Interview: Ängste und Unsicherheit bewältigen

Interview mit Privatdozent Dr. Jochen Jordan, Mitinitiator der Statuskonferenz Psychokardiologie. Er betreut in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Frankfurt/Main Herzpatienten mit Einzel- und Gruppentherapie.


Gelten Ihrer Ansicht nach die klassischen körperlichen Risikofaktoren nicht mehr bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Sie haben ihre Gültigkeit noch immer, wobei das Rauchen und der Bewegungsmangel wahrscheinlich die größte Bedeutung haben. Aber im Grunde sind die meisten klassischen Risikofaktoren natürlich Verhaltensmerkmale, die eine psychologisch erklärbare Grundlage haben. Wichtig ist auch deshalb eine ergänzende psychologische Sicht, denn alle Präventionsprogramme versuchen, die Lebensgewohnheiten zu beeinflussen.

Welche weiteren Risiken tragen zu Herzerkrankungen bei?

Die Patienten selbst nennen oft Stress als Ursache für ihre Erkrankung. Ganz falsch ist das nicht, aber der Stressbegriff ist ja äußerst weit gefasst, und jeder Mensch empfindet in bestimmten Situationen etwas ganz anderes als Stress. Wissenschaftlich betrachtet gilt als Stress unter anderem ein niedriger sozioökonomischer Status. Hierzu zählen unter anderem geringe Schul- und Berufsausbildung und ein geringes Familieneinkommen. Mit diesen Faktoren ist offensichtlich eine insgesamt ungesündere Lebensweise verbunden. Weitere Stressfaktoren sind andauernde berufliche Belastung und Verausgabung mit wenig Erfolgserlebnissen, vitale Erschöpfung, Burn-out, partnerschaftliche Unzufriedenheit und dauerhafte Krisen. Bei bereits Erkrankten, die zum Beispiel schon einen Herzinfarkt hatten, können Angst und Depression den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.

Wie kann die Behandlung um psychologische Aspekte ergänzt werden?

Eine umfassende Behandlung müsste aus psychologischer Sicht so aussehen, dass schon während der Akutphase auf der Intensivstation, etwa nach einem Herzinfarkt, ein erster Kontakt mit einem Psychotherapeuten stattfindet, um im Einzelfall herauszufinden, wie der Patient die Situation psychisch verarbeitet und ob er Hilfe braucht. Während der stationären Rehabilitation sollte nach meiner Auffassung jeder Patient ein bis zwei Gespräche mit einer psychologisch geschulten Person führen können.

Und was passiert, wenn der Patient wieder in den Alltag entlassen wird?

Die Langzeitbetreuung ist das größte Problem. Sie wird den niedergelassenen Ärzten zugesprochen, die dies in vielen Fällen sicherlich sehr gut machen. Hier haben wir derzeit in Deutschland allerdings ein Problem, denn die finanziellen Rahmenbedingungen sind trotz einiger Verbesserungen noch immer nicht befriedigend. Ein praktischer Arzt, der sich für seinen herzkranken Patienten beispielsweise 25 Minuten Zeit nimmt, erhält für diese Leistung verhältnismäßig wenig Geld. Persönliche Zuwendung bedeutet im Vergleich zu apparativer Leistung noch immer finanzielle Einbuße. Bei besonderen Problemsituationen müsste der niedergelassene Arzt aber nicht selbst psychotherapeutisch behandeln, sondern nur herausfinden, ob eine Überweisung zum Spezialisten nötig ist.

Welche zusätzlichen Erfolge versprechen Sie sich davon?

Die starke seelische Belastung durch eine koronare Erkrankung bringt immer einen Bruch in der Biographie und Lebensführung mit sich. Es stellt sich die Sinnfrage, es treten Ängste und Unsicherheit auf, es steht oft zum ersten Mal im Leben das Thema Tod auf der Tagesordnung. Zunächst einmal kann man sich von psychologischen Interventionen also versprechen, dass die seelische Belastung auf diese Weise sowohl vom Patienten als auch vom Partner besser verarbeitet wird.

Reagieren viele Patienten nicht eher abwehrend auf psychotherapeutische Ansätze?

Patienten reagieren immer dann abwehrend auf psychotherapeutische Ansätze, wenn sie ihnen wie Spinnenbeine präsentiert werden. Nur Kardiologen, die selbst ein positives Bild von psychologischer Unterstützung haben, können hierüber mit positiven Gefühlen sprechen. Wenn psychotherapeutische Interventionen im Gesamtkonzept einer Klinik deutlich sichtbarer und auch normaler Bestandteil sind, so dürften mindestens die Hälfte der Patienten und vor allem ihre Partner an psychologischer Hilfe interessiert sein. Patienten sollten ihre Vorbehalte duchaus offen ansprechen, sich aber auch auf einen Versuch einlassen und nicht nach dem ersten Gespräch abspringen.

Sollte jeder Herzkranke eine Psychotherapie machen?

Auf keinen Fall. Eine Psychotherapie setzt voraus, dass es klare, benennbare Symptome gibt. Und der Patient muss einen gewissen Leidensdruck haben und motiviert sein, eine Therapie zu machen. Im einfachsten Fall kann eine Gesprächstherapie für Patient und Partner innerhalb weniger Sitzungen Hilfe bei der Bewältigung der Krankheit bringen. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Patienten aus der Kardiologie, die dringend psychotherapeutische Unterstützung brauchen. An erster Stelle sind hier beispielsweise Menschen zu nennen, die einen implantierten Defibrillator haben, außerdem Patienten vor und nach einer Herztransplantation. Andere Herzkranke brauchen psychologische Betreuung, wenn Angst und Depression noch sechs Monate nach Krankheitsbeginn eine bedeutende Rolle spielen, wenn Einsamkeit und geringe soziale Unterstützung gibt, wenn die Lebensstilveränderung gar nicht gelingt, es massive Partnerkonflikte gibt oder eine deutliche Erschöpfung beim Patienten diagnostiziert wird. Dies sind einige der häufigsten Beispiele aus meiner Praxis.

Was ist das Ziel einer solchen Therapie?

Das Ziel solcher Interventionen muss immer individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden. Wenn Angst und Depression ein so großes Ausmaß haben, dass die Lebensqualität beeinträchtigt ist, so muss die Therapie hierauf abzielen. Wenn es in der Beziehung kriselt, Erschöpfung oder die Bewältigung der Krankheit im Vordergrund stehen, so muss die Behandlung ganz anders aussehen. Prinzipiell haben psychologische Interventionen vor allem das Ziel, die Lebensqualität zu verbessern, indem sie ein psychisches Leid vermindern. Wenn es ihnen gelingt, eine grundlegende Veränderung der inneren Befindlichkeit herbeizuführen, psychischen Druck abzubauen und eine lustbetontere Lebensweise zu fördern, so können sie indirekt auch zur Lebensverlängerung beitragen.

Warum ignorieren viele Menschen die guten Ratschläge für ein gesundes Leben?

Ratschläge sind auch Schläge. Außerdem ist der Mensch prinzipiell eher irrational, nicht vollkommen und nicht vernunftgesteuert. Es ist eine hohe Leistung, den Lebensstil zu ändern, und man sollte Menschen zuallererst Mut und Lust zur Veränderung machen, nicht mit dem ewig erhobenen Zeigefinger drohen. Drohungen mobilisieren immer inneren Widerstand. Trotzalledem sind die Präventionsbemühungen zum Teil erfolgreich, vor allem in der Mittelschicht. In den Industrienationen scheinen Männer zunehmend etwas gesünder zu leben ­ sie erkranken seltener. Frauen legen dafür etwas zu, unter anderem wegen der Kombination von Antibabypille und Zigaretten.

Wie kann man denn jemanden, der sich mit seinen kleinen Lastern wohl fühlt, dazu bringen, sein Leben umzukrempeln, um im Alter vielleicht nicht krank zu werden?

Wenn es zu dieser sehr prinzipiellen Frage eine Antwort gäbe, wären wir viel weiter. Wer sich wohl fühlt, ändert sich nur, wenn er sich dadurch noch wohler fühlt, das ist meine persönliche Hauptthese. Meine Empfehlung an die Präventionsstrategen ist deshalb: mehr Spaß, Lust und gemeinsame gesundheitsförderliche Aktivität. Ein schönes Modell sind etwa die Abende für Inline-Skater, an denen in Frankfurt, Berlin und anderen Städten einige Tausend Personen teilnehmen, die hier Spaß und Bewegung haben und Kontakte knüpfen. Längerfristig kann man nur auf geduldige Überzeugungsarbeit setzen, die in der Kindheit beginnt. So lässt sich wahrscheinlich auch ein entsprechendes gesellschaftliches Klima schaffen. Denn Lebensstile ändern sich weniger individuell als kollektiv ­ in Familien, in Vereinen, in ganzen Abteilungen oder Firmen. Schnittpunkte oder sensible Phasen für den einzelnen sind beispielsweise die Geburt eigener Kinder oder Krankheit und Tod von nahe stehenden Menschen. Auch eine gute Beziehung zum Hausarzt kann dazu beitragen, dass ein Patient sein gesundheitliches Risikoverhalten überdenkt.

Was kann der Patient selbst für eine solche gute Beziehung tun?

Der Patient kann seinen Beitrag leisten, indem er sich öffnet, nicht bagatellisiert und um den heißen Brei herumredet. Eine gute Gelegenheit für offene Gespräche sind zum Beispiel Herz-Kreislauf-Checks mit Belastungsuntersuchung, Blutabnahme oder Ultraschalluntersuchung. Hier ergibt sich immer die Zeit, über Bewegung, Rauchen und Stress zu sprechen. Das ist eine gute Chance für ganzheitliche Medizin. Wenn die anstehenden Themen nicht ganz akut sind, sollte man den Mut haben, seinen Arzt um einen Termin am Rande der Sprechstunde zu bitten, damit mehr Zeit zur Verfügung steht.

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