Psychokardiologie Meldung

Deutsche Kardiologen vollbringen Spitzenleistungen in der Akutbehandlung von Herzkranken. Doch an psychologischen Hilfen für Patienten mangelt es, vor allem in der Langzeitbetreuung.

Nach einem Herzinfarkt gerät die gesamte Lebensführung und Lebensplanung eines Menschen mit einem Schlag aus den Fugen. Für die Patienten ist nichts mehr, wie es vorher war, sie fragen nach dem Sinn des Lebens und haben plötzlich Angst vor dem Tod. Doch die psychische Ausnahmesituation, in der sich viele Herzkranke befinden, wird von Ärzten noch viel zu wenig beachtet. Sie setzen vor allem auf die technischen Triumphe der Medizin.

Tatsächlich haben Herzspezialisten in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte bei der Therapie ihrer Patienten erzielt. Die koronare Herzkrankheit - die Verengung der Herzkranzarterien - konnte zunehmend mit Medikamenten und auch operativ behandelt werden. Bypass-Chirurgie und Dehnung der Adern per Ballondilatation gelten heute als selbstverständliche Eingriffe an den Blutgefäßen. Die neuen Techniken sind oft lebensrettend und erhöhen die Lebensqualität von Herzkranken maßgeblich.

Auch wenn Ärzten und Patienten bewusst ist, dass die klassischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie zum Beispiel Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel psychologische Ursachen haben, konzentriert man sich in der Herzmedizin weitgehend auf den Einsatz von Medikamenten und Medizintechnik. Auch die Patienten nehmen vorwiegend die organmedizinische Seite der Erkrankung wahr. Der Zusammenhang zwischen Herz und Psyche wird leicht vergessen oder verdrängt.

Dabei ist wissenschaftlich gesichert: Auch psychosoziale Faktoren wie Stress, depressive Verstimmungen, Angst oder soziale Isolation können die Entstehung und den Verlauf von Herzerkrankungen beeinflussen. Auf kaum einem anderen Gebiet der Medizin wurde so viel geforscht wie in der Herzmedizin, und auch die Suche nach psychischen Zusammenhängen steht seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung. Doch eine systematische Zusammenfassung aller Studienergebnisse gibt es bisher nicht. Gäbe es sie, könnten Konsequenzen für die psychologische Erweiterung der Therapie und bessere Präventionsstrategien leichter gezogen werden.

Das wollen hochrangige kardiologische, psychosomatische und psychologische Experten jetzt ändern. Sie tragen das vorhandene Wissen in der Statuskonferenz Psychokardiologie zusammen, systematisieren und bewerten es. Die Initiatoren der Statuskonferenz, Dr. Jochen Jordan, Dr. Benjamin Bardé und Professor Andreas Zeiher, wünschen sich, dass so in Zukunft psychosoziale Aspekte in der Kardiologie stärker Fuß fassen.

Zusatzbetreuung erwünscht

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Interviewpartner Dr. Jochen Jordan

Das würde vor allem Patienten vor und nach einer Herzoperation oder nach einem Herzinfarkt zugute kommen. Patientenbefragungen zeigen, dass zwischen 10 und 20 Prozent eine psychologische Zusatzbetreuung wünschen. Im Rahmen von Modellprojekten, die psychotherapeutische Angebote ganz selbstverständlich machen, ist die Nachfrage sogar wesentlich größer.

In der stationären Rehabilitation wird nach einem Herzinfarkt schon heute versucht, die Patienten dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu ändern, vor allem was die Hauptrisikofaktoren Rauchen, Ernährung und Bewegungsmangel angeht. Viele Patienten bemühen sich nach der Entlassung aus der Klinik auch tatsächlich, ihren Lebensstil zu ändern. Viele gewöhnen sich erfolgreich das Rauchen ab, aber die Essensgewohnheiten zu ändern, Übergewicht abzubauen oder sich mehr zu bewegen, bereitet große Probleme. Insgesamt, so Dr. Jochen Jordan, setzen Mediziner und Gesundheitsexperten bei der Lebensstiländerung zu wenig systematisch psychologisches Wissen ein, sondern drohen eher mit erhobenem Zeigefinger.

Neben der Statuskonferenz Psychokardiologie wollen auch andere Fachorganisationen die einseitige Orientierung der Kardiologie an der Medizintechnik aufbrechen, so etwa die Arbeitsgemeinschaft für kardiologische Rehabilitation und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit liegen sie im internationalen Trend. Die Zeitschrift der American Medical Association veröffentlichte vor wenigen Monaten einen Übersichtsbeitrag zum Stand der psychokardiologischen Forschung und Therapie. Fazit der Studie: In Kürze werden Diagnostik und Therapie von Stress und Depressionen wohl zu den selbstverständlichen Behandlungsstandards bei Herzerkrankungen gehören.

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