

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